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029_13.02.2021. Wieder im Griff des Metronoms

  • Autorenbild: GM
    GM
  • 13. Feb. 2021
  • 3 Min. Lesezeit

13.02.2021, Samstag abends Es gibt sie noch, die kleinen Momente

Wir haben Frostdiättemperaturen seit drei Tagen. Wirklich derbe. Zwei Minuten draußen und die Fingerkuppen schreien Hilfe. Der Hintern spendet Brennmaterial.

Es ist schon fast dunkel. Immerhin erst kurz vor achtzehn Uhr soweit. Wohltat. Ein Licht-Blick Richtung Frühling.


Mein Dicker, mein Transporter, verweigert seit gestern den Dienst. Am ersten Tag der Gefrierfrostung hatte er nach langem Orgeln noch ein Einsehen. Tags wurde es dann warm genug. Da ließ er sich sogar noch einmal zu einem Ausritt überreden. Aber gestern früh ist der dann – auch nach mehrmalig fünffachem Vorglühen – schlicht nur noch durchgedreht. Bevor es ihm final die Lichter ausgeblasen hat.


Jetzt bin ich unterwegs zur Tanke. Zwei Kurze holen für mein Dicken. Die werde ich ihm morgen Mittag einflössen. Vielleicht wecken die zwei Shots ja seine Lebensgeister wieder.

Sam also angeleint an der Leuchtreklame. Die wird er wohl nicht wegreißen können, auch wenn er wieder Panik schiebt. Dennoch, ich muss mich beeilen. Mütze runter, Kapuze runter, Maske auf und Dieseladditiv-Shots kaufen. Zwei Schoko-Muffins noch hinterher. Additivstoff für mein Hintern. Ok, geb's ja zu, meine Seele.

Draußen parkt inzwischen die Notarztbesatzung an der Zapfsäule. Oh,oh….. Ich beeile mich. Ahnend, dass Sam sich – im blauen Licht – unter Garantie gerade die Hosen vollsch… Das geht ganz fix mit dem re-traumatisieren. Ich also zackig raus. Ok. Immerhin steht es noch, das Würstchen. Züngelt, tappelt auf den Pfoten herum. Da findet gerade eine intensive Diskussion zwischen Amygdala und Frontalhirn statt. Ich kann es ihm nicht verdenken.

«Sam! Bin schon wieder da. Alles gut» spreche ich ihn im Kommen an. Das war grenzwertig. Ach Hasenfuß. Mensch an sich ist schon gruslig genug. Dunkel auch. Angebunden sein triggert frühere Erinnerungen. Rettungssanitäter machen für ihn die Sache voraussichtlich nicht besser.

Ich nehme im Gehen die Maske ab. Bin bei ihm. Ist ja gut gegangen. «Na Hosenfurz, siehst du lebst noch», sag ich aufmunternd zu ihm und blödle ihn im Ableinen ein wenig an. Emotionsvampir Sam.


Wohl bedacht, dass er jederzeit einen panischen Fußabdruck auf dem Betonboden vor der Tankstelle hinterlassen könnte nehme ich – einarmig, ruhig und achtsam die Leine so um seinen Körper herum auf, dass immer ein Save-Finger die Verbindung zu dem Fellbündel hält. Eine Hand ist ja mit den Energy Shots für zwei alte Karossen beladen. Gesichert. Leine in der Hand. Los geht’s. Schnell heim, bevor wir es übertreiben mit der Frostdiät.


Mein Blick geht nach oben. Auf die andere Straßenseite.

Wunderbar. Es gibt sie noch. Die Biedersteiner Momente des Lebens.

Ich muss unweigerlich schmunzeln.

Film? Wo ist die Crew? Wo sind die Kameras? Klappe, die erste? Wo ist der Regisseur? Was für eine skurrile Inszenierung.

Vier Jugendliche. Aufgrund der aufpolsternden Isolierverpackung undefinierbaren Geschlechts. Alter round about fünfzehn, sechzehn würde ich vermuten. Hintereinander. Im Corona Abstand. … Ok. Nullkommafünf Meter weniger als Corona Abstand, aber seit neuesten sind zwei Meter ja kongruent mit einer Armlänge. Bedächtigen Gleichschritts. Hintereinander weg. Im Gänsemarsch. Die linken Hände in den Manteltaschen. Die rechten auf Zwerchfellhöhe vor den Bäuchen. Handflächen nach oben, Daumen… auf den Displays. Der Handys. Die Köpfe unter den Kapuzen tief auf die Brüste gesenkt. Nasenspitzen keine zwei Handbreit über den Displays.

So gehen sie. Stumm. Zusammen gehörend. Jeder für sich. Choreografiert von einem unsichtbaren, elektronischen Guide, der sie zu einer Gruppe zusammenschweißt und leitet. Verbunden durch die Kette der Internetanbindung. Ver-bindung.

Das Bild der laufenden Entfremdung.


Ich stehe ungläubig da, laufe ein paar Meter parallel. Kann meinen Blick nicht bei mir halten. Diese Szene ist zu skurril.

Ein Bild aus unserer Zukunft? Bin ich Momo?

Mir ist kalt. Und das nicht, weil es um mich klirrt. Ich laufe noch ein paar Meter in meiner Parallelwelt.

Dann verschwimmt die Choreographie langsam. Der erste weicht nach links auf dem Gehweg, der zweite schießt auf, die beiden hinten beschleunigen den Schritt.


Ich verliere sie lieber hinter mir.


Das Bild bleibt.

Unzerstört.



In meinem Kopf.


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