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009_2022. Dose beißt Fingerchen oder auch Fingerchens Rückkehr

  • Autorenbild: GM
    GM
  • 1. Apr. 2022
  • 5 Min. Lesezeit

02.04.2022, Dose beißt Fingerchen später auch Fingerchens Rückkehr 10.00 Uhr, Dose beißt Fingerchen Sitze neben M. im Büro. Die Wange auf die Hand gestützt thront der gepflasterte, verblutete Mittelfinger direkt vor seiner Nase. "Hat dich 'n Hund gebissen?`", er.

"Ne Dose", murmle ich geistesabwesend zurück. Er: "Wer? Dose? Wer ist Dose?" Ich kann nicht umhin, mir einmal zu zu grinsen: Ne jetzt, echt oder? Dann nehme ich die Hand von der Wange und betrachte das Fingerchen.

Das Pflaster ist saftig durchgeblutet. Sieht ganz schön martialisch aus.

"Ups, hat ja doch noch ganz schöne Nachwirkungen."

Grinse.


Wir sind mal wieder bei 'wird mit keinem Wort besser' angekommen. Mein Navi führt meine Gedanken schon wieder von Sackgasse zu Sackgasse. Lacht dabei hämisch: *April, April. Schon wieder falsch abgebogen.*


Hach ja, denk ich. Antworte aber artig: "Ne, nicht Dose. NE Dose."

"Ne Dose", er fragend. "Yup", ich. "Ich hab 'ne Hundefutterdose aufgemacht und zack."

"Ach so." Er lacht. "Dich hat 'ne Dose gebissen." Soviel Wortwitz hat er wohl nicht erwartet. Mag er aber scheint und versucht es auch: "Dann musst du eben kleinere Dosen nehmen. Döschen halt".


... und er ahnt dabei nicht im Ansatz, was er soeben gesagt hat. "Ja, leider hab ich halt kein Döschen". Grinse.

Nur ich weiß, warum. Müsst ihr nicht verstehen.

Mein Gag.

12.25 Uhr, noch fix in der Apotheke Fingerchens Rückkehr

Fingerchen war lange weg. Vermutlich hat es eine stationäre Therapie für sozialphobische Essgestörte gemacht, denn es hat ordentlich zugelegt. Und es hat sich außerdem wieder einem -aktuell etwas asozialen - Verbund aus Lebenstransportvehikelteilen angeschlossen. Meinem Körper eben. Ja, so bin ich. Ich habe die Befindlichkeit aus dem Physioraum praktisch vollumfänglich in mich integriert. Auch, wenn es mir beim ersten Kennenlernen gleich so blöd gekommen ist. Sowas schreckt mich nicht.


Emotional ist Fingerchen aber nach wie vor noch nicht so ganz stabil. Sagen wir so: Es reagiert nach wie vor leicht ein wenig 'über'. Zumindest, wenn es ausgerechnet von Dose geschnitten wird. Da weint es gleich bitterlich blutrote Tränen. Was man ja noch verstehen kann.

Warum es allerdings dann nicht mehr raus kommt aus der emotionalen Schieflage und noch Stunden später bei jedem neuen Kontakt mit anderen Subs(is)tanzen gleich brennend und feuernd den Rückzug antritt. So ganz ruht es wohl noch nicht in sich.


Wir haben heute Abend allerdings wieder Körperworkshop mit der gesamten Transportfirma. Aufgabenstellung: Teamentwicklung. Dafür werden wir ins Schwimmbad gehen. Plan wäre, dass sich die verstrittenen Körperebenen unter Anleitung von Chlor und H2O2 wieder zu einer teamfähigen Mannschaft entwickeln. Sozusagen, im Idealfall, wieder in ein gesamtes, ein polyamuröses Verhältnis miteinander zurück kehren.

Fingerchen randaliert allerdings schon den ganzen Tag, wenn es nur Wasser riecht. Dieserhalb und desto wegen werde ich als moderner Arbeitgeber die Bedürfnisse meines neuen Angestellten berücksichtigen. Zumal er frisch aus der Therapie entlassen ist.


Darum betretet ich um 12.25 Uhr die Apotheke. Es brüllt und heult das dick eingepackte Fingerchen an meiner Hand wie ein dreijähriges Kind. Die weißen Punkte des klassischen Hansa sind schon lange wieder dunkelrot. Getrocknete Tränen kleben noch unter dem Fingernagel, laufen bis zur Handwurzel.

"Guten Tag", die Apothekerin. "Guten Tag, ich brauche ein echt wasserdichtes Pflaster", ich.

"Ein echt wasserdichtes... was haben Sie denn gemacht? Verbrennung oder ..." sie. Bevor die arme Frau weiter sprechen kann prangt auf der meinigen Seite des Plexiglases schon wieder das gruslige Fingerchen. Hoch erhoben, aufgerichtet. Dramatisch. Zitternd wie wir es kennen. Das meine ich mit 'emotional instabil'. So schnell, wie es wieder 'oben ist', kann mein Hirn gar nicht denken. Ich versuche die sichtlich irritierte Apothekerin unter der Maske freundlich anzulächeln und entschuldige mich.

Zumindest gibt es keine weiteren Beratungen mehr. Das war ja eigentlich auch das Ziel der hochschnellenden Befindlichkeit. Kann ihm so gar nicht richtig böse sein. Mir auch nicht. Das bin ich halt. Manchmal. Pragmatisch, wortkarg und rücksichtslos, was die Empfindungen einer armen Apothekerin angeht. Ich wollte nur ein Pflaster.


Wir verlassen die Apotheke mit wasserdichtem Pflaster XXL und zwei Latex-Fingerlingen für 0,80 Cent. Ohne diese wollte sie uns nicht gehen lassen. Wenn ich die noch drüber zöge, so betonte sie, könne nichts mehr passieren.

...

............ Aaaaaaaaaaaaha!

...

Augenbraue hoch zieh.

Wenn ICH die drüber zöge.... dann.... könne .... nichts mehr passieren.

...

Das

lassen

wir

jetzt mal

so stehen.


...Ähm. Räupser.


Wieso habe ich das ungute Gefühl, dass ich schon wieder entgegen der Einbahnstraße unterwegs bin?


Egal.

Wir waren ja eigentlich schon Richtung abends und Schwimmbad unterwegs. Beim Körperworkshop und der polyamurösen Zielsetzung.

Ihr ahnt es.

Polyamorie war noch nie etwas für Fingerchen.

Ich kann es ja verstehen. Meins ist es auch nicht. Wir sind eben beide ein wenig leicht aus der Fassung zu bringen, was Verletzungen angeht. Können uns nicht frei machen. Von Befindlichkeiten meine ich. Was denkt ihr denn schon wieder.

Wie?

Ich könne wohl kaum für Fingerchen sprechen, was sein zu viel an Befindlichkeiten angeht? Ich bitte euch. Erinnern wir uns doch nur an seine - das muss man doch zugeben - etwas übertriebene Reaktion auf mein lapidares, kurzes Lachen damals ... beim Coach Schrägstrich.


Es kam jedenfalls, wie es kommen musste.

19:30 Uhr, Fingerchens großer Auftritt

Ich stülpe Fingerchen den Latexfreund über und begebe mich ins Chlorwasser. Ein, zwei Bewegungen und das 'nichts' passierte eben doch. Wie das so ist mit .... naja.... eben Latexprodukten. Es brennt wie Hölle.

Aber, ich bleibe eisern. Der Fingerling auf dem Fingerding hält. Runde für Runde. Ab und an vergesse ich die zwei fast.

*Ups, hab ich des Ding jetzt im Wasser verloren?*. Schreck. Ich strecke die Hand aus dem Wasser und betrachte den Rückkehrer. Meine Bekannte schaut mich - wie kann es anders sein - genau in diesem Moment an.

"G" ermahnt sie mich schmunzelnd. "Was?" Ich verstehe noch nicht. Sie: "Also ...." und schüttelt den Kopf.

"Ich hab jetzt echt gedacht ich hab den Fingerling verloren", rechtfertige ich den erhobenen Mittelfinger. " Des sieht wirklich ....schau mal wie das aussieht". Sie schüttelt wieder den Kopf. "Du wieder." Frau Harmlos - also ich - streckt erneut den sich mit Wasser aufblähenden, wabbelnden Latexschlumpf aus dem Chlor.

Langsam dämmert es.

Auch bei mir.

Grins. Grunz.

"Jetzt stell dir mal vor, ich verlier den hier im Becken." "Dann kann ihn ja einer von den feschen Kraulern da drüben schlucken", sie.

Wieder Lachen.

"Genau und dann bleibt's ihm noch wie ein Diaphragma am Gaumen kleben. Stell dir des mal vor. Dann muss Frau Harmlos", ich zeige dabei mit dem erneut langsam blut-und wasserleer laufenden wabernden Latexschlumpf auf mich, "muss Frau Harmlos noch den Heimlich Griff an so einem muskelbepackten Sportprofil vornehmen. Und dann kommt das Ding nicht aus dem Hals sondern mit jedem Ausatmen ein ... stell dir das mal vor!!!!!"

Bilder im Kopf.

Schallendes Lachen.

Ich amüsiere mich noch einige Male an den schnell verlustig gehenden Auftritten des Winzlings. Eines, denk ich, muss man ihm lassen.

Er hält nicht lang, aber treu ist er.


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