012_2022. Kotzen weißblau
- GM

- 10. Apr. 2022
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 15. Apr. 2022
Montag, 11.04.2022, 14:30 Uhr Richtung Berge
Wenn du fährst, den Bergen entgegen. Gestochen scharf. Riesig stehen sie da. Schneebedeckt gleißen sie in der prallen Sonne.
Tiefbayrisch blauer Himmel.
Keine Wolke. Nur zu viele weiße Streifen, die das Blau durchschneiden. Aggressive, formative Streifen. Zu viele.
Zu geplant.
Zu sehr von allen Seiten.
Zu dicht.
Zu
...
Manöver.
...
Formationen am Himmel. Spitz. Scharf. Die triefende Schnulze aus dem scheißdrecks Starfighter Blogbuster TOP GUN untermalt den bedrückenden Tanz dort oben am Himmel. Wenn du siehst, du hört und denkst:
Was für eine heroisierende Scheiße!!!!
Wenn das Gedudel sich mischt mit den verschnultzten Teenagerträumen deiner Kindheit. So einen Helden wolltest du auch. Was für ein Wahnsinn.
Heute, am 11.04.2022, 14:40 Uhr taked dieser ganze Müll nur noch deinen Breath away. Heute 14:40 Uhr sitzt du im Auto und dir wird speibensübel. Du möchtest kotzen. Du möchtest nur noch kotzen.
Kotzen bis zur Ohnmacht.
Das erste mal in meinem Leben habe ich den Ort meines Friedens vor Augen und könnte kotzen.
Das ist der Grund, warum ich aufhöre, den Gedanken abreiße.
Wenn ich meine Berge sehe, hole mich ins hier.
Ins jetzt.
Ins heute.
11:52 Uhr.
Am 11.04.2022.
Und lebe.
Bin ich jetzt zu weit gefahren?
Ich hab die Ausfahrt verpasst.
Alles sieht so fremd aus. Alles zieht sich. Alles wird so langsam. Fühlt sich an wie Bewegung in einer Blase ohne Raum und Zeit. Stumpf irgendwie.
Fremd.
Die Polizei gibt mir inzwischen Geleitschutz von hinten. Wirft mich von der Autobahn. Wartet noch, als ich links abbiege Richtung Eschenloe und wendet. Zurück auf die Autobahn.
Bin eben doch nur ein harmloses Wesen in einem rostigen Kübel, das von der Schwere die heute auf den Bergen liegt und dem klebrigen Teer auffällig gebremst wurde.
Ich lande am Parkplatz. Ganz hinten steht ein Mopedfahrer und quarzt eine Zigarette.
Als ich meine Schuhe wechsle zieht der Radler, den ich eben noch überholt habe vor meiner Windschutzscheibe vorbei.
Freddi Mercury auf dem Mountainbike. Er radelt an mir vorbei. Im roten 70ger Jahre Adidas Jogginganzug. Schnauzbärtchen. Stoff für mitreißende Bilder. Die Bilder bleiben hängen. Wie die Gedanken. Das Mantra heute: Kopf auf Kurs halten.
16:58 Uhr Ich steige mit baren Füßen auf die Steine wie immer. Doch mein Körper ist nicht mehr derselbe. Links bin ich müde. Links ist mein Körper müde. Links ein deftigerer Stein, ein kurzer 'Schmerz' wie schon hunderte mal und es ist, als würde irgendein Büro in meiner Kommandozentrale zum sofortigen Shutdown aufrufen. Rebellisch, müde, wütend und zunehmend kraftlos ist der Chor, der nach oben brüllt: *Sag der Körperbesitzerin sofort, sie hat unverzüglich damit aufzuhören. Unverzüglich. Anderenfalls treten wir in den sofortigen Shutdown.* Ich ertrage das Gefühl gerade nicht. Gebe für einen Moment auf. Kreislauf runterfahren. Gefühl runterfahren. Kraft runterfahren. *Hör sofort auf mit der Scheiße!!!!!!*
Dann setzt der Atem ein, ich fange mich. Scheußlich Gefühl, so nah am Aufgeben zu sein.
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