041_2022. Das Leben hat schon echt Humor. Oder auch: Wenn der Witz den Witz verliert
- GM

- 14. Sept. 2022
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 17. Sept. 2022
Donnerstag,15.09.2022 Balkontür
Das Leben hat schon echt Humor
Mein Handy klingelt. Die Kundin meldet sich tatsächlich. Ungewöhnliche Nummer. 08944......
Hm.
"M.?" ich
"Guten Tag, hier ist die LMU, Klinikum G. Ich würde mich gerne mit Frau B. M. unterhalten?"
(Anmerkung: B.M., meine Mutter)
"Hm..." ich. Diese Situation entbehrt - wieder einmal - nicht einer gewissen Slapstick. "Hmmmmm..." ich noch einmal ".. das könnte sich ein wenig schwierig gestalten..." Am anderen Ende wird die Stille stiller, den Raum zwischen meinen Worten füllt der vermutlich recht junge Medikus auf der anderen Seite mit einem zunehmend wachsenden Fragezeichenluftballon. Bis ich die Nadel zücke es - zugegeben genüsslich - zu zerstechen.
"....denn sie weilt schon seit geraumer Zeit, wie soll ich das formulieren, in anderen Ebenen."
Es ist so komisch, wer will denn bitte nach so vielen Jahren mit meiner Mutter sprechen. Welche Klinik denn? Das kann ja nur ein Missverständnis sein.
Der junge Herr ist amüsiert, irritiert über meine Äußerung, vermutlich noch mehr darüber, wie ich über so ein schweres Thema so einen saloppen Witz reißen kann und ihm schier durchs Telefon ins Gesicht lachen.
"Oh, mein Beileid.", er.
"Alles gut" ich. "Worum geht es denn? Das Knie vermutlich?"
"Nein. Um einen Aufenthalt 2017 aufgrund einer Kopfverletzung."
Wenn der Witz den Witz verliert.
Weg ist der Witz. Aber ich halte mich noch ganz gut.
Was er denn wissen wolle, ich.
Ein Studie zur Selbständigkeit der Personen.
Fuck! Scheiß Thema.
Es kommt in Wellen.
"Ich weiß jetzt nicht, ob ich Ihnen dabei viel bringe, denn meine Mutter war vorher schon dement und ich konnte sie danach unmöglich wieder mit nach Hause nehmen. Wie hätte ich das alleine stemmen sollen. Also kam sie in ein so genanntes "geschütztes Heim". Eingesperrt auf gut Deutsch. Das das einem Menschen generell nichts gutes tut und in dem Alter schon gar nicht, das brauche ich vermutlich nicht erwähnen."
Ich könne ihnen damit unter Umständen durchaus und gerade helfen, er.
*Wisst ihr, womit ich euch vermutlich noch viel besser helfen könnte? Wenn ich euch mal erzähle, was für ein Arschloch von Empathie amputiertem Deppen von Oberarzt ihr damals auf die Menschen losgelassen habt.* Wut, Tränen steigen in mir hoch.
Alles wieder da.
Was bringt es.
Ich habe gelernt. Hart. Aber gelernt. Auch, damit umzugehen über das Leben eines anderen zu entscheiden. Auch, völlig unüberlegte, unerfahrene, dumme Äußerungen eines Numerus Clausus Primaten bei ihm zu lassen. Sie nicht an-, nicht aufzunehmen. "Sie wissen schon, dass Sie dafür verantwortlich sind, dass Ihre Mutter stirbt."
Was für ein Vollversager!
Nicht ich war es, die verantwortlich war sondern, das Leben, das Altern, das Schicksal und der Krebs. Zwei Jahre ist sie noch gestorben. Stück für Stück. Zwei Jahre, in der der Krebs nicht jede Sekunde aufgeplatzt ist. Zwei Jahre war ich verantwortlich für alles. Alleine. Mutter und seelenlos alleine. Arschloch von Arzt!!!! Die Wut, die nichts bringt. Der Dämon ist noch immer nicht tot. Er schläft. Schläfervirus? Kreise könnten sich schließen, wenn ich so denken wollte.
Will ich nicht.
Man kann das Leben auch kaputt denken.
Es ist kein schönes Thema, um diesen eigentlich sehr versöhnlichen Moment mit diesem jungen, freundlichen Herrn zu zerstören. Schädel Hirn Traumen, Tod, all das hat genug Schwere. Da kann, darf und soll er ruhig auch erleben, dass Gehen Befreiung sein kann und er Angehörigen, die er kalt erwischt kein ungutes Gefühl offeriert,
nur
weil er fragt.
Keine leichte Aufgabe - ganz bestimmt nicht - die er da ausübt. Studienteilnehmer werben.
Ich merke, es fasst mich doch immer noch sehr an, wenn es so unerwartet in mein Leben platzt. Nicht, weil ich meine Mutter geliebt hätte, so wie es viele, in einem psychisch "gesunden" Umfeld aufgewachsene Kinder vermutlich tun. Aber doch, weil es für sie, für mich, für uns beide eine beschissene, harte Zeit war. Eine Zeit, die immer die Frage in den Raum stellen wird: Hätte ich anders handeln können? Hätte ich mehr tun können.
Hätte.
Wohin bringt dich diese Endloskette von Fragen.
Nirgends.
Ich habe getan, wozu ich in diesem Moment im Stande war. Ende.
Und, ich konnte meinen Frieden mit ihr machen. Ohne sie. Nur Menschen, die demente Menschen um sich haben können vermutlich verstehen, was ich meine.
Das eigenartige daran, Frieden zu schließen mit einem Menschen, der nicht mehr "anwesend" ist, ist, dass man ihn wirklich noch anfangen kann zu fühlen. Zu lieben. Auf eine einseitige, eine eigenartige, eine Art, die der gelebten Beziehung zwischen ihm und dir nicht entspricht. Ich möchte sagen, nicht einmal im Entferntesten etwas damit zu tun hat, aber dennoch auf eine tiefe, ehrliche Art.
"Du bist doch stark, G. Aufgeben, das bist doch nicht du, G. So kenn ich dich nicht. G. , Tochter"
Ich habe eingewilligt in das Gespräch.
Noch kann ich ja in mich gehen, ob ich wirklich so viel Kraft habe, mich dem zu stellen.
Ein dicker Kloß rollt meine Kehle empor.
Pffuuuuuuhhhhh durchatmen.
Das Leben ist einfach zu kurz, um irgendetwas zu fühlen, zu leben, zu lassen das "Nicht" ist.
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