052_2022. Ganz platt: Der Weg war mein Ziel
- GM

- 8. Nov. 2022
- 9 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 23. Nov. 2022
08 November, Dienstag, Autobahn Garmisch
Lights will gide you home..... i will try to fix you........ Fearless soul dröhnt aus der Wumswumme auf der Ablage.
Mein Moment. Mein Tag. Freigenommen. Erlaube mir zu leben. Tears stream down .... your face....
Mein Dicker, mein Kasten begleitet mich wieder. Ins Land des Loslassens. In das Land des Vergessens, in das ich Anfang diesen Jahres eingetaucht bin. Kurz nachdem meine, unsere Welt aus den Angeln gehoben wurde. Erinnerungen. Gerüche, Geräusche, Farben die am Rande der Autobahn warten. Mich zu schubsen. Mich anzustoßen. Sie fliegen an mir vorbei wie Leitplanken. Ihm, ausgerechnet ihm musst ich damals als ersten Menschen begegnen. Stehe wieder in der Stille seiner leeren Hallen. Höre wieder die Stimme, die bisher so kraftvoll war. Leise. Müde. Orientierungslose Zeit, denke ich und lasse sie fliegen. An mir vorbei. Die Erinnerungen. Die Leitplanken, die Gefühle.
Die Zeit. Wache auf in der ewig gleichen Monotonie der Geschwindigkeit. Der Linien. Vertraute Geräusche, die sich fangen in meinem kleinen Käfig. Lasse ihn kommen. Sich - wie damals im Frühjahr - neben mich setzen.
Lächle.
Bin. Bin in meinen persönlichsten Momenten. Den Momenten, da die weißen Linien enger werden. Enger. Autos an mir, unter mir vorbei fließen. Der Lärm des Motors, der Abrieb der Reifen sich im Resonanzkörper der dreieinhalb Tonnen fangen, die Gedanken in mir sich zerreiben. In den Momenten, da ich heim kehre zu dem Stück Familie, das noch lebt. In mir.
In diesen Momenten lasse ich ihn noch zu mir kommen. In diesen Momenten bin ich. Bin ich
echt.
Nur ich weiß, welche seiner Momente meine Seele so rühren konnte. Nur ich weiß, in welcher versteckten Kammer meines Herzens diese Filme lagern. Bin ich allein
ganz bei mir
auf dem Weg
ins Vergessen, dann wird der Vorhang aufgezogen, dann strahlen diese Momente auf der Leinwand meiner Augen, meines Herzens. Das Leben kann mir die Wiederholung verbieten. Aber nicht, zu träumen.
Lights will gide you home..... and i will try to fix ..... Mein wärmstes Fühlen strandet nun schon seit fast einem Jahr an einem bestimmt fünfzehn Jahre jüngeren Kerl, der mir niemals die Chance geben wird, ihn wirklich kennen zu lernen. Verlieb dich nicht, .... to let it go,.... if you never try you never know....... verlieb dich nicht, dacht ich damals. Noch bevor ich ihn je sah.
Seeshaupt fliegt an mir vorbei. Das war dann wohl der Satz mit x, schmunzelt mir mein Ebenbild vom Beifahrersitz zu. *Hey geh weg du Superschlaubi! Wo hast du ihn hin jetzt!? Geh weg und setz ihn mir wieder hin. Das ist jetzt unsere Zeit.* Gut, das war nix, stimmt. Bin wieder mit mir allein. Den Platz neben mir lasse ich frei. Drücke den elektrischen Fensterheber. Die Scheibe senkt sich langsam. Der Wind drängt sich durch den Spalt in meine Haare, löst einen Gedanken daraus. Halte den Kopf aus dem Fenster. Manchmal muss man sich einfach den Kopf frei pusten.
Dann lass ich ihn fliegen. Den einen Gedanken. Haltlos, ziellos wirbelt er durch die herbstlich laue Luft zurück. One way ticket to Munique. Wenn du mir nur eine Chance geben könntest, den Menschen zu be-greifen, den ich hinter meinem Gefühl spüre, dann könnte ich lieben lernen und gehen lassen.
Irgendetwas schwang gleich. Anfangs. Schwang fein, anfangs. Vielleicht, ich ziehe den Kopf zurück, schwingst du mit allen Menschen. Drücke den Fensterheber, die Scheibe rastet ein. Bin wieder mit mir allein. Mir ist es zu wertvoll, es einfach wegzuwerfen. Nur, weil die Zeit sich dazwischen legt.
Schaue auf den leeren Platz neben mir.
...could it be worse.....
Mit Sicherheit.
Lasse los.
Bin wieder ganz.
Ganz bei mir.
Alles um mich ist rund, bunt. Herbstlich. Stark. Die Baumwipfel spielen sich mit den Gipfeln der Berge. Spitz zu spitz versuchen sie Ordnung zu schaffen.
Ein Tanklaster vor mir zwingt mich in die Langsamkeit. In ein Tempo, in dem ich nichts mehr verhindern kann. In ein spüren müssen. Nicht mehr drüber wegrennen können. Alles unter mir wackelt. Nicht nur der Kasten. Auch über ein halbes Jahr später. Meine Hände liegen auf dem abgegriffenen Lenkrad. Spüre sie wieder. Seine Hand. ...i will try to fix youuu.....
Sie sind gealtert dieses Jahr. Meine Hände.
100km/h. 80km/h
Baustelle.
Der Tanker bremst. Ich bremse.
Alles bremst.
Die Zeit zieht sich. Von Baustellenabsperrung zu Absperrung. Zwei....
... vier...
....... sechs..... acht..... Sekunden von Donk zu Donk. Von Luftloch zu Luftloch das an der Seitenwand meines Transporters rüttelt.
Meine Gedanken werden langsamer, langsamer, laufen rückwärts. Zurück nach Starnberg. Dreimal hat mich die neue Verkehrsführung heute vorbei beführt an dem Tross junger orange leuchtend gekleideter Kerle. Hauptkreuzung. Ampellose Hauptkreuzung. Von allen Seiten habe ich sie jetzt befahren.
Die Kreuzung, nicht die Kerle, schmunzel. Und noch einmal leitet mich das Verkehrssystem im Kreis, noch einmal quere ich. Die adretten, jungen Herbstmännchen grüßen lachend. Ich rolle langsam an ihnen vorbei, hebe die Hände, die Augenbrauen, schau recht dämlich, ziehe die Schultern hoch und brülle raus: "Nun komm ich noch diesmal ......auf der Suche nach der Autobahnzufahrt."
Lachen. Es hätte ein modernes Märchen werden können.
Nun treibe ich hier. Autobahn Garmisch. Trudle im Strudel eines sonnengelben Tanklasters durch eine Baustelle. Spüre wieder ihn.
Melancholie, Wärme.
Abschied.
Schon wieder das Gefühl von Abschied.
Der Tanker wird noch langsamer.
70,
60,
50 km/h. Als wolle er mich zum geistigen Bremsen zwingen. Dann schwenkt er nach rechts. Ich trete langsam das Gas durch. Mein Blick zieht über den grauen Teer. Meter für Meter schwindet der gelbe Bauch des Lasters aus meinen Augen. Gibt den Blick frei. Frei zu fliegen. Sich zu verfangen in den Bergen. Alles gelblich-weiß verschleiert. Ein kalter, schneeiger Schauer zieht über meinen Handrücken, meine Fesseln, meinen Rücken. Die Farben werden stärker. Kälter. Härter. Kräftiger.
Es wird Winter. Mich schauert.
Am Ende der Baustelle: Die nächste Gruppe orangener Männer. Dem Herbst, dem Abschied um gefühlt das doppelte näher als die Chippendales in Starnberg ... Bin ich auf die Zeitspur geraten? denkt es mich. *Was kommt denn als nächstes, Leben? Geht die nächste Truppe dann am Stock, Leben? Ich bin gespannt, was du dir ausdenkst.* Muss für einen Moment herzhaft lachen.
Dann verliere ich mich aus den Augen.
Wenn alles anfängt sich ineinander zu passen.
Das Graublau der Berge sich im Graublau des Teers wieder findet. Das Blau der Schilder sich mit dem tiefen Blau der nahen Bergwälder mischt. Ein rotes Auto an dir vorbei zieht, den Blick mit nimmt, bis er sich im roten Laub eines Baumes wieder fängt. Orangene Notrufsäule am Straßenrand. Orangener Bubikopf einer Birke wenige Meter dahinter.
Wenn alles anfängt sich ineinander zu passen.
Dann lacht das Leben dich zwischen den Leitplanken an.
*Leben, du bist da größte Arschloch mit dem beschissensten, schwärzesten Humor,
aber ich mag dich. Grad dafür.*
Wenn alles anfängt sich ineinander zu passen,
dann gibt dir das Leben seine Antwort zu dem, was als nächstes kommt.
Als nächstes kommt:
Die Müllabfuhr.
Wenn du weiter fährst, dich totlachst: *Leben nicht dein Ernst!!!!! Der war nicht schlecht. Eeeecht nicht schlecht!* Dein Blick sich fängt an einem roten, runden Schild. Tempobegrenzung. Nächste Baustelleneinfahrt. Links und rechts am Schild blinken zwei orangene Mickymaus Ohren. Mir ist, als strecke das Leben mir gerade zur Antwort in einer sichtbar gewordenen Clownsfratze seine rollende, orangene LED Lichterzunge heraus.
P ffff eeeee iiii lllll weg P ffff eeeee iiii lllll weg P ffff eeeee iiii lllll weg...
Nicht ohne den spürbaren Beigeschmack: *Einreihen. Jetzt wird's langsam eng.*
Danke Leben. Hab ich auch schon gemerkt.
Wenn das so ist, dann steckt dir eben doch ein Kloß im Hals.
Müllabfuhr. Alles klar. Straßenarbeiter mit Rollator, Krückstock und Rollstuhl hätten gereicht.
Böser Humor, Leben. Böse.
Wenn du atmest. Wieder los lässt.
Dann hat das Leben hat eben immer nochmal einen Trumpf im Ärmel.
Löst das Rätsel auf und entlässt dich schmunzelnd, dankbar, spürbar erlöst in der Bugwelle der vermeidlichen Müllabfuhr. Entlässt dich in das Land des unbeschwerten Loslassens. Entlässt dich in das Land deiner kleinkindlichen Seele.
Es ist gar keine Müllabfuhr!
Wieder einmal alles nur in deinem Kopf.
Die Müllabfuhr ist ein Baumstammtransport. Wenn du dich hinter ihn klemmst, dich wie ein kleines Kind über jeden Fitzel Rinde freust, den der Fahrtwind von den Stämmen reißt, auf den Boden schlägt, aufwirbelt um ihn wie fliegendes Laub auf deine Windschutzscheibe prasseln zu lassen.
Wenn er abbiegt, du just diesem Moment die Grenze zum Blauen Land überfliegst. Plötzlich alles hell wird. Alles Pastell grell hell wird. Alles anfängt zu leuchten.
Dann bist du
wieder einmal
angekommen
im Land des Vergessens.
Im Land des schiefen Baums von Eschenlohe. Der dort steht rechts am Hang, seit deiner Kindheit unverändert. Der immer noch das selbe Gefühl in dir auslöst wie in den Tagen deiner frühesten Jugend. Dann greift die Zeit wieder nach dir. Das Loslassen müssen. Dann merkst du, dass deine Familie fehlt. Wenn sie auch nie Familie war. Dann wird dir klar: Nichts wird bleiben und du denkst kurz an ihn.
Später. Bergblicke.
Ich gehe heute ohne Hunde. Heute ist mal nur mein Tag. So viele wird es davon nicht geben.
Keuche barfuß an einem Mitsiebziger vorbei, der zehn Minuten vor mir los gelaufen ist. Er grüßt mich: "Servus, koa Brozeit, nix dabei?" "Na," sag ich, "is doch überoi Brotzeit hier."
Er versteht mich nicht. Mich versteht man selten.
Ich bin heute Frederick. Ich sammle für die kommende Kälte und Einsamkeit.
Nahrung für meine Seele. Farben, Wärme, Düfte, Geräusche.
Streiche weiter mit meinen Füßen durch das Laub. Erspüre die Steine. Die Kälte, die Wärme, die Ruhe... biege um eine Ecke. Trete hinein in die Stille des Berges. Aus dem Tal kräht ein Hahn.
Südtirol. Bergbauern. Gedankenfetzen. Daheim sein. Unbeschwert. Jung. Verliebt in den wilden rothaarigen Sohn, der so gar nicht will wie sein wettergegerbter Vater. Heile Welt.
Ein wenig Traurigkeit, ein kleiner Schmerz streicht über meine Seele. Mein verlorenes Gefühl. Kindliche Geborgenheit im Sein.
Selbst eine Armada aufgescheuchter Sch....meißfliegen machen mich albern wie ein Kind. Noch und noch eins tänzle ich vorbei, sie in ihrem Festmahl zu stören. Schmunzle. Das Bild vor meinem Auge ist .. uhäääää!!! aber der Sound der aufgescheuchten Brummer ist einfach unverwechselbar. Wie so winzige Wesen einen solchen kraftvollen Lärm in die Stille des Hanges werfen können. Irre! Schmunzle. Gehe weiter. *Guten Appetit ihr Brummer.*
Ich möcht heut hoch. Aber nicht hetzen. Trete weiter. Suche bedacht nach jedem einzelnen Tritt. Fordere nicht zu viel von mir. Vielleicht, denke ich, lerne ich ja doch noch, mit meinem neuen Körper umzugehen.
Setze meinen Fuß. Einen Fuß. Einen Fuß. Hhuaaaa!!! Wurzel! Keine Sorge ich betrete dich schon nicht. Wie kann man als Wurzel so böse schauen. Gipfischratz!
Laufe gedankenversunken an einem Baum vorbei. Pisst der mich doch glatt persönlich an. Bin irritiert. Ich bin wirklich angefasst von der Anwesenheit eines Baumes? Aus den Gedanken gerissen drehe mich um. Gibt's ned. Zieht der echt blank. Von der Hüfte abwärts rindenlos steht er da. Dicht neben mir. Viel zu dicht. *Nicht schön, Baum!!!! Macht man nicht.*
Steige weiter. Lasse das komische Gefühl hinter mir. Steige weiter über kleine, feine, eigenartig spitze, eigenartig ovale V-geformte Wurzelschlingen.
Holzmuschi, in meinem Kopf. *Wie seid ihr den heut drauf, Gedanken?!*, ich an Kopf.
Die nächste Muschi. *Wieso*, meine Gedanken, *Is doch. Schau halt. Lauter Holzmuschis*
bleibe stehen. Betrachte, was die Natur gegeben hat.
Schmunzle, lasse mir den lauen Wind um eine Ohren blasen.
Schau in die Weite, ins Moor, in die bereits schneebedeckten Berge.
"Haatschiiiii!"
*Gesundheit!!* Der Wald hat genossen. Hinter mir kommt wer. Muss weiter.
Trete hinaus in eine Fläche trockener Gräser. Wärme umfängt mich von den Füßen aufwärts. Susatal! Laufe weiter. Es raschelt und knackt um mich. Stimmt nicht, ich. Es raschelt. Das Knacken sind meine Knochen. Spannungen, die aus meinem Rücken purzeln. Krallen, die mich los lassen. Sanfter Ort. Durch die Gräser raschelt der Wind, löst warme Blasen, die die mich einhüllen, dann ist es wieder still ist. Hier unten. Nur in den Wipfeln säuselt der Wind durch die Äste.
Susatal! Susatal! Susatal! Sehnsucht.
Bück mich.
Ein winziger, grellgrüner Wurm balanciert auf einer Tannennadel. Mitten auf dem Weg. Mitten in einem Meer vertrockneter, brauner Nadeln. *Na kleiner Freund, du hast aber auch *n Jetleg, oder?* Bissl in die falsche Jahreszeit aufgewacht, oder?*
Bleibe einfach ein wenig kopfüber stehen. Eh schön. Genieße seine Farbenpracht auf dem Braun der trockenen Kiefernnadeln.
Dann nehme ich mit Fingerspitzen sein Vehikel und lege ihn vorsichtig im Gras neben dem Steig ab. Nicht, dass er noch ein Opfer des Schnupfens hinter mir wird. *Viel Glück, Kleiner!*
Über mir lärmt ein Vogel. Ich höre, wie er sich bei jedem "Zirp" das er in den Herbst hinaus brüllt die Lunge aus dem Leib presst. Ich sehe, wie er mit seinem Schwanz noch nachwippt um den letzten Ton heraus zu quetschen. Und doch kann mein Auge ihn nicht finden.
Meine Füße federn auf dem Moos des kleinen Wildwechsels. Mir ist, als liefe ich auf dem runden Bauch von Mutter Natur. Mir ist, als liefe ich auf einem großen, hohlen Körper. Nichts unter mir als eine fingerdicke Schicht aus feinen Wurzeln und Moos.
Morbider Ort. Ich liebe ihn. Vor Jahren muss ein Sturm hindurch gefegt sein. Silbrig weißgrau gegerbte, tote Stämme stechen in den Himmel. Weisen dir den Weg in den Abgrund. An ihren Leibern Fetzen toter Rinde. Lasse meinen Blick schweifen. Lasse meine Füße steigen. Schritt für Schritt.
Zwei lila Kügelchen wippen im sanften Wind. Einsame Boten neuen Lebens.
Halte mich ein in den Wurzeln. Steige über sie hinweg den ausgewaschenen Weg hinauf. Mein Blick fällt auf den abgesägten Stamm. Morbide Schönheit. Mahnmal schmerzender Brutalität. Mit quer aufgeschnittener Rinde aus der noch das Harz quillt bietet er mir Halt. Grausames Bild. Als hätte ihm jemand die Kehle durchgeschnitten.
Bleibe stehen. Lasse die Sonne auf mich strahlen. Lasse mich fallen in alle Wehmut, Zuversicht und Schönheit dieses Ortes. Er strahlt in seiner morbiden Schönheit eine Ehrfurcht gebietende Ruhe aus, die uns Menschen fehlt. Die mir fehlt.
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