011_2022. Abrakadabra
- GM

- 8. Apr. 2022
- 4 Min. Lesezeit
09.04.2022, Abrakadabra. Erschaffe, während du sprichst.
Da gehst du am Sonntag zu einer Hundestunde plötzlich steht da ein zweiundsiebzigjähriger, grinsender Farbklecks vor dir, mit kullerrunden Augen, umrahmt von einer farbenfrohen Brille. Alles leuchtet silbern, weiß und blau in der Frühlingssonne. So steht er da, der pendelnde Farbkleks und hat soeben mein komplettes, privates Bild von Frauen, Alter, Beziehung und Onlinedating über den Haufen geworfen.
Aber fangen wir vorne an.
09.04.2022, 13.10 Uhr, Wer hat die Brotkrumen gefressen
Zum dritten Mal fahre ich jetzt die Strecke. In den Ort zwischen meinem jetzigen Leben und meiner Kindheit. In den Ort, in dem ich alle Straßen - jahrelang - mit meinen Hunden durchpflügt habe. In den Ort zwischen den Orten, den ich kenne, wie meine Jackentasche.
Ich bin zu spät. Weil ich eh schon zu spät bin. Und weil ich den Weg nimmer find.
Tut...!!!!!!!! Tut.... !!!! "E. hier", meldet sie sich. "Hi, E. Ich bin's. G. Du lach jetzt nicht. Ist ja nicht so, dass ich nicht schon da gewesen wäre, aber, jetzt lach nicht: Ich bin grad echt zu doof, zu dir zu finden. Des geht doch direkt von der Hauptstraße ab zu dir, oder?"
Stille.
Am anderen Ende bläst sich für Sekunden eine ungläubige Lücke auf. "Nicht wahr jetzt,.... wirklich?!?" Das blanke Erstaunen. Sie fühlt sich sichtlich auf den Arm genommen. "Ne!!! Wirklich. Mein voller Ernst", lache ich ins Handy.
Herzhaft schallt es zurück, dann beschreibt sie mir den Weg. Lacht weiter während sie auflegt. "Lach nicht", brüll ich unter Tränen zurück.
Wenige Minuten später hängt ein amüsiertes, farbenfrohes Grinsen über dem Gartentor. Mit Schwung lasse ich die alte Möhre auf den Parkplatz vor ihrer Garage fliegen, schmeiße die Fahrertüre hinter mir ins Schloss. Breitmaulfrosch trifft Breitmaulfrosch.
Grinsen.
- Ohne Worte -
09.04.2022, Abrakadabra. Erschaffe, während du sprichst.
Da gehst du am Sonntag zu einer Hundestunde und womit gehst du heim? Mit einem Haufen durchwühlter, bunter Bauklötzchen.
Auf den Bauch gedrückt hat sie dir die Kiste zum Abschied. Nicht ohne die Worte: "Abrakadabra." Sie hätte genauso sagen können: "Bau dir was schönes draus. Was neues."
Dieser grinsende, farbenfrohe, blau-silberne Pendelkleks in seiner strahlenden Fröhlichkeit hat mir soeben aber mal sowas von in meine mausgraue Linsensuppe gespuckt. Aufgestanden ist er vom Tisch, fröhlich rund und bunt ist er zu meinem unumstößlichen Bauklötzchenturm gewatschelt, hat das unterste, bunterste Steinchen gefingert und, "Abrakadabra."
Jahrzehnte stand der in deinem Kopf. Nix und niemand könnte dieses Bollwerk umwerfen. Hast du gedacht.
Und dann
im wieder mal hoffnungslos verschmetterlingten Frühjahr 2022,
in wieder mal unmögliche bestimmt sechzehn Jahre mehr Frühling verschmetterlingt,
steht da von nix auf ungefragt ein zweiundsiebzigjähriger, grinsender Farbklecks vor dir, mit kullerrunden Augen, umrahmt von seiner farbenfrohen Brille. Alles leuchtet an ihr. Silbern, weiß und blau. In der Frühlingssonne. Du schaust auf einen kleinem, verschmitzten Mund. Der redet und redet. Und redet und redet.
Derweil der pendelnde Farbkleks so dasteht.
Abrakadabra. Ob das nun stimmt mit der Bedeutung oder nicht. Mit seinen Worten hat er geschaffen in den letzten Minuten. Eingerissen, umgeworfen, durchgewürfelt hat er. Die Brille auf der Nase zurecht gerückt. Dir tief in die Augen blickend soeben dein komplettes, privates Bild von Frauen, Alter, Beziehung und Onlinedating über den Haufen geworfen.
Hat er.
Sie.
Abrakadabra, sagt sie. Erschaffe, während du sprichst heißt das auf Hebräisch, sagt sie. Auch wurscht, wenn's nicht so ist. Dann ist es eben Abrakadabra.
Ich lehne am Auto. Mein Gesicht strahlt. Mein Hirn gedopt. Von Heuschnupfenmittel und der Farbe ihrer Erzählung. Farbe in Worten, in Bildern, in Augen. Die Sonne strahlt.
Oder ist es der Kleks?
Es ist, als fingere diese mütterliche, aufgeschlossene, kleine, rundliche Hexe in ihrer ganzen kindlichen fröhlichen Weichheit kreuz und quer durch Töpfe voller Fingerfarben und würde auf meinem regungslosen Sehrspätviergerinnenkörper - rund um den offen stehenden, ungläubig grinsenden Mund - wild ihre Farben verschmieren.
Ein echtes Frederic Erlebnis. Wie das billigste, faustdicke Groschenromanmärchen aus der Buchhandlung am Hauptbahnhof. Das Märchen vom Prinzen und seiner bürgerlichen Geliebten. Nur eben die moderne Fassung.
Freunde, die sich vor zig Jahren über Online-Dating kennen gelernt haben, haben ihr ein Profil erstellt.
Komm Drehbuchschreiber, bissl ausgefallener hätt der Anfang jetzt schon werden können, bitte. So einen Quatsch glaubt doch keiner mehr, der einmal durch dieses Gruselkabinett gelaufen ist.
Sie wollte erst nicht. Eh. Gehört zur Dramaturgie.
Hat dann aber. Und nichts, aber auch nichts hat sie geschönt an ihrem Profil.
Einem aus dem Land, hunderte Kilometer entfernt, dem Land, aus dem sie vor Jahrzehnten kam ein Lächeln geschickt. Ratet mal.
Genau...
Wie es sich gehört hat er nicht geantwortet. Sie nachgelegt.
Und dann wurde aus Nichts stundenlanges, wortgewandtes Schreiben. Aus Schreiben stundenlanges Telefonieren.
Ihr wisst eh, was in so einem Groschenroman folgt. Sie hat zuuuuufälllig was zu arbeiten dort oben. Man verabredet sieht sich. Alles ist, als wäre es noch nie anders gewesen. Versteht sich eh, dass sie sich ohne Worte verstehen. Versteht sich, dass jeder den anderen lassen kann wie er ist.
Alles wird auf den Tisch gelegt.
Er will nicht Monate warten bis zum nächsten Treffen. Nimmt den Weg auf sich. Besucht sie. Schläft gleich in ihrem Haus. Bleibt aber artig. Schläft im Oberstübchen. Ganz Traumprinz. Er macht nicht den nächsten Schritt. Weil er, und jetzt haltet euch fest, weil er, wie er später sagt, als sie sich umarmt haben immer noch einen kleinen Widerstand gespürt hat.
Mooiiiiiiiiiiiiiiiiiiii Augenblinzel...... ein Sensibler ist er also auch noch.
Der Groschenroman tropft, Autor.
Als ob das nicht genügt - Bahnreisen können verdammt lang werden - wird auch noch nachgelegt. Es wird in Mai ein Familientreffen geben mit allen Kindern seinerseits, deren Familien, den Enkelkindern und sie .... richtig.. sowas gibt es auch nur in Groschenromanen, die man in der Bahnhofsbuchhandlung kauft... sie ist von Herzen eingeladen.
Ach, fast hätt ich's vergessen. Mit ihrer spirituellen Ader hat er auch gar kein Problem. Ist aber selbst so gar nicht so. Nicht, dass ich sie darum beneiden würde. Die Baustelle hab ich Holzklotz ja nicht zwangsläufig. Aber... is ja eh klar, oder? Augen verdreh.
Und dann, und jetzt finde ich wirklich, trägt der Groschenromanspack echt zu dick auf,
...' Setzt euch!
...
SETZT euch, wenn ich es euch doch sage!!!! ...
So. Festhalten. Und dann,
dann haben die beiden auch noch guten Sex.
What the fuck läuft hier eigentlich schief? - Achsel zuck, Kopfschüttel, auf mich deut, Augenbrauen hoch zieh, fragend schau -
.... und ich soll mir jetzt 'n Glitzerstab kaufen, mit einem verzückten Lächeln auf den Lippen auf Zehenspitzen durch die Welt tanzen und jeden bestimmt sechzehn Jahre jüngeren, sensiblen Kurzbartträger mit Sportprofil antippen mit den Worten:
"Abrakadabra, du bist mein sensibler Traumprinz und stehst auf ältere Frauen"
?
Na Prost, wenn das die Lösung ist.
Dann muss ich noch ne Menge lernen. Scheint mir.
Schmunzel.
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