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017_2022. Aus den Augen eines Adlers. Oder auch: Schätze, die das Leben dir schenkt

  • Autorenbild: GM
    GM
  • 8. Mai 2022
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 16. Nov. 2022

2002/2003, die Umstände, damals.

Ich lebe zu dieser Zeit in der wohl toxischsten Beziehung, die ich je erleben werde. Hoffentlich. Bin Granit geworden. Auch Treibsand, haltlos, nicht zu greifen, wird - wenn er nur lang genug brutal genug unter Druck gesetzt - zu Stein. Natur wiederholt sich. Im Großen, im Kleinen. In uns. Zwölf Jahre älter ist er. Dauerkiffer ohne Einsicht. Damals. In Scheidung lebend. Selbstbezeichnend Borderliner. Ich würde heute eher sagen schlicht und ergreifend beziehungsgestört. Zwei Deppen eine Paarung. Es war seinerseits ein permanentes ranholen und wegstoßen. Gefundenes Fressen für die seit Kindheit gelernte Selbstprophezeiung 'Du bist meiner Liebe nicht wert, mach dich wert, lauf mir hinterher'. Er war mein dritter Freund. Ich war natürlich sein Spielball. Leck mich am Arsch!!!!! Es ist ein Wunder, wie menschlich, psychisch gesund ich diese Zeit überstanden habe.

What a standing, Frau!!! Kannst echt stolz sein auf dich. Jahrelang diesen Psychoterror auszuhalten, ohne letztlich zu zerbrechen.

Innen war ich leer, tot. Aber die Schale, die hielt jeden Sturm aus. Kann man darauf jetzt stolz sein? Hm..... Ich weiß nicht.

Ich weiß nur, mich fröstelt immer noch bei dem Gedanken, was ich mir zugemutet habe. Wie klein ich werden konnte. Hoffentlich bin ich dazu nie mehr im Stande. Kein Mensch ist es wert, sich so mit Füßen zu treten.

Und ich wundere mich, warum ich die Königin der Bollwerke bin. Nein, ich wundere mich kein Stück. Ich wundere mich nur, wie es sich wohl anfühlen muss ohne diese. Diese Welt ist mir so gänzlich unbekannt.


Nun, ich bin glücklich. Glücklich, weil ich in allem negativen ein unfassbar wertvolles Geschenk mit auf meinen Lebensweg bekommen habe. Auch und gerade in solcher Zeit schenkt mir das Leben unermessliche Schätze. Schätze, von denen ich nicht im Ansatz verstehe, wann und woher sie herkommen.

Ich lasse sie mir geschehen. Ich lasse sie mir schenken.


So bin,

war,

und bleibe ich

ganz für mich. Werde eintauchen in meinen Flashback, hinein in den Sommer 2002/2003. Diessen. Ammersee. Lest, aber schweigt, wenn ihr nicht versteht. Dies ist einer meiner Momente.

Meiner wertvollsten Momente.

Schweigt. Denn

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort, sie nehmen mir all die Dinge fort. Rilke


Flashback, 2002/2003, Diessen

In den Tanzräumen einer Freundin einer Freundin. 'Sich einfach mal auf was einlassen' steht auf dem Plan. Fels goes dancing.


Tanztherapie. Hätt ich das gewusst. Eine Stunde pure Überwindung. Eine Peinlichkeit nach der anderen durchleben. Loslassen? Nein. Loslassen führt zu Verletzungen. Es ist eher das mir so vertraute Gefühl von 'Dann is mir gleich grad wurscht'. Hirn aus, Musik an. Mein Körper ist es, der Kontakt aufnimmt zu den mit zappelnden Fremden um mich. Peinlichstes aller peinlichsten Treffen sich frei tanzender Ohhhmmms und mitlebenskrieselnder Hormonwaschtrommeln, konstatiert mein Ego. Bin ja nur da, weil E. mich eingeladen hat. Und .... Aufgabe heute war ja: Was neues probieren. Probieren wir eben mal therapeutisches Tanzen. Ihr zuliebe.

Mein Körper steht im Raum. Sondert sich ab. Aber E., die Freundin der Freundin lässt ihm keine Chance, sich dem Geschehen zu entziehen. Drum bleibt meine Seele auch zu 99,9% Prozent mit jedem ansatzweisen warmen Gefühl für irgendwen hier im Raum ganz tief versteckt hinter meinem Rücken. In meinem Rücken. Tief drunten in meiner Wirbelsäule. Im letzten Eck. Da, wo keiner dran kommt. Da, wo keiner hinsieht. Keiner. Nicht einmal ich.

Viel Aktion im Außen verhindert zu viel Annäherung an meinen Körper.

Wann is das endlich rum?!, bei jedem Move. Tanz mich nicht an!!!, bei jedem Eindringen dieses sich windenden, zappelnden, nachhaltig- biologischen Baumwollgewalle um mich herum. Ich bin mir sicher, meine Energie wirft die Gruppe Lichtjahre aus ihrer Aura. Kann ich mit leben. Hauptsache raus aus meiner.

Ich entschließe mich, den Elfen aus dem Weg zu dancen und die Trommeln - so gut ich kann - für mich zu nutzen. Afrodance von dreizehn bis vierzehn zahlt sich aus. Mal wieder tanzen. An sich eine gute Sache. Ich move mir Raum frei.

Freiraum. Lasse mich herab, die geballte Güte, das geballte Mitfreuen, ob des jungen Dings G., das endlich so aus sich heraus geht. Glaubt doch, ich wäre ein Teil von euch. Glaubt doch, was ihr wollt. Ich bin bereit, das Ganze - erfolgreich auf Abstand gebrachte - mich Angelächle und Angetanze, den ganzen emotionalen Support freundlicherweise auf meiner Türschwelle ablegen zu lassen. *Mehr Nähe ist nicht drin, ihr Außerirdischen. Sorry! Never!*


Eine Stunde pure Überwindung. Eine Peinlichkeit nach der anderen abgebogen. Losgelassen? Nein.

"So. Jetzt legt euch auf den Rücken, macht die Augen zu und entspannt noch ein bisschen", E.

Herzensmensch. Frohsinn. Unbekümmerte Weiblichkeit. Lebenskünsterlin. "Ich leg euch noch ein bissl Musik auf".


Ich bin - zu diesem Zeitpunkt meines Lebens - noch niemals geflogen. In keinem Passagierflieger. In keinem Segelflieger. Keinem Hubschrauber. Nicht einmal die Treppe hinunter. Ich kannte keine Gleitschirmflieger, keine Erzählungen über das Gefühl, wie es ist, den Boden unter den Füßen zu verlieren ohne zu stürzen. Das Gefühl, den Boden, die Erde, die bekannte Dimension zu verlassen war mir fremd. Nein, ganz richtig ist das nicht. Als kleines Mädchen von vier, fünf Jahren konnte ich halbe Treppen hinunter schweben. Ok, in Wahrheit wurden es mit Händen links und rechts an der Wand vielleicht drei Stufen, aber, was wissen die Erwachsenen schon von der Welt eines Kindes.


Zurück zu dem liegenden Körper. Damals. In Diessen. Zurück zu E.'s seltsamer Definition von 'Musik'. Gesprochene, seeehr pathetisch, sehr emotional vertonte Gedichte. Noch nie gehört sowas.

Lassen wir das halt auch noch über uns ergehen. Ist ja bald rum! Mein Hirn hält fest an der Nüchternheit des Raums. Meine Seele wir ein wenig weicher. Es beginnt mich zu treiben .....

Irgendwann wird mein Atem langsamer,

flacher. Irgendwann werden meine Gedanken langsamer,

flacher. Irgendwann

döse ich weg.


Und wache auf in der dritten Dimension.


Aus den Augen eines Adlers.

Steuere auf eine, in der Abendsonne tieforange erstrahlende, hunderte Meter hohe, schroffe Felswand zu. Majestätisch. Die Luft strömt um meinen Kopf, meinen Körper entlang, bricht sich an den Vorderkanten meiner Arme, und fließt über meine Schwanzspitze ins Nichts. Sie liegt wie ein Polster unter mir, drückt meinen federleichten Körper kontinuierlich nach oben.

Ich liege auf ihr. Ich gleite auf ihr. Rasend schnell. Der Wand entgegen.


Eine Millisekunde Panik. Dann spüre ich den Druck, den Hauch der abendlichen Blase warmer Luft, die an der Wand emporsteigt. Mein Lift. Mein Element.

Die geballte Kraft katapultiert mich den Fels entlang in rasendem Tempo nach oben. Biegt die Spitzen meiner Schwungfedern nach oben, drückt ihre Kiele in meine Hand. Leicht anstellen links, leicht nachgeben rechts.


Finger zu Federn.

Arme,

die Flügel zu breiten. Ich steige.


Spüre, wie die warme Walze mich von der Wand weg nach oben drückt. Steige auf dem unsichtbaren Element die Felswand empor.

Rasend schnell.

Ich habe keine Angst. Ich weiß, ich werde nicht an am Fels zerschellen. Ich weiß, ich weiß mit den Kräften zu spielen. Warum? Wieso? Wer bin ich? Was passiert? Das sind keine Fragen in diesem Moment.

Ich bin. Ich weiß. In diesem Moment.


Ungeahnte Leichtigkeit. Spielerisch streiche ich mit den Spitzen des rechten Flügels den Fels entlang, lasse mich hinaus fallen aus der Dichte, der Kraft des warmen Nichts auf dem mein Körper dahingleitet. Hinaus in die Weite.

Kehre zurück.

Hinein in die Walze.

Steige, gleite, falle. Ein Spiel mit dem Element.

Ein Spiel mit dem Loslassen.

Dem Vertrauen.

Dem nicht hinterfragen.

Ein Spiel im puren Sein.

Mein Blick ist nicht mehr der meine.

Mein Denken ist nicht mehr das meine.


Ich sehe nicht.

Ich blicke auf die Welt.

Aus den Augen

eines Adler.


Ich denke nicht.

Ich spüre.

Spüre die Elemente, den Flug, die Dimension. Im Körper eines Adlers.


Ich bin frei. Frei wie ein Adler.


ICH BIN ein Adler.


Die Kante. Schieße darüber, lasse mich in die Höhe katapultieren.

Unendliche Weiten vor mir. Winzig, die Wand unter mir.

Angestrahlt vom warmen Abendlicht.

Drehe mich aus der Spirale

und gleite

in die unendliche Weite der schattigen, kühlen Täler.

Hinein ins Unbekannte.






"...und weiß noch nicht, bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang"






"So ihr Lieben."

E. hat die Musik ausgemacht. Ich bewege meine Gliedmaßen. Finde nur langsam zurück. Fühle mich fremd an. Bin irritiert.




Zuhause. Nachricht an E.: "Hey E., was war denn das, was du da abgespielt hast?" Sie zurück: "Rilke Projekt, gibt es mehrere CD's. Schön gell?"


... ich weiß noch nicht. Habe nichts gehört bis auf den letzten Satz. War unterwegs. Muss ich mir erstmal kaufen und rein hören.

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