035_2020. Zeit.
- GM

- 11. Aug. 2022
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 23. Okt. 2022
11.08. 2020, Donnerstag
...
Meine Zeit
zieht nicht mehr ins Land
...
Zieht nicht durch mich. Sie zieht nicht einmal mehr an mir vorbei.
Weil mein Fühlen wieder einen Panzer trägt.
Weil meine Augen stecken in einem Tunnel.
Weil meine Ohren rauschen im Lärm.
Weil meine Seele sich verschanzt. Vor mir.
Um mich ist zu viel Geräusch. Zu viel Bewegung. Zu viel von nichts. Ich muss raus hier. Fort.
Von hier.
Aufbrechen,
Zeit zu finden.
Zeit ist eine Dimension, die ich nicht mehr lenke.
Zeit braucht Zeit loszulassen.
Zeit braucht Zeit zu treiben.
Zu lassen im Auf und Ab des Stroms.
Zeit, zu fließen.
Ich habe keine Zeit. Ich habe Druck.
...
Meine Zeit
zieht nicht mehr ins Land
...
Ich laufe dem Land hinterher, in das meine Zeit gezogen ist.
Dem Land des Genusses. Der gelebten Langeweile.
Dem Tick und Tack des Nichtstuns.
Folge dem Weg, den meine Zeit gegangen ist.
Folge dem auf und ab des Atems.
Folge dem Wiegen und Strudeln des Alltags.
Zeit ist Atem. Zeit ist der Fluss.
Ich brenne.
Aber ich brenne - wieder einmal - für nichts.
Keine Flüsse fließen in mir.
Meine Zeit steht.
Bis sie springt.
Ich bleibe verborgen. Verborgen in meinem Panzer. Damit sie mich nicht trifft.
Zeit,
los zu lassen.
Den Fluss wieder fließen zu lassen.
Hinter mir in den Bäumen knackt es. Fallendes Holz. Im Wald steht die Zeit nicht still.
Der Wind raschelt durch das trockene Laub den Waldrand entlang.
Der Wind
hat Zeit,
mich zu erreichen.
Auf seinen Wellen trudelt mir ein weißer Schmetterling entgegen. Nimmt der Wind sich die Zeit, ihn vom Weg zu tragen,
eins ums andere Mal,
so findet er doch immer wieder zurück in den Strom.
Weiß ihn zu nutzen.
Weiß, mich zu erreichen.
Mit der Zeit. Die wir haben. Ich
und er.
Meine Augen haben mich eingeholt. Mein Blick findet zurück in die Weite. Vor mir breitet sich ein warmgelber Teppich aus. Abrasierte, in der Sonne knackendenStroh-Halme.
Ein Zengarten, denke ich.
... und lasse sie fließen,
die Zeit.
Mein flackernder Blick fängt sich in den akribisch geraden Linien, darüber die Schwalben im Tiefflug ziehen.
Die Zeit ist dieses Jahr an mir vorbei gezogen.
Sie ist geflossen. Derweil ich still stand. Starr stand.
Ich atme ein.
Ich atme aus.
Lasse los.
... und lasse sie fließen,
die Zeit.
Emsige Insekten rasen auf der Brummer-Autobahn vor mir durch die vierspurigen Kurven.
Ssssmmmmmmmm.... SsssssssssssssssssssssssssMMMMMMMMMM... Dann ist es wieder still. Nur das Hecheln des Hundes hinter mir.
Die Schwalben tanzen noch immer über dem abgemähten Feldern. Aus dem grünen Laub zwitschert es.
Ich hab sie wieder.
Meine Zeit.
WsWsssssssss rasen bestimmt drei, vier Insekten in voller Schräglage, Facettenauge an Facettenauge durch die langgezogenen Kurven. Die Halme stehen noch immer. Feine Linien in Reih und Glied. Fänger meiner Unruhe. Der Hund hechelt.
Nichts verändert sich. Nur der Wind.
Ich atme ein.
... und lasse sie fließen. Meine Zeit.
Ich kann es wieder.
Zeit ins Land ziehen lassen.
Zeit zu gehen.
Ich laufe. Ich laufe und laufe der Zeit doch nicht mehr davon.
Ein rotes, überdimensioniertes "Bobby Car" fährt vor mir über den Sportplatz. In meinem Rücken zirpt ein Meer von Grillen.
Das rote Ding dort drüben zieht einen gelben Schlauch hinter sich her. Derweil es langsam, sehr laaangsaaam seinen Weg über die Yards fortsetzt, spukt es in konstantem Rhythmus Fontänen aus seinem Rücken. 'Frrrrr t t, Frrrrr t t, Frrrrr t t, Frrrrr t t, ....'
Die Monotonie der Zivilisation duelliert sich mit dem Gesang der Grillen.
Sitze da, und lasse sie fließen.
Die Zeit.
Das Wasser.
Die Gedanken.
Meine nackten Füße spielen in dem akribisch rasierten Rasen des Baseballplatzes. Ich atme ein.
Atme aus,
und schließe die Augen.
Nehme mir die Zeit,
in der Zeit zu springen.
Zurück in den letzten Montag.
33° im Schatten. Horden von Kindern in rotblauen Fußballertrikots kreischen und springen der Fontäne des "Bobby Cars" hinter, darüber hinweg, rennen vor ihr davon.
Rattenfänger von Hamel meets Gauting.
Stunden könnt ich zusehen.
Zeit verplempern.
Die Zeit der Kindheit ist der Moment. Der Moment der Kinder ist der Moment. Wird gefolgt von einem Moment. Von einem Moment, der gefolgt wird von einem Moment. Jeder Moment ist gefüllt mit Erleben. Nicht mit Zeit.
Behaltet eure Kinderseelen und eure Zeit wird groß und weit wie ein durchgekauter Kaugummi.
Ihr müsst sie nur aufblasen, sie aufblasen bis sie platzt.
Und wenn ihr erschreckt, dann lacht und beginnt von neuem. Ein Spiel mit der Zeit.
Nicht gegen sie.
...
Zeit zieht ins Land.
Ich folge ihr.
...
Schlendere barfuß mit Sam den Feldweg entlang durch das gleißende Licht der Abendsonne. Die Grillen säumen meinen Weg. Sam setzt bedacht eine Pfote nach der anderen. Immer mit einem Teil seiner Aufmerksamkeit bei mir. Nicht, dass er mich beachten würde. Chollie, Little Buddha ist ein Nordlicht. Oder auch: Eine in sich verschlossene, laufende Emotionsantenne. Er fährt mich runter. Ich fahre ihn runter.
Nur, weil wir sind.
Laufend. Schritt für Schritt. Nebeneinander. Nur weil wir sind, ziehen wir sie.
Die Zeit. Weil wir sie haben. Sie uns nehmen, ohne sie zu halten.
Weil wir sie uns geschehen lassen.
Er.
Und ich.
Ich bleibe stehen. Warte. Warte bis er die Lebensgeschichte des verdorrten Grashalms von vorn bis hinten, von hinten bis vorne dreimal gelesen hat. Das Hörbuch muss auch noch. *Die Verfilmung können wir auch noch abwarten, klar, Sam.* Und von einer anderen Perspektive möchte er das ganze auch noch betrachten. Bitte. Soll er.
Wir haben Zeit.
Sam setzt sich wieder in Bewegung. Schließt auf. Wir schlendern gemeinsam weiter.
Durch die Grillen.
Die Abendsonne.
Den Wind.
Jetzt ist es Sam, der stehen bleibt, auf mich zu warten.
Im Gleichklang der Schritte tritt er an mein rechtes Bein, lehnt in Zeitlupe sein langes, schmales Köpfchen an meinen Oberschenkel und schiebt seine schmale Collieschnauze sanft wie ein Hauch vor meinen Oberschenkel.
'Stups!'
Sams zarte Art, seinem Menschen mitzuteilen, dass er etwas möchte.
So schlendern wir weiter. Meine Hand streicht sacht über seinen Kopf. Er schenkt mir dafür die Andeutung eines Tänzelns. Gurgelt. Das muss schon reichen. Mehr Emotion sollte man von einem edlen, englischen Lord nicht erwarten. Dann trollt er sich zu den Grashalmen.
Von Zeit zu Zeit
müssen wir eine Pause einlegen,
damit unsere Seelen uns einholen können.
Gleichklang zweier Seelen
das ist,
was Zeit ist.
Später.
Der harte Abrieb getretener MTB-Reifen auf Teer stößt das Pendel unseres Einklangs zurück.
Zurück in das Außen. Die Realität. Die Welt, in der Zeit ein messbares Maß wird. Da ist es wieder. Das Tick und Tack des Metronoms.
Greifbar.
Messbar.
Zerrinnend. Weg!
Sie, angestrengt schnaufend - im Vorbeifahren zu ihm: "..... da müsst ich pure Energie zu mir nehmen.." Er: "Hm..."
Blicke ihnen nach und denke:
*Dann bleib stehen, lass dich von ihm in den Arm nehmen. Lass dich halten. Stundenlang. Verlier dich. Verlier dich in der Zeit. In seinen Armen.*
Weg sind sie. Dem Moment davon gebraust.
Später.
Heute ist mein roter Tag, scheint mir.
Roter Container. Darin roter Sand. Davor? Rote Rotziegelsäcke. Daneben? Rote Autos. Dahinter? Rote Tennisfelder. Darauf? Rote Schirme.
Perspektivenwechsel.
Füße. Meine. Darunter? Roter Sand auf grauem Teer. Wechsel. Vor mir: Der Rote Tank der alten GS vor dem roten Schriftzug auf weißem Grund: Cosa Nostra
Dahinter sich ein Lokal verbirgt. Braucht man schon eine Portion Humor, sein Lokal so zu nennen, schmunzle ich. Ist mir noch nie aufgefallen.
Ich schlendere mit Sam weiter über den Teer nach Hause.
Links: Rote Aschenbahn. Rote Schirme. Rechts auf der Straße: Rotes E Bike. 50km/h. Ausweichen!
"Autsch!!!!! FIX!!!" Gefolgt von: Roter Zeh. Rotes Blut auf grauem Teer.
Ich kann es ja doch noch. Spuren hinterlassen
in der Zeit.
Ziehe den nackten Zeh an, damit die klaffende Wunde keinen Dreck sammelt.
Links vor mir? Rote Aschenbahn. Dahinter? Weißer Sand. Wie gern würde ich über die Brüstung steigen und meinen roten Zeh in den heißen, weißen Sand stecken. Urlaub. Aber ein rotes Schild verbietet es mir:
'PLATZ GESPERRT
Wen interessiert's!
Wenig später.
Meine Füße graben sich in die Wärme. Nur der Zeh. Der tropft dunkle Punkte in das Strandidyll. Mein Blick fällt auf das rote Banner am Rande des Fußballplatzes.
Lieber die Sonne rein lassen als Bälle.
Ich muss unweigerlich lachen: Ach Leben, lass dich knutschen. Ich mag dich.
Keine zwei Stunden ist es her, dass sich der einzige, menschliche Straßenköter, den ich je aufgesammelt habe nach zehn Jahren wieder gemeldet hat. Seines Zeichens vom Zeh bis zu den Pingpongbällchen Fußball. Oberhalb findet - immer noch und sehr offensichtlich - ohnehin nur wenig erwähnenswerte Aktivität statt.
... ehrlich gesagt, vor den Bällchen auch nicht. Augenzwinker. Verheiratet inzwischen. Hindert ihn aber nicht zu fragen, ob wir nicht mal wieder ... Nööööö?!!!
Wie sagt man heute so schön?' Save nicht! Ich kann entspannt drauf verzichten. Was soll ich sagen, grins.
Mich vergisst man eben auch nicht
mit der Zeit.
Vielleicht sollte ich ihm den Spruch von wegen lieber Sonne als Bälle einfach knipsen. Aber, kennt er eh. Klebt ja jedes Wochenende am Rande seines Universums. Hat er bestimmt schon gesehen. Wahrgenommen vermutlich nicht. Pingpongbälle haben keine Augen.
Schon faszinierend, wie Menschen drauf sein können. Mit inzwischen 36 Jahren kann ich es schlecht auf seine Jugend schieben. Vermutlich zu viele Bälle an den Kopf bekommen. Ich seufze tief, lächle, lösche seine Nachricht, halte mir den klaffenden Schnitt zu und grabe auch den zweiten Fuß tief in den Sand. Urlaub! Urlaub von negativen Gefühlen und Erinnerungen.
...
Die Zeit zieht mit uns.
Wenn du runter kommen willst, nimm Sam. Inzwischen machen wir einen unsäglichen Meter in der Minute. Begleitet von einem wunderschönen Schmetterling. Sam wollte ihn fangen. "Lass das Sam!" Er, macht die Schnauze zu, sieht mich an, als wolle er sagen: "Na gut, dann eben nicht."
Und trottelt weiter.
700 m Zeit später lächelt mich ein glattes, harmloses, mit hübschen Rehäuglein bestücktes Mädchen aus einer stylischen Badewanne an. Ich schubse sie raus und steige selbst ein wenig in die Wanne. Ich kann das besser. Mein Lächeln und meine Augen sind vielleicht nicht mehr so unschuldig, aber mein Arm ist dafür deutlich schöner.
So setzt mein Ich Schritt für Schritt, den nötigen Abstand zu finden, um mich, dort auf der Seitenwand des Hängers lächelnd, den schaumigen Arm über den Rand der Wanne gelehnt, zu betrachten.
So verkauft man Badewannen!!!!!!
Mein Blick streift über die hinter dem Hänger liegende Wiese. Fängt sich in den Flügeln eines selbstgebauten Windrades. Stumm zieht es seine Kreise.
Wie ich.
Zu Füßen der quitschenden Schaufeln öffnet sich das typische Bild eines italienischen Dorfes. Wahllos abgestellte Landmaschinen, eingewachsen, bepackt mit vergammelnden Holzplatten, rostigen Rohren und allerlei Schrott. Ein Traktor aus den fünfziger Jahren. Der hellblaue Lack verblichen in der Sonne.
Ein Fußballtor steckt knietief im Gras. Das zerrissene Netz flattert in den Böen des kommenden Herbstes.
Wärst du im Urlaub, du würdest den Moment sehen. Warum nicht hier? Warum nimmst du dir die Zeit hier nicht?
Ich habe sie wieder. Die Leichtigkeit. Steige aus meiner Wanne, lass den warmen Wind meine Haut umschmeicheln. Zart streicht er die Tropfen von meinem Körper, still und unaufdringlich legt die Sonne ihre Strahlen auf meinen Körper. Die Grillen zerreiben die letzte Anspannung meiner Gedanken zwischen ihren Schenkeln.
Warum denke ich überhaupt über ein hier und dort, über ein warum, warum nicht nach? Ich kann doch es wieder,
das Verweilen im Augenblick.
Sam zieht den Kaugummi. Zeitmeter für Zeitmeter.
Marktplatz.
Sam lässt sich von Statussymbolen nicht beeindrucken.
Wenn Sam Zeit hat,
dann hat Sam Zeit.
Und nur, weil ein "BAM!" neuer SupersportcabrioBMWflitzer - das einzige Auto weit und breit - auf den Gehwegübergang zu rollt
muss Sam
noch lange nicht
schneller
die Straße überqueren.
Ich beschleunige. Sam
noch lange nicht.
Wenn Sam eine Straße überquert,
dann überquert Sam eine Straße.
Sam hat eben Zeit.
Und so darf der Flitzer ausrollen,
stehen bleiben
und warten
bis Sam
bedacht, Schritt für Schritt,
mit dem Überqueren der Straße
seinen achtsamen Frieden geschlossen hat.
Ich grinse den geleckten, sonnenbebrillten Gel-Dreißiger an und zucke süffisant die Schultern.
Sam kann eben die Zeit anhalten.
Abends, Beachvolleyballplatz
Sitze im Sand, kein Mensch da. Alle ausgeflogen, ihre Zeit zu nutzen.
Sitze da, mit dick weiß eingepacktem Zeh. Lasse die Hände auf den oberen, noch aufgeheizten Schichten des feinen Puders entlangstreichen.
"Zeit ist so ein Thema", hat kürzlich ein nach langer Zeit wieder gefundener Mensch zu mir gesagt. Über Zeit würde er gerne mal einen Song schreiben. Aber er könne nicht schreiben.
Ich habe dir versprochen
mir Zeit zu nehmen über Zeit zu schreiben.
*Zeit, mein Freund, was ist Zeit?
Ich bin nicht alt genug zu wissen, was Zeit ist.*
Greife in den Sand. Lasse die feinen Körner zwischen meinen Fingern hindurch rieseln.
Wieder um wieder. Die Gedanken folgen.
Zeit ist wie warmer Sand.
Du kannst vorbei laufen, weil irgendwer ein Schild aufgestellt hat auf dem steht
"Betreten verboten".
Du kannst ihn aufnehmen oder lassen.
Du kannst ihn aufnehmen, durch deine Finger rinnen lassen.
Weil du es willst. Weil er es täte. So oder so.
Du kannst dabei Freude über das streichelnde Gefühl empfinden. Über die Wärme.
Du kannst dabei Verlust fühlen,
versuchen ihn zu halten.
Deine Hand zu einer Faust zusammenpressen. Ihn darin gefangen halten.
Die Stürme, die Tränen, der Regen deines Lebens wird ihn - mit der Zeit - in deiner Hand zu einem festen Stein werden lassen.
Dann hast du die Härte geschaffen,
an die du stoßen,
über die du stolpern wirst.
Im Lauf der Zeit.
Schmerzhaft.
Sand Sand sein lassen, die Hände darin baden, das ist eine Aufgabe, die du nie bewältigen wirst. Du nicht.
Ich nicht.
Kaum jemand.
Nicht in der Zeit,
die uns gegeben ist.
Vergiss die Zeit.
Zeit ist jetzt. Nicht gestern und nicht morgen.
Mehr Zeit über Zeit nachzusinnen
möchte ich mir
jetzt
nicht nehmen.
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