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004_2022. Der Pinsel

  • Autorenbild: GM
    GM
  • 2. März 2022
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 23. Juli 2022

02.03.2022, Mittwoch, 8.00 Uhr Definitiv zu früh für meinen Hirnstoffwechsel


Der Pinsel Irgendwie hab ich heute meinen Anstandswauwau zuhause vergessen.

Sitze auf der Behandlungsbank und beobachte aufmerksam die Bewegungen der stimmstarken Einsneunzig plus vor mir. «Vor - zurück, vor - zurück. Wie eine alte Dampflock», er. «Vor - zu…..» Geistesabwesend grinst mich meine Selbstironie an. Leider nicht nur mich, sondern auch ihn. Und so rutscht es aus mir: «Also, das alt, das hättest jetzt wirklich weglassen können.» Er, wie immer tief in seinem Flow, dampflockt - gar nicht so alt, recht frisch sogar - für Sekunden weiter. Lockt und lockt vor meinem Auge. «Hhhhhm?» er. «Das ALT,» versuche ich unter der Maske meine Stimme zu erheben, «das hättest du jetzt wirklich weglassen können!» Zurück, vor, zu...

Sekunde, …. Jetzt ist er da! Der Joke.

Ein kurzes Lachen, dann könnt’s schief gehen. Er holt an zu antworten. «Nenene, lass gut sein», fuchtl ich. Uff… grad noch. Sollt jetzt kein fishing for werden. Ich hab das einfach manchmal, wenn der Clown in mir rülpst. Da kommt auch mal was mit raus. *Sorry, Coach.*


Wenig später stehe ich da, die alte Dampflock, und walze meine Schulter langsam ‘vor - zurück, vor - zurück’. Mein Blick bei ihm.

Mein Ohr? Bei ihm. Mein Hirn? Fragt doch mich nicht. Grad hab ich’s noch gesehen.



08:17 Uhr

«….. stell dir vor, du hast ‘n Pinsel und ….» *STOP! Was bitte?!?!?!??!!!!!* Kurzschluss in meinem Hirn. Aber er, er redet unbeeindruckt weiter. Voll in seinem Bild des ‘Pinsels’. *Mann, Typ! Deine Bilder! Die muss man aber auch erstmal verstoffwechseln können!* Muss mich echt zam reißen. Ich weiß ja nicht, ob’s an den bald sieben Jahren Single sein liegt, oder an den angeblichen Hormonschüben oder einfach an heute, aber, seid mal ehrlich: Ein Typ - jetzt nicht grad mit Hässlichkeit beschenkt - der dasteht und davon spricht, ich soll mir einen Pinsel vorstellen.

Achselzuck. Abwart. Sickert es? und dann arbeitet der Typ auch noch mit seinen Hüften. Ja, nu, Hände heb, Achselzuck. ... *Oder?! Gell schon?! Sag ich doch! Geht nicht nur mir so*

Jetzt kommt er auch noch mit der Position ums Eck, wo er den selben gern geparkt sehen würde. Ich finde, das ist jetzt dann doch zu viel für einen bildbegabten Menschen wie mich.

«STOOOOOOOOPPP!» Diesmal laut. Weil, entweder breche ich gleich in schallendes Lachen aus oder ich fress seine Behandlungsliege. «Hör auf, bitte! für Sekunden weiter. Ich krieg die Bilder ja nie mehr aus dem Kopf!!!»

Was soll ich sagen. ER malt weiter.

IN MEINEM KOPF.


08:42 Uhr Aufblendlicht, Abblendlicht Irgendwie bin ich kaputt heut. Das Fahrwerk zieht nach links beim Bremsen. Ne, ne, ne. Ich weiß nicht, wer mir da heut ständig ins Hirn sch….eißt. Sorry. Einmal falsch abgebogen und schon lotst er mich eine geschlagene Stunde permanent in geistige Sackgassen.


Wieso steht der schon wieder da und erklärt mir hier so Fastfood-Zeug von Auf-/ und Abblendlichtern?

Erst wollt er, dass ich mir ‘n Pinsel in den Allerwertesten steck und jetzt das noch! Seid mir nicht bös. Hand hoch, wer sich da beim geistigen Strippenziehen nicht plötzlich in einem chaotischen, fingerverknoteten Wollwirrwarr wiederfindet.

Er steht da, die zarten Ringfinger an die Hüftknochen geparkt, Zeigefinger und Daumen pfeilen mit jeder Hüftbewegung nach oben außen und …. nu, ich kann ja auch nix dafür, innen unten. Er nutze da immer Bilder, um es seinen Klienten zu erklären, sagt er. *Danke*, denk ich, *deine Bilder und ich, wir haben uns gerade kennen gelernt. Lass ma besser.* Aber, zu spät. Das nächste ist schon im Anflug. Männer, er weiter, könnten sich die Bewegung am besten mit dem Bild Aufblendlicht-Abblendlicht erklären. «Schau», er zu mir. *Nnneeeeee!!!* so mein Hirn. «Aufblendlicht», dabei gehen Finger und Hüfte nach vorne oben, «Abblendlicht». Finger nach innen unten. Zu allem Überfluss schält sich auch noch das hintere Sportprofil aus der Kontur des Rückens.

«Aufblendlicht, Abblendlicht, Aufblend….» *Is gut jetzt!!!!! Mein Hirn!* Ein Lob auf die Freiheit der Gedanken. Prost. Zamreißen, Mädl, echt Z A M REIßEN!!!!! Und Aaaatmen...



Ich hab’s wieder im Griff.

Nur der Kopf, der macht weiter: *Ja Coach, auch Frauen können sich das unter Garantie so am besten merken so. Lach. Mann Kerl! Was glaubst du, kombinieren halbwegs nervenklemmfreie Frauen, wenn sich ein mit Hirn und Hinblick versorgter Kerl hinstellt, im Fluss seiner sichtlich guten Hüftmobilität seine Scheinwerfer bedient?!*

Nein, ICH spreche das jetzt besser nicht aus! Dieser Witz könnte zu einem Vorladungstermin bei der Konfliktberatungsstelle für Gesundheitsberufe führen. Klappe G.!!!!! Halt jetzt bloß die Klappe! Ein Pinsel reicht für heut!! ermahne ich mich selbst.




Später.



Sitz auf der Pritsche, derweil mein Antipeuth sich bemüht, mir einen ausgewachsenen Knutschfleck auf die Schulter zu platzieren. Mein Blick fällt auf einen schwarzen, schmalen Rattankorb im Eck. Darin? So allerhand.

Während er da hinter mir rumhantiert und redet, schiebt sich - vor meinen Augen - das abgefieselte Mittelfingerchen einer skelettierten Hand durch die schwarzen Stäbe seines Gefängnisses.

Glied für Glied schleicht er sich leise aus der Deckung. Ziel?

Der Pinsel.

Es fingert und fingert, das Fingerchen, aber egal wie es versucht, seine Glieder zu strecken, es fehlt dem Verhungerten an Reichweite. Und so gibt es auf.

Gggg, zugegeben, ich lach es aus.


Ouuuuuuuhhhh, das hätt ich mal besser lassen!

Krutschtlkram zieht es sich bitterbös zurück. Das Händchen. Mir schwant übles. Im Inneren des Korbes räumt es gewaltig. Er wackelt bedrohlich. Die großen Röhrenknochen, die auch darin auf ihren Einsatz warten werden wie ein Vorhang zur Seite geschoben. Durch die Stäbe erahne ich: das Händchen. Es nähert sich.

Mir.

Frontal.


Dann,

ja dann,


schiebt sich erst die fies spitze Kuppe, dann der Mittelknochen, dann das unterste Glied seines Mittelfingers laaaangsam, ganz langsam, eins nach dem anderen durch den Spalt. Es deuten auf mich.


Das Fingerchen winkt mir.


Will mir wohl etwas zuflüstern. Mein Kopf steht auf, derweil Coach Schrägstich hinter mir mich zur Geldkatze predigt: «Arm hoch - runter – hoch - runter.»

Und das Fingerchen winkt. Unwiderstehlich.


Mein Kopf ist unbemerkt nach drüben gehuscht. Bückt sich, dem Fingerchen zu lauschen.


ZACK! lässt es seine drei Glieder aber sowas von geballt nach oben schnellen. Steht da: starr, steif, aufrecht. Zitternd vor Wut.


Und zeigt mir, ganz klar: Den Stinkefinger.


Unterschätze niemals das Grundgerüst.

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