028_2022. Flash back. Grenzen-los, körperlos, alles nichts.
- GM

- 25. Juni 2022
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 21. Feb.
28. Juni 2022, Balkon.
Heute ist ein guter Tag. Heute habe ich Lust zurück zu gehen. Heute habe ich die Verbindung zu damals. Zu einem der ersten unfassbaren Momente, die mir mein Leben noch schenken wird sollen. Heute habe ich Verbindung zu dem, was vielleicht die Quellen meiner Energie sind. Ich werde versuchen, diese Schatztruhe anderen zu öffnen. Ob jemals jemand wirklich wird mitgehen, wird greifen können, sehen können, spüren können.... Ich weiß es nicht. Heute schreibe ich wieder einmal ganz für mich.
2005. Grenzen-los, körperlos, alles nichts.
Früher Abend ist es. Ein lauer Sommerabend kurz vor den Ferien. Ein Jahr muss er her sein, dass sich unsere Wege für immer trennen sollten. Die Toxine der vergangenen Beziehung kreisen sicherlich noch durch meine Blutbahn. Aber er kann mich nicht mehr. Nicht mehr formen, keine Stecker mehr ziehen, keinen Zeigefinger mehr auf meinen Brustkorb richten, gepresst lachen und zustechen. Mich nicht mehr ins Wanken bringen. Er kann mich nicht mehr...
er-reichen.
Das Bungeeseil zwischen uns ist ausgeleiert. Einmal zu viel hat er zugestochen als ich am Abgrund stand. Einmal zu viel bin ich ins Bodenlose gestürzt. Einmal zu viel wurde das Band gedehnt. Es hat keine Kraft mehr mich zurück zu holen.
Früher Abend ist es. Zum ersten Mal wieder betrete ich seine Wohnung. Rieche sofort den süßlichen Geruch, den Tabak. Zum ersten Mal wieder ist er zu dicht an mir, zu eng, zu gezwungen lustig. Zum ersten Mal wieder sehe ich in seine dunklen, leeren Augen. Ich lese an seinen verbissen lachenden Lippen. Zum ersten Mal höre ich ihn wie unter einer Taucherglocke. Er spricht. Seine Lippen formen Worte. Sie pressen das Lachen. Ich sehe. Ich höre nicht. *Wurm*, denkt es mich.
Und nicht zum ersten Mal ist er zu dicht.
Zum ersten mal hebt mein Finger sich, bohrt sich keine Handbreit vor meiner Brust in seine: "Hättest... (bohr)... du (bohr).... die Güte...(bohr)....". Er schaut mich verdutzt an. "Du stehst in mir drin, mit Verlaub", ziehe ich die Augenbraue hoch. Fünf Köpfe größer als er. Wie kann man so stumpf sein, dafür kein Gefühl zu haben. Mein ganzer Körper brüllt dich schon seit Minuten an, auf Abstand zu gehen? Leicht genervt: "Ab-stand?!?" Ich winke ihn mit dem Handrücken zurück.
Er stutzt. Er schweigt. Dann lacht er verkrampft und weicht. Das erste mal in all den Jahren.
*Ja, da guckst de, wa? Deine Vertretermasche zieht nicht mehr.*
Wir kochen zusammen. Er kocht. Kochen kann er. Ich lasse mir ein Glas Rotwein einschenken und lümmel mich derweil gemütlich auf dem Fensterbrett.
Diese Frau kennt er nicht. Diese Frau, die ihm ins Wort fällt, freundlich Widerworte gibt.
Irgendwann muss er in die Vorratskammer direkt zwischen Fensterbrett, mir und Herd. Da geht nicht viel Handbreit rein. Diesen Moment Distanzlosigkeit ohne meinen bohrenden Finger in seiner Brust nutzt sein Instinkt für einen letzten Versuch, in mich hinein zu kriechen. Um mir seine Story zu verkaufen, die er seit einem Jahr mit sich trägt. "Das war nicht gewesen, was du gesehen hast, damals ..." "Klar! Ist auch völlig logisch, dass du mich weg schickst und ich am nächsten Morgen zwei eng umschlungene, nackte Leiber vorfinde. In einem Bett. Wo die Wohnung drei davon hat. Pure Geschwisterliebe vermutlich. Und rein zufällig in Löffelchenstellung Arsch an Schwanz. Is gut, F. Heb dir das für die Märchenstunde auf." Er steht für einen Moment, sieht mich an. Stumm. *Was für ein Wurm* denk ich und schau ihn dabei wohl so mitleidig souverän an, dass er freiwillig an den Herd zurück kehrt.
Ein letzter Anlauf: "Du kannst sie..." "Falsch mein Lieber. Sie kann mich. Und du gleich mit. Das Thema ist für mich gegessen. Es ist mir völlig Schitt egal. Es interessiert mich nicht mehr. Verstehst du das nicht?!"... ich warte. Er schaut aus seinen stumpfen Augen an. Der Kochlöffel steht im Bami Goreng. "Rühr! Sonst brennt dir das auch noch an", lächle ich überheblich. Geht es mir mir gut. Ich bin wirklich frei.
Verkrampftes Lachen. Er rührt. Ich beobachte ihn von der Seite. Sehe, wie er langsam versteht. *Oh Narziss, dein Goldmund ist gegangen*, mein Gedanke. *Ich habe keinen Groll mehr. Ich bin mit Sicherheit noch eine riesen Wunde. Aber du kannst sie nicht mehr aufreißen. Glaubst du wirklich, ich bin für dich hier?
Narziss, du bist mir heute Mittel zum Zweck.* Beobachte ihn. Greife das Glas an seinem dicken Bauch und schwenke den schweren, roten Wein in meiner Hand. Ölig läuft er das Glas hinunter.
Knapp zehn Jahre habe ich seine Kiff und Kocks Monarchie mit gelebt. Seine emotionale Stumpfheit mit getragen und bin daran nicht zerbrochen. Nicht einmal konnte er mich in der Zeit in seine Welt holen. Es wäre die falsche Zeit gewesen.
Aber heute, heute werde ich seine Quelle für mich nutzen.
Heute werde ich mich endgültig von ihm und der Vergangenheit verabschieden. Vielleicht werde ich heute spüren, wer mir all die Jahre Abend für Abend, Morgen für Morgen gegenüber saß, denk ich und nehme einen genüsslichen Schluck. Wie stolz kann ich sein auf mich, all die Jahre nicht einen Krümel, nicht einen Zug angerührt zu haben. Wie stolz kann ich sein auf meine inneren Wächter.
Heute werde ich unter dem Schutz meiner Wächter, mit dem Einverständnis meiner Wächter, weil ich es heute will, weil es mir heute zu fünfhundert Prozent gut geht, weil ich heute voll und ganz vorne bin, weil ich heute stehe wie ein Fels,
heute werde ich
den ersten und letzten Joint meines Lebens rauchen.
Die Sonne geht bereits unter. Ich bin satt. Liege auf der elendigen, hässlichen Ledercouch. Weit weg von ihm. Von ihm, der - wie all die Jahre - festgenagelt auf seinem Biertischstuhl den Joint dreht.
Das Paper auf dem Tisch. Gummi von der Tabaktüte ziehen. Drei Finger hinein, dann bröselt der Tabak in einer routinierten Handbewegung sauber verteilt auf das Paper. Der immer gleiche Griff zum immer gleichen Silberdöschen. Die immer gleiche Drehbewegung. Der immer gleiche Sound des Blechdeckels, der auf dem dunklen Teakholztisch landet.
Zwei Finger fingern eine Blüte aus dem Inneren. Akribisch zerreibt er die harzige Pflanze über dem Tabak. Einmal hin, einmal her.
Nichts hat sich verändert. Vertraut. Kinoleinwand. Der immer gleiche Film. Ich liege auf dem schwarzen Leder, Tales of mistery dröhnt aus den perfekt ausgerichteten Bose Boxen. Typischer Kiffer Sound. *Gott bin ich froh, dass ich aus diesem Teufelskreis raus bin*. Wie immer sehe ich seine leicht gefärbten Finger, den kleinen Klumpen Dope in seiner Hand. Meine Erinnerung riecht bis hier drüben. Diese süßlich bitteren Finger. Abstoßend.
Das Feuerzeug zippt. Qualm. Der Duft des Harzes zieht mir in die Nase. Zwei, dreimal dreht er den kleinen Cube. Klack! liegt das Feuerzeug auf dem Tisch. Daumen und Zeigefinger reiben im ewig gleichen Ritual das Dope auf den Tabak. Es folgt das immer gleiche Aufnehmen, die immer gleiche, perfektionierte Fingerrolltechnik, der immer gleiche Zungenschlag und schon ist er fertig.
Mein erster und einziger Joint.
Er greift sein Weinglas, die Flasche, die Tüte. Setzt sich mir gegenüber in den selbstverständlich erjagten, selbstverständlich originalen Bauhaus Designersessel. Dock! Feines Weinglas trifft Glastisch. Er schenkt mir noch einmal nach. Wir prosten an auf einen schönen Abend.
Feuerzeug. Er zündet, er zieht. Das immer gleiche Knistern. Schwerer Dunst zieht wie immer in den scharfen Lichtkegel der Flohmarktlampe. Draußen ist es fast schon Nacht. Abgeschnitten vom Dunkel des Raums tanzen die Schlieren durch den Kegel nach oben. Verlieren sich.
Wie immer.
Er reicht mir den Joint. Erklärt mir, wie ich es richtig mache.
"F. , ich hab dir zehn Jahre Tag für Tag beim Kiffen zugeschaut. Meinst du wirklich, du musst mir das noch erklären?" Die Süffisanz in meiner Stimme unterbricht den Vertreterschwall.
Keine Abhängigkeit mehr. Nichts mehr, an dem sein Narzissmus andocken kann.
*Border, deine Line ist gekappt.*
Ich ziehe, atme tief hinunter und halte kurz die Luft an. Schließlich rauche ich nicht. Und Tabak führt logisch zu einem Hustenanfall. Kann er. Vorher zieh ich mir jedes Nü raus.
Atme aus. Huste.
Ein, zwei, drei Schluck Wein hinterher.
Leg mich zurück.
Brumme.
Ganz klar. Hiermit ist die Unterhaltung beendet.
Now, it's my time.
Narziss trifft zum ersten Mal auf Egoist. Nach zehn Jahren.
Und versteht.
Er geht zu seinem Bali Schrank, öffnet, kramt in den tausend Millionen Kiffer CDs und zieht Parson Projekt aus der Schublade. Ich höre das Klacken, dann dass Summen des sich öffnenden CD Fachs, das Geräusch von CD auf Plastik. Wie das Fach sich schließt. Ein leises Drücken. Play.
Die Tür des Schrankes knarrt wie all die Jahre zuvor.
Nur, heute, heute bin ich es die sich ausklinkt.
Er schleicht sich zurück auf seinen Sessel. Höre, wie er ins Leder einsinkt. Sein Weinglas greift. Trinkt. Es abstellt. Dann, das Knistern. Ohne die Augen zu öffnen strecke ich die Hand aus. Höre sein irritiertes Lachen. Wie er den Rauch durch die gepressten Lippen entweichen lässt, sich vorbeugt. Spüre den Joint, den er mir in die Finger legt.
Führe ihn zu meinen Lippen und ziehe. Strecke die Hand. Er funktioniert als hätten wir niemals anders agiert. Übergabe. Finger an Finger.
Ich ziehe den Rauch tief hinunter in meine Lunge. Meine Hand legt sich zurück. Auf meinen Bauch. Ruht. Einen Moment. Sinkt mit ihm. Ich lasse den Rauch langsam durch meinen leicht geöffneten Lippen entweichen. Öffne die Augen und verliere mich in den Schlieren, die im Spot des Lichtes zu "The time machine", Alan Parson die Choreographie des sich Verlierens tanzen. Heute abends.
Einmalig.
Nur für mich.
Ich atme.
Liege einfach nur da und atme.
Meine Ohren schwingen auf den Klängen in die Stille. Ich atme. Liege einfach da.
Atme.
Es atmet mich.
Mein Körper sinkt. In das Leder. Erst meine Haut. Dann das Fleisch. Dann das Leder in mich. Ins Nichts. Die Grenzen zwischen Sofa und mir beginnen zu fließen, verlieren sich. Es atmet mich.
Ich verliere
mich. Mein Atem, das Leben in mir wird weiter, tritt hinaus über meinen Brustkorb, hinaus über meine Haut, hinein in den Raum. Atme den Raum.
Atme die Couch.
Atme den Boden, die Wände, den Tisch
Ich atme .
Keine Haut,
kein Fleisch,
keine Luft,
keine Wand,
kein Raum mehr.
Keine Grenzen.
Es ist.
Es ist alles.
Alles atmet.
Alles atmet alles.
Alles geht durch alles.
Verliert sich im nichts. Es spürt nichts. Federleicht alles.
Nein.
Nichts spürt nichts.
Alles eins.
Ich bin.
Nichts.
Und alles.
Nicht ich.
Es.
Nein.
Nicht ich, nicht es. Nichts.
Nichts ist nicht wunderbar.
Nichts hat keine Emotion.
Nichts ist einfach.
Noch einmal ein winziger Widerstand.
Atme ein.
Aus.
Diffundiere.
Habe meinen Körper verlassen.
Jetzt bin ich grenzenlos.
Sein. Reines Sein.
Nichts. Kein Gedanke.
Kein Körper. Keine Funktion. Kein Laut. Kein Gefühl. Kein Fühlen. Kein Werten. Keine Fragen. Kein
Nichts.
Totale Freiheit.
Es breitet sich aus, wabert mit dem schweren Schlieren. Nichts ist Grenze. Nichts Materie. Breitet mich aus über Fenster, Wände, Wasser, Luft. Bin ein endloser Raum bis in die Sterne. Hinaus in die Gestirne reicht mein Sein.
Noch stiller. Kein Begriff für das, was im Hier nicht ist.
Dunkel ist nicht dunkel, still nicht still. Ferne kein Maß. Angst kein Gefühl.
Ich bin
alles.
Ich bin die Sterne, die Dimension, die Verbindung, der freie Raum, der alles zusammen hält.
Ich bin das erste, das letzte und einzige.
Ich bin
das Firmament.
Ich bin,
weil ich nicht bin. Nur ein Hauch der sich im Alles verliert, um im Nichts zu werden.
... Zeit hat keine Dimension mehr.
Zeit ist nicht.
Nur Raum.
...
Unsägliches Gefühl völligen Gleichklangs, vollendeter Seligkeit.
... Raum.
...
Etwas zieht an meinem Gestirn. Zieht am Netz der Sterne nach rechts. Nach oben. Lässt los. Etwas zieht. Etwas stört diese einzig wahre Ordnung.
Stört meine Sterne. Mein Firmament. Stört mein Sein.
Ich will nicht zurück.
Atme, mich wieder zu verlieren. Scheint, ich muss. Zurück, damit die Ordnung gewahrt bleibt.
So löse ich mich aus meinem Netz. Kehre zurück.
Auf die Couch.
In den Körper, der reglos darauf liegt.
Öffne die Augen.
Er sitzt auf der Kante. An meiner Seite. Hat seine Hand auf meinen Bauch gelegt und streicht sanft darüber.
"Bist du wieder da?" lächelt er besorgt. Ich nehme einen tiefen Atemzug.
Seufze.
Und so sind wir, was wir auch hätten sein können. Für einen Moment. Unsere Blicke treffen sich. Er lächelt: "Jetzt hab ich mir echt Sorgen gemacht. Du warst dermaßen weg. Ich hab nicht mal mehr sehen können, ob du atmest".
Ich sehe ihn an.
"Alles gut." murmle ich. Nehme seine Hand und lege sie zurück auf das kalte Leder.
Irgendwann werde ich ihm vielleicht davon erzählen. Heute gehört der Moment nur mir.
"Geh nur ins Bett." Ich lieg hier noch und hör Musik. Ich zieh dann einfach die Tür zu, wenn ich geh."
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