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044_2022 Strickliesls Standbein

  • Autorenbild: GM
    GM
  • 9. Okt. 2022
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 12. Nov. 2022

09.10.2022, Couch

Seit jetzt dann zwei Wochen. Covid sei Dank. Weil es ja nicht reicht, aus dem letzten Loch zu pfeifen. Nein, der muss schon noch mit. Lustig ist das wirklich nicht. Auch nicht der Rattenschwanz, den es nach sich zieht.

Aber, nun gilt es sinnvoll damit umgehen.

Es geht mich um. Es zerbröselt mich. In schönster Regelmäßigkeit. Klar hab ich mich morgens wieder drei Minuten aufs Trimmrad gesetzt und bin im Schleichgang ohne Widerstand vor mich hin gestrampelt. Klar hab ich 4kg gehoben, jede Richtung 8 mal. Meine Güte, das ist doch keine Anstrenung, aber selbst da dreht die Pumpe hohl. Spaziergang mit Puls 120. An der Begleitung lag es nicht. Soviel ist sicher.

Jetzt sitz ich hier mit meinem blinden Piepsi neben mir auf der Couch und verwurstl Wolle.

Nach Jahren fang ich wieder an zu stricken.

Während ich so vor mich hin meditiere schweifen meine Gedanken ab. Jahrzehnte zurück, in das Fernseh- und Lernzimmer. An den dunklen Holztisch, rechts die Bücherregale und der Fernseher, links das Gästebett mit dem grünen Überwurf.

Der von meinem Vater grün bemalte Bauernschrank. Kleiner Raum, kleine, beklemmende Gefühle.

Vor mir, Mathebücher, Block, Füllfederhalter von Pelikan. Schwarz. Patzend. Der Stinkefinger immer mit blauer Backe. Tintenkiller. Ein verrückter Zauberstift mit Zitrone und Wärme wenn ich mich recht entsinne.

Neben mir Herr E. Der fesche Nachhilfelehrer. Alt erschien er mir damals, vermutlich war er knapp an die Dreißig. Bei ihm hab ich fast ein wenig verstanden von dem, was er da versucht hat in mich hinein zu beten. Sehr erfolgversprechend war das Unternehmen nicht. War es nie, wenn jemand auf mich einredete. Klack, Schalter umgelegt, Licht drin aus, weggebeamt. Das war, was ich von klein auf gut trainiert habe. Mich aus der Umlaufbahn schießen.

Jemand spricht von Dingen, die ich nicht gleich verstehe? Jemand spricht eine "andere Sprache", dringt nicht zu mir vor mit seinen Worten? Lass ihn labern. Beam dich weg in die Welt von Nichts und Gedankenleere. Leere führt zu keinen Schmerzen. Weder zu seelischen noch zu körperlichen. Einfach nicht da sein. Leben in der Zwischenwelt. Meine vertraute Heimat.


Er erklärt. Ich beame. Weit her noch dringen seine Worte an mein linkes Ohr. Meine Augen sehen Finger, die auf Zahlen und Texte deuten.

Ich soll lesen. Mein Mund liest. Ich höre mich nicht.

Meine Augen sehen eine Hand, die einen Kugelschreiber greift, wirre Zahlen und wirre Linien malt. Mein Ohr hört nichts. Meine Augen lesen Lippen. Mein Kopf nickt. Meine Augen leeren sich. Mein Mund bejaht. "Dann lös mal die Aufgabe". Was? Wer? Wo? Wie denn? Ich sitze, es liest mich, es sucht nach meinen Gedanken. Das Gefühl von Angst, von Versagen, von ich bin zu dumm greift nach mir in meiner Blase. Wut. Ohnmacht. Verzweiflung. Eine heimliche Träne, verborgen unter meinem Vorhang aus Locken. Weggewischt aus dem Augenwinkel mit der Spitze der Füllerkappe. Die Halteklammer schnappt und schnappt in meiner Hand. Das Tick und Tack der Bombe die bald platzen wird. Der Takt des nahenden Ärgers, der verletzenden Sprüche, des Leidens deiner Eltern, an dem du schuld bist. Es kann ja nur an dir liegen. Denn alle anderen können ja auch. Nur du....

... du bist nicht gut.

Für dich nicht.

Für deine Eltern nicht.

Und vor allem

bist du aus Bösartigkeit gegen sie nicht gut.

Tack, tack, tack, das Nagelbett schmerzt, der Schmerz lenkt mich ab. Ich habe keine Ahnung.

Ägyptische Hiroklüphen hätte ich schneller enträtselt.


Herr E. sitzt da, auf seinem Stuhl und schweigt. Wartet. Vor uns auf dem Arbeitstisch, links oben im Eck lungert eine verlorene Wollsocke. Grau. Selbst gestrickt. Von mir.

Herr E. hat Geduld. Er ahnt nichts von meinen inneren Kämpfen. Herr E. langweilt sich. Greift die Socke. Spielt damit herum.

Ich kann es sehen aus dem Augenwinkel hinter meinem Vorhang.


Er lacht. Stellt die Socke senkrecht auf den Tisch.

"Manche ziehen Ihre Socken an, bis sie von selbst stehen."

Hm? ich blicke auf und sehe meine Socke.

Aufrecht stehend neben mir. Auf dem Tisch.


Witzbold. Ich stricke halt fest. Dann muss ich muss lachen.

Die Spannung löst sich.


Solang ich mit ihm alleine bin.

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