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023_2022. Das Märchen von Wasserherz & Kussmund. Oder auch: Aktionswochen verpasst?

  • Autorenbild: GM
    GM
  • 14. Juni 2022
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 15. Juni 2022

Mittwoch, 15. Juni 2022

19:00 Uhr, 27°. Das Plastik des Sitzballs klebt an meiner Haut.

Auf der Leinwand des cremefarbenen Sonnenschirms, der in meinen Balkonkasten ragt, drei cremeweiße Röschen. Die Ränder der äußersten Blätter in zartes, sprenkeliges Rosarot getaucht. Dahinter ein silbergrüner, feingliedriger, blühender Grasbüschel. Japanisch-europäisches Stillleben.

Hinter der Leinwand tobt sich die Sonne in moderner Popartkunst aus. Die Dolden der Gräser zeichnen sich in grellem Gelb und zeichnen verzerrte, negative Schatten.

Vögel zwitschern. Ich bin müde. Müde von den Pollen, müde von dem, was in meinem Körper los ist. Müde von den ewigen Schmerzen, dem Panzer um mein Zentrum. Meine Säule. Meine Wirbel.

Mir fehlt der Sport. Aber, es ist gut. Mir geht es schon wieder besser als die letzten Tage.

Vielleicht ja auch eine Einsparungsform bei der Inflation. Bergsteigen für Homies. Berg- und Talfahrt klimaneutral und ... ok, das mit dem kostengünstig ist eher ein Kalter.

Egal.

Ich hab jedenfalls die Aktionswochen verpasst, scheint mir. Seit ein paar Tagen gehen die brauchbaren Männer weg wie die warmen Semmeln. Erst der Hüne. In chicen, beigen Flanellhöschen samt Weste. Rechts die Frau, links die Enduro. Ich wünsche euch alles erdenklich gute für eure Zukunft. Schade, dass du mir davon nichts erzählt hast. Aber, warum auch. Ich hätte nicht vermutet, dass du nach dem Tod deiner ersten Frau so schnell wieder eine so große Liebe findest. Zwei Jahre und schon heiratest. Mutig? Logisch, nach dem, was du schon erlebt hast? Aber, erklärt jedenfalls, warum du den Kontakt zu mir hast einschlafen lassen. Erklärt mir nicht, warum du vor recht kurzer Zeit noch einmal - für deine Verhältnisse - so unfassbar lang mit mir geschrieben hast. Es ist jetzt auch egal. Ich wünsche euch alles Glück dieser Welt. Ihr habt ja Recht: Worauf warten.


Trau mich bald nimmer fragen:

Was gibt's bei dir neues? Hochzeit. Wohin so chic? Ich muss zur Hochzeit. Was planst du denn? Hochzeit. Welche Hochzeit? Die. Eine. Meine.

Hoch-zeit für Hochzeiten wie mir scheint.

hm. Ich vermute, ich sollte demnächst mal in die Berge. So lang die Hitze noch nicht jede Lebensader ausgesaugt hat und die Bäche noch ins Tal stürzen über "ihr Glück, so rein, so reg" (Rilke, eh klar). Mein Herz in einen schönen, frisch dahinplätschernden Bach werfen. Vielleicht löst es sich ja auf, wie ich, damals. Treibt ins Tal, ohne Halt und ohne Wollen. Vielleicht findet es auf dem Weg ja auch den zarten, anmutigen Knöchel eines hoch gewachsenen, sportlichen, jungen Kerls, der im Bach steht, sich zu erfrischen. Vielleicht ist es launig, verspielt genug, diesen Knöchel so aberwitzig zu umspielen, dass der Jüngling sein Kitzeln verspürt, ins Wasser greift, sich die Fessel zu reiben. Soll es so sein, so wird er seine nasse Hand zu seinen Lippen führen, sie zu benetzen. Wenn mein Herz erst seine Lippen berührt, so wird er dem Zauber dieses Kusses erliegen.


Hach, Säufzerchen. Wie kann ich doch schöne Märchen erdenken. Dabei ist es gar kein Märchen. Wer einmal meine Lippen erblickt hat wird nun rennen, die Gebirgsbäche zu stürmen.

... und sich vermutlich üble Erfrierungen holen. Hehe.

Nein, ganz sicher nicht. So schlimm kann's gar nicht werden.

Ich werde das Fingerchen mitnehmen zum Gebirgsbach. Ich werde meine Füße in das eiskalte Wasser stellen. Bis der Kuss eines stattlichen, zartfüßigen Jünglings meine Fesseln umspielt. Auf das Fingerchen werde ich derweil in winzigen Buchstaben eines meiner liebsten Gedichte schreiben. Ich werde das Fingerchen ins Bachbett legen, auf mich gerichtet. Auf meine Fesseln deutend, deren Nerven bis dahin – vermutlich – auch das Kribbeln der Kälte, Pardon, seiner Küsse nicht mehr spüren werden.

Ja, so ist das. Und wenn du gerade dahinschmilzt: Doing!!!!!

Der Gong.

Grins. Das bin ich. Wir sind hier ja auch bei 'So ist es', nicht bei 'Wünsch dir was'. Ich bin einfach zu geerdet. *Du bist echt spröde*, würde T. sagen. Was soll's. So ein gewisser Stilbruch ist doch heute modern. Grins.


Das Gedicht. Darf ich hier ungefragt zitieren? Pf... ich zitiere. Rilke.


Du musst das Leben nicht verstehen
Du musst das Leben nicht verstehen, dann wird es werden wie ein Fest. Und lass dir jeden Tag geschehen so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen sich viele Blüten schenken lässt.
Sie aufzusammeln und zu sparen, das kommt dem Kind nicht in den Sinn. Es löst sie leise aus den Haaren, drin sie so gern gefangen waren, und hält den lieben jungen Jahren nach neuen seine Hände hin.

Ich werde das Gedicht

wieder

so oft lesen,

bis ich es

wieder

lebe.


Bis ich es, die anmutige Fessel des verkühlten Jünglings sanft wärmend, leise über meine unwiderstehlichen Lippen fließen lasse. Hinauf über seinen Rist, sein lang gewachsenes Bein, seine Lenden, über seinen Bauch. An seinem Nabel werden sie naschen, seiner Brust, seinem Hals. Dann wird er fallen. In meine Wasser.


Ich bin. Weil ich es liebe.


Ein Märchen. Ein Traum. Eine unrettbare Romantikerin.


Ein wenig ver-rückt.

Vielleicht. Mag sein.



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