021_2022. Schöne Tage wie diese
- GM

- 4. Juni 2022
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 6. Juni 2022
Sonntag, 05.06.2022, erste Pfingsten "nach Corona"
Kärnten. Zwetschge. Kärnten. Crunch. Kärnten. Schokolade. Und ganz viel Fett.
Kärnten wegspülen. Mit Süßwurzel-Minze-Kamille-Fenchel. Wouuuwww, wilde Mischung. Kärnten von Zotter. Wobei, ...
Draußen spült es auch ordentlich.
Es kübelt.
When a man loves a woman dudelt seicht in meinem Rücken. Das Laptop auf dem Schoß, sitze ich hier. Um 17:25Uhr. Meine Schullehrerbrille vorne auf der Nase. Das Stück Kärnten liegt angebissen auf dem Skizzenblock neben mir. Ich bin noch nicht so weit. Drücke noch einmal die Thermoskanne. Noch einmal aufgießen. Noch einmal heiß machen.
Während der gelbe Tee in den Becher plätschert, denkt es mich: Bei meinem Glück habe ich gerade seine Frau nach Hause gefahren. Oder meldet das mein Bauch? Man loves a woman verläuft sich im Lautsprecher... Ende und Auftakt. Das synthetische Klavier von She's like a wind setzt ein.
Noch ein Schluck. Ein viel zu heißer Kloß rinnt meine Kehle hinunter. Langsam. Gaaanz langsam. Viel zu langsam. Es tut weh. Ich kann nicht atmen. Nichts tun. Nur aushalten bis es vorbei ist.
Hole tief Luft und lasse sie durch meinen Mund entweichen.
Pfffuhhh, überstanden.
So ist das.
Ich kann nichts tun.
Abwarten. Aushalten.
Und nach Möglichkeit nicht daran nippen, wenn 'ES' noch zu heiß ist.
Kärnten. Angebissen. Ich lasse mich jetzt noch einmal darauf ein. Ohne Vorurteil. Ohne Erwartung. Eine Fähigkeit, die mir viel zu oft fehlt,... Das Stück Schoko verschwindet in meinem Mund.
She's like a wind verläuft sich im Lautsprecher... Ende und Auftakt. One more night.
Ich hatte ja nicht mal eine, ich rolle das Stück mit der Zunge. Die Schokolade schmilzt in meinem Mund. 'ES' bleibt nichts zurück.
Kein Biss, keine Pflaume, kein Salzkorn. Keine Chance, denkt es mich. Nichts. Nur hohles Fett.
... one more night ... Ich hatte nicht mal eine, ich schlucke.
... give me one more ...
Der will ja nicht mal eine... Himmel! Kopf! Komm klar! Geschmack. Der Biss einer Frucht. Doch es zerfließt alles an meinem Gaumen. Hinterlässt nichts. Im Nachgang.
Seine Frau heimgefahren. ...Das würde zu meinem Glück passen. Auch dieser Gedanke zerläuft im Nichts.
Ich blicke zu Pieps, die auf der Stange sitzt, sich putzt. Dann zum Jungspund.
Muss lachen.
Wandert das Federvieh tatsächlich einen Meter zwanzig kopfüber unter dem Ast von links nach rechts. *Recht hast, du Clown, wenn's Leben Kopf steht mach einfach mit.*
Man muss nur die Perspektive wechseln.
Das tue ich jetzt auch.
15:42Uhr, Großhesseloher Brücke Richtung Talkirchen.
München ist so ausgestorben. Der Tennisclub ist so leergefegt wie Sams ausgedünnter, frisch getrimmter Colliearsch. Am Pfingstsonntag sind seine Eierchen auferstanden aus dem Reich der Homonfreien.
So wackelt er mit seinem zusammengekniffenen, muskellosen Hinterteil vor mir die Teerstraße zum Kanal hinunter. Die Klöten zeichnen sich dezent im weiß der Wolle. Vor mir. Es wird Zeit, eine Entscheidung zu treffen, bevor ich ihn aufgrund seiner verrutschten Hirnaktivität mit seiner spitzen Nase ungespitzt in den Boden ramme. 'Vielleicht. Es geschehen doch Wunder. Vielleicht ist ja sein Besitzer so nett und kommt zur Vernunft. Einmal.
Und vor allem EINMAL zu einer Entscheidung.
Wir latschen beide heute.
Hinunter.
Es ist schwül. Dumpf. Das Licht schwankt zwischen Gewitter grell und Photo negativ. Still. Ungewohnt still. München ist ausgestorben.
Vom Kanal dringt Humpfta an mein Ohr, dann gibt mir die Wegbiegung den Blick auf die Brücke frei.
Ein kläglicher Haufen Daheimgebliebener und Touris hängt über dem Geländer. Die Handys gezückt für den besten Schuss. Starren dem Haufen biergetränkter, johlender Lederhosen entgegen, wie sie auf zusammengeschnürten Baumstämmen den Kanal herunter treiben. Einer der Schaulustigen reißt die Arme in die Luft und fordert tonlos mehr Stimmung. Klatscht in die Hände. Sein Begleiter verschwindet jeden Taktschlag ein wenig tiefer unter dem Geländer.
Ich erreiche die Brücke. Sam drückt sich irritiert hinter mir an der skurrilen Szenerie vorbei. Unter uns wird das nächste Sauflied angestimmt.
Ich mag solche 'Kann nur lustig sein mit Humpfa und Pegel' Veranstaltungen eigentlich gar nicht.
Aber heute,
im ausgestorbenen München,
nach zwei Jahren separierter Affenhaltung
bin ich versöhnt und freue mich mit allen, die endlich wieder ihre - mir so völlig schleierhafte Form von Lustigkeit - nach Herzen und Lungen Lust - Pardon, Luft - herausgrölen können.
Leben und leben lassen. Hauptsache leben.
Wer bin ich zu urteilen.
Auch ich werde mich jetzt die Isar hinunter treiben lassen. Buddha am Strick. Nicht, dass er wieder seinem Hirn hinterher rennt bis zur Talkirchner Brücke. Ich brauche nicht nochmal moderne Kunst am Bau. Sprich blutunterlaufene Knie, weil ihm hinterher renn und auf meinem eigenen Schnürsenkeln, infolge dessen auf meinen eigenen Knien eine Vollbremsung hinlege.
Ich brauch das nicht nochmal, dass der stoische Esel als Antwort auf meinen harten Aufprall ein weiteres, sichtlich emotionales Laolawellenhüpferchen Richtung München tut. Nein, kein Bock. Heute gibt's Buddha am Strick
und Zeit für mich.
Buddha hat Zeit. Zeit, sich mit jedem Grashalm über seinen bisherigen Lebensweg zu unterhalten. Zungenküsse inklusive. Männer, rolle die Augen und atme die Nerven friedlich. Entschleunigen. Tut mir gut. Gut ist. Schlendere ich halt im Zeitlupentempo abwärts.
Oben, am Hochufer Sirenen eines Rettungswagens.
Stille hier unten.
Nur das Plätschern des Wassers zu meiner Rechten. Zwei tiefblaue Königslibellen tanzen den Tanz der Verliebten im Wind.
Auf der anderen Seite im Kiesbett stakst ein Shih tsu durch's Wasser. Das dazu gehörige Pärchen ... Ich muss schmunzeln. Ihm bin ich am Osterfeuerkopf begegnet, ihr am Königssee. Ich erkenne sie sofort wieder.
In meinem Rücken nähert sich die nächste Irrenrutsche mit viel Humpftata. Es ist gut, wie es ist.
Später.
Eigenartig dösig. Diesig. Sitze auf dem Kiesbett am Ufer.
Flach ist die Isar. Links von mir rauscht eine kleine Stufe. Vor mir spiegelt sich das Licht der kleinen Wellenbrecher zwischen den Kieseln. So friedlich kann dieser Fluss sein. So liebe ich Wasser. So nimmt es jedes Tempo aus mir. Sam legt sich hinter mich. Ich spüre seinen Rücken an meinem. Sein Fell auf meiner Haut.
Ein sanfter, kühler Wind streicht durch mein Haar.
Mich fröstelt ein wenig. Streichle den Stein in meiner Hand. Und muss an meinen Vater denken. Als er langsam nicht mehr 'schaffen' konnte war eine seiner größten Leidenschaften Steine zu sammeln. Mitten im Spaziergang blieb er stehen, stocherte mit seinem Stock im Weg, bückte sich, nahm einen Stein auf, rieb ihn zwischen seinen Fingern, spukte darauf, rieb und putzte ihn mit seinem Pulli, seiner Hose. Erkannte er seine Schönheit, so durfte der Stein in die Tasche seiner Kordhose rutschen. Stunden saß er zuhause in seinem Sessel vor der Terrassentüre. Die Tasche voller Fundstücke. Zog einzelne heraus, rieb sie in seinen Fingern, mit seinem Taschentuch. Stumm. Er sprach nicht mehr viel. Er sprach irgendwann gar nicht mehr. Sah traurig auf, wenn man ihn ansprach um wieder zurück zu kehren zu den Steinen.
Wenn ich heute daran denke, laufen Tränen meine Wangen hinunter. Wie einsam war dieser Mensch. Er hat vieles nicht gut getan an uns Kindern. An sich selbst. Ich selbst habe Fetzen der Erinnerung, die am besten immer in den dunkelsten Ecken meines Ichs verborgen bleiben. Aber er war ein Mensch. Gefangen in dem, was ihm widerfahren ist. Einer der Jungen, die Hitler am Ende an der Front verfeuerte. Ja, andere mögen es geschafft haben, damit umzugehen ohne dass die Menschen im Umfeld mit-leiden mussten. Er hat es eben nicht geschafft. Schaffen wir nicht alle so vieles nicht? Er war mein Vater. Eine Glasvase mit seinen Steinen, die, die immer neben dem Telefoneck stand, wird bei mir bleiben. Auch bei mir steht sie im äußersten, linksten Eck meines Wohnzimmers. Nicht so, dass ich sie sehe, das würde zu viele dumpfe traurige, beklemmende Gefühle hoch holen. Aber sie ist da. Und manchmal stolpere ich darüber. So, wie heute früh.
Der Stein in meiner Hand ruht.
Mein Blick verliert sich im Fluss.
Eine Weile, dann wende ich den Kopf wieder abwärts. Mein Blick streift ein zweites Mal den Smiley Stein zu meinen Füßen. Aus seinem breiten Grinsen ist ein sorgenvolles Lächeln geworden. Denken beeinflusst die Wahrnehmung. Wahnsinn. Ein einziger Punkt, den dein Fokus findet oder verliert und schon ist ein und das selbe ein ganz anderes... obwohl du ein und das selbe vor dir hast.
Wenige Meter hinter mir hat sich ein älteres Paar niedergelassen und spricht miteinander. Zugewandt. Interessiert. Ich wünschte, ich dürfte auch wieder interessiert zuhören dürfen. Würde so gern. Aber nicht, wenn ich für jede Minute zahle. So dick hab ich es nicht. Reibe den Stein in meiner Hand.
Mein Blick schweift zurück. Zurück auf das krisselige Wasser. Mich wieder einmal verlieren, als Wasser in Wasser. Mich verlieren in dem großen Ganzen. Ohne irgendein Wollen, ohne ein Fühlen. Ohne, einfach ohne dahintreiben. Ein unwichtiger Teil.
Davon treiben. Frei von Entscheidung. Wohin auch immer. Erinnere damals. An den Schatz, den ich erleben durfte. Auf dem Fels. Mitten im Flussbett des Gebirgsbaches. Nach der wunderbar einsamen, sechsstündigen Bergtour. Nur ich. Nur für mich. An den Moment meines totalen Glücks.
Dankbar. Unendlich dankbar, solche Momente erlebt haben zu dürfen.
Vielleicht finde ich noch einmal Worte für das, was damals geschah. Dann werde ich andere Teil haben lassen. Euch vielleicht. Lass das Leben dir geschehen.... Rilke. Einfach immer wieder schön.
Und so wahr.
"Such! Such! Such!" Ein junger Typ im grauen, ärmellosen Shirt kommt mir von oberhalb entgegen. Deutet auf das Wasser, wieder und wieder. Meine Augen suchen. Ein Labrador. Planlos: *Der Stock is weg, Herrchen*. Der Typ versteht, wendet sich ab um zu seinem Fahrrad zurück zu kehren. Sein Hund hüpft ihm in großen Bocksprüngen hinterher. Bis er den Jungen in der blauen Boxershort mitten in der Isar entdeckt. Der muss ganz bestimmt gerettet werden. Interessiert Typ nicht. Den Jungen glücklicherweise auch nicht. Sind die Menschen hier alles wunderbar entspannt. So ganz anders als bei uns draußen. Typ hat derweil einen großen Prügel über seinen Rucksack gelegt und springt mit beiden Beinen darauf, rutscht ab, springt darauf, rutscht wieder ab ins lose Kiesbett. Will ihn wohl brechen. Pass auf, dass dir nix brichst, denk ich. Es kracht. Dann ist das Werk vollbracht. Hund und Herrchen kehren ans Ufer zurück...
Das Wasser fließt. Meine Gedanken mit ihm.
Verlieren sich im Kiesbett.
Später.
Der Himmel ist dunkel. Grell das Licht. Gestochen. Scharf.
War hier nicht vor wenigen Tagen noch alles Wasser?
Wenige Meter vor mir. Ein winziger Bonsai, der sich durch die Steine gekämpft hat in den letzten Tagen. Ich sitze in einem tibetischen Meditationsgarten. Es grollt. Zeit aufzubrechen.
Der Himmel ist dunkel. Grell das Licht. Gestochen scharf hebt sich die eiserne Brücke über die Szenerie.
Das Ufer leert sich.
Ein knallroter Zug rollt vom Hochufer in den Himmel. Wunderschönes Bild, wenn nicht... Gedanken an Garmisch. Aus schön wird bedrückend.
Es blitzt, einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiund... Donner. Jetzt aber Füße in die Hand.
Kein Mensch mehr. Alles still. Gespenstisch still. Und die Brücke noch so weit.
Wenige Minuten später.
Noch zwanzig Meter bis zum Auto. Es blitzt. Einund ... Donner. Zack aber jetzt!
Sam ins Auto.
Ein Mann mit Kinderwagen kommt gejoggt. Zwei, drei Radfahrer noch. Blitz, schlägt in der Nähe ein. Ab, schnell rein in den faradayschen Käfig. Es beginnt zu schütten. Der Mann mit Kinderwagen rennt zum Glück in die Einfahrt. Zuhause. Vor mir bremst eine Rennradlerin an der Bushaltestelle. Schaut auf ihr Handy. Ich lasse den Dicken an, rolle vor, lass das Fenster runter und brülle nach drüben: "Soll ich dich schnell heim fahren?" "Oh das wäre super", keine Sekunde Überlegen. Rad hinten rein. Sie springt ins Auto.
Darf ich vorstellen: Kärnten.
Zehn Minuten später in den Lärm der Tropfen, die auf die Windschutzscheibe prasseln. Was sie mir gutes tun könne? Es wäre ja keine Selbstverständlichkeit. Nein. Ist es nicht.
Sollte es aber sein.
"Alles gut".
Hier stehe ich. Stehe im Regen und warte auf die Spezialität aus ihrer Heimat. Wahrscheinlich habe ich gerade seine Frau heim gefahren.
Werde nass. Egal.
Schöne Tage.
Wie dieser.
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