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007_2022. Die Nudel kommt ins Gleichgewicht

  • Autorenbild: GM
    GM
  • 12. März 2022
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 17. März 2022

12.03.2022, Samstag, 20:45 Uhr Stäbli Bad

Kindheitstrauma überlagert, Moral abgesoffen

Ihr solltet vorab eines über mich wissen. Wenn ihr mich los werden wollt, müsst ihr eigentlich nur das Wort 'Wasser' aussprechen und ich bin schon dreißig Kilometer andere Richtung zu finden. Zack-Zack geht das bei mir.

Alles was tiefer ist als Pfütze ist mein ganz persönliches Grauen. Mein Schwimmen ist eher ein kontrolliertes Nichtabsaufen. Oma Style. Kopf unter Wasser? Nicht für 'ne Million.

In der Badewanne, kurz. Ok. Aber ohne Boden unter den Füßen? Never ever.

Ja, so ist das.


Und jetzt, nach über fünfunddreißig Jahren kehre ich zurück an den Ort des Grauens. Ins Schwimmbad. Noch dazu in das Schwimmbad. Dorthin es begann und endete.

Alles ist noch wie früher. Nichts hat sich verändert. Nur das Gefühl. Das Becken ist nicht mehr so groß, nicht mehr so bedrohlich.

Zum Glück auch nicht so viele Leute. Unangenehm ist es mir trotzdem. Hier auflaufen im extra gekauften Bikini mit dem Jogginggürtel unterm Arm. Ich hasse es, in der Öffentlichkeit leicht bekleidet herum zu laufen. Jetzt stehe ich hier. An dem Ort, an dem ich 'Spaß am Schwimmen bekam bis ich fast abgesoffen bin. Wie irgendwie immer bei mir. Ging zu schnell zu gut. Ich sehe mich heute noch, wie ich schon völlig platt, als zwickel zwackel kleines Mädl hinter dem Schwimmlehrer her laufe zum 'großen Becken'. Rein. Ohne Schwimmflügel. Stolz wie Bolle. Nach ein paar Schwimmzügen schwappt mir eine Welle ins Gesicht. Ich pruste, ich huste, ich verschlucke mich, fange an zu strampeln und sauf ein paarmal ab. Richtig ab. Strample mich panisch hoch, bis der Typ endlich auf die glorreiche Idee kommt und mir in Ermangelung irgendeines - ach was weiß ich... er hält mir halt nur sein ausgestrecktes Bein hin, weil ich zu weit vom Beckenrand weg bin, als dass er mich so fassen könnte. Die Rache folgte in seinen Zeh. In meiner Panik habe ich mich wohl saftig, blutig in seinem großen Zeh festgebissen. Selbst Schuld, Pfosten.

Hier war das. Ja. Hier.

Dann kam der Moortümpel im Freizeitgelände. Die Eltern, die - sicherlich aus Sorge - immer erzählt haben: "Da hinter darfst nicht schwimmen. Die Seerosen, die wickeln dich ein und ziehen dich runter." Ich hab mich aber hinein getraut. Immerhin. Bis zum Bauchnabel. Weil es seicht hinein ging. Weil ich Grund unter den Füßen hatte. Das große Schwimmbecken daneben war eh schon gegessen. Und es kam das Bruderherzchen, das nichts besseres zu tun hatte, als mich wiederum unter Wasser zu drücken und nicht mehr hoch zu lassen.

Ich komme zurück aus der Erinnerung. Mein Blick geht vom Kinderbecken zum hinteren rechten Rand und dem 1m Sprungbrett. Alles wie früher. Sehe mich dort hinten. Sehe den Haufen Mitschüler, das Horrorpflichtschwimmen in der Schulzeit. Auch hier. Ja, auch hier. Springen. Tauchen. Da hinten. Alles Dinge, die so gar nicht gingen für mich. Alle konnten richtig schwimmen. Ich mich nur oben halten. Kopf unter Wasser. Ringe hoch tauchen. " Stell dich nicht so an", die verständnisvolle, gängige Antwort der Sportlehrer. War nicht schön, aber war noch ok. Ich bin halt einfach nicht getaucht. Aber das beliebteste Spiel der Mitschüler, von den Lehrern geduldet: Alles stürzt sich auf einen und taucht den so lang unter bis... ja bis was eigentlich. Es war wirklich ein einziger Horror. Ich habe mich gedrückt so gut ich nur irgendwie konnte. Als ich mich dann einmal überwunden habe zu springen, was passierte? Ich sprang in meiner Furcht mit geschlossenen Augen ... einer Mitschülerin so auf den Kopf, dass sie ohnmächtig unter ging.

Geschrei war groß. Die ganze Klasse gegen mich. Wie ich das nur tun könnte. Alle Beteuerungen, dass ich sie nicht gesehen habe, keiner hat es mir geglaubt. Jetzt war ich auch noch fast schuldig am Unglück eines Menschen. Das sitzt.

Sagen wir so. Man kann seine Wasserlaufbahn idealer starten.


Aber, heut ist heut. Einmal durchschnaufen. Abschütteln. Rein jetzt.

Ich bin größer, ich bin älter und ich kann mich ja am Rand halten.

Außerdem bin ich ja diesmal bewusst und freiwillig hier um mich völlig zum Deppen zu machen. Mit einem Schwimmgürtel durch's Wasser zu laufen. Peinlich.


Glücklicherweise kommt die Bademeisterin vorbei und hat gleich lobende Worte für dieses Vorhaben. Das beste, was man machen könne um bei Verletzung oder Gelenkproblemen Kraft aufzubauen. Tipps hat sie auch gleich parat.

Das macht doch gleich weniger peinlich.

Gürtel um.

Ui, der trägt ja richtig.

Die Angst vor dem bodenlosen Wasser schwindet langsam. Ich trete mir den Wolf. Fange direkt an, Spaß daran zu haben.

Ist das sackanstrengend. Ja leck!!!! Super genial. Endlich wieder eine Möglichkeit mich auszupowern. Die Birne fängt an zu glühen. Plötzlich kann ich mich völlig entspannt auf den Rücken legen, den Kopf ins Wasser hängen lassen und vor mich hintreiben. Total loslassen.


Man, tut das gut.


Gürtel ab, eine Bahn Omaschwimmen im Nichtschwimmerbereich. Noch eine. Neben mir kraulen die Könner. Ziehen an mir vorbei. Es packt mich. Ich will's jetzt endlich auch wissen und schwimme über die magische Linie. Plan? Jemand finden, der mich unterstützt die Angst vor Kopf unter abzubauen und mir technisch vernünftig in Schritten das Kraulen beibringt.

Wasser kann richtig Spaß machen.


Die Nudel kommt ins Gleichgewicht.

Derweil ich vor Mut über mich selbst hinaus wachse und inzwischen wieder als grinsende Leuchtboje durchs Wasser pflüge ziehen zum inzwischen xten Mal zwei Herren an mir vorbei. An uns. Ni hat aufgeschlossen.

Der deutlich korpulentere der Herren fasst sich ein Herz und spricht mich an. "Darf ich Sie mal was fragen?" "Klar" ich zurück. "Dieses Ding, diesen..., was Sie da umhaben, was ist das?" Geduldig erkläre ich ihm, dass wir das auch das erste mal probieren und wie unglaublich anstrengend das ist. Er: "Ich hab auch immer gedacht, das ist Blödsinn, aber wenn ich das so sehe. Kann man sich das hier irgendwo ausleihen?" "Weiß ich nicht. Wir haben es mitgebracht. Aber Sie können es gern mal probieren", biete ich ihm an. Nachher dann, er müsse noch seine Bahnen schwimmen.


Nachher kommt und ich mache ihm den Gürtel soweit es geht. Er nimmt ihn entgegen. Legt ihn an. Ich erkläre ihm, was ich bisher weiß, schwimme kurz nebenher. "Die Arme müssen Sie schon mitnehmen, oder laufen Sie ohne Arme?" "Mach ich doch", er.

"Hm..." ich. "Also dran sind sie, die Arme insofern nehmen Sie sie mit. Was ich meine ist bewegen. So, als ob Sie laufen." "Ah oh, ok". Gar nicht gemerkt. Witzig.

Er probiert neu. "Oh, ok. Wow. Gar nicht so leicht", er. Dann erzählt er weiter: "Ich hab da vorhin 'n Herrn gesehen, der hatte so 'ne Schwimmnudel. Die hat er sich zwischen die Beine geklemmt und ..." Wir erreichen inzwischen den Nichtschwimmerbereich. Er strampelt, ich vergesse. "Ja, des kann man auch machen", und während ein Wort nach dem anderen meine Lippen verlässt:

"Mit 'ner Nudel zwischen den Beinen ist nur es deutlich schwieriger das Gleichgewicht zu halten."

denke ich so bei mir: Gudrun, Mund halten, es wird keinem weiteren Wort in irgendeiner Art und Weise besser.


Nun, was soll ich sagen. Drei Deppen ein Gedanke.

Ungläubige Augen sie. "Ähm..." ich. Schallendes Lachen rundum.

Ich weiß auch nicht, was das immer ist. Ich gehe als ehemalige Klosterschülerin zurück ins Schulbecken und komme - ich schwöre, völlig harmlos im Geiste - als unfreiwillige Famme fatale wieder raus. Dabei bin ich doch nun wirklich nicht einmal im Ansatz ....

Keine Ahnung, welche Knöpfe ich da immer drücke. Ich zumindest hatte meine Finger brav bei mir.




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