030_2021. Der Valentin. Ver-rückter Kerl in ver-rückter Welt
- GM

- 14. Feb. 2021
- 5 Min. Lesezeit
Sonntag, 14.02.2021 Der Valentin Ver-rückter Kerl in ver-rückter Welt
Geh gerade mit Sam eine große Schlenderrunde. Es ist kalt, sonnig. Kaum mehr Schnee. Einer der kommerziellen Tage, die Singles klar machen, wie halb sie durch die Welt schlendern und in Partnern Befindlichkeiten wecken, die sie das restliche Jahr vermutlich nicht spüren. Habe beim Gartencenter geparkt. War vielleicht heute nicht die klügste Entscheidung. Es gibt ja seit Corona noch viel weniger menschliches Umfeld in meinem Leben als ohnehin schon. Siebt sich aus, was Kontakte angeht. Eigentlich traurig. Hätte nicht für möglich gehalten, wie sehr die Fähigkeit oder eben Unfähigkeit mit massiven Veränderungen besonnen umzugehen einen Keil in menschliche Beziehungen treiben kann.
Laufe so vor mich hin. Immer wieder drehen sich flüchtige Gedanken um die Frage: Kannst du, musst du nicht vielleicht diese Menschen ziehen lassen? Frag dich vielmehr, kannst du sie halten? Sie sind doch immer noch die, die du kennen gelernt hast. Sie haben dir mit ihren Einstellungen, mit ihrem Wesen in deinen 'schweren Zeiten' geholfen. Ich erwische mich sogar bei dem Gedanken, dass ich ihre Worte, die mir damals den Rücken gestärrkt haben Entscheidungen zu treffen heute beginne zu hinterfragen. Damit muss ich aber zack zack sofort aufhören. Ich habe damals auf Grundlagen, die mir möglich waren Entscheidungen getroffen. Treffen müssen. Somit waren sie richtig. Weil die in diesem Moment für mich einzig möglichen. Ich werde jetzt nicht auf das Horrorkarussell von in sich drehenden Gedanken aufspringen. Ohn nein, CAVE!!!! Aufpassen! Von reflektieren zu Wahnsinn ist es manchmal nur ein Schritt.
Ich versuche einen fest gefrorenen Stein aus dem Weg zu kicken. Der Schmerz in den Zehen ist mein Freund. Kneift mich mit den Worten: *Es gibt Dinge, die sind, wie sie sind. Rüttle nicht an ihnen. Nimm es an, lass es liegen und geh weiter.* Und? Schläft jetzt der ein oder andere Kontakt ein? Weil sie wie Bullterrier die Klagemauern hochrennen um sich in ihren Gebetsmühlen festzubeißen? Nicht mehr loslassen können? Und bei jeder Ansprache baumeln das tote Ding totbeuteln wollen. Völlig stur? Starr? Unfähig loszulassen? Völlig vergessend, dass es auch noch andere Perspektiven gibt? Bist vielleicht wirklich du hier das Schaf, das der Herde folgt? Was ist DIE Wahrheit? Gibt es sie überhaupt? ...... Gibt es eine Grätsche, die es dir ermöglicht, diese Menschen zu halten? Bist du die, die unflexibel ist, weil sie mit diesen Menschen einfach nicht nur über ihre "alles gegen sie" Mentalität diskutieren will? Warum ist es nicht mehr möglich, mit den Menschen wirklich in ein Gespräch zu kommen? Vermutlich denken sie das selbe von mir. Wieviel Wahrheit kann jeder auf seine Waagschale legen? Ist das überhaupt wichtig? Warum kommt auf mein Frage: *Wie geht es dir?* nur mehr Katastrophengeschwurbel? Sind diese Menschen nichts anderes mehr? Muss man in der heutigen Zeit vom Kopf bis zum Scheitel politische Haltung sein? War es nicht schon immer so, dass diese Menschen in meinem Umfeld viel geschimpft haben nach außen? Bist du das dumme, glatte Ei, das keinen Stand hat? Muss man sich in solchen Zeiten für eine Weltanschauung entscheiden. Bin ich einer der Gründe, warum die geheimnisvolle große Macht tun und lassen kann was sie will? Ist es so, dass ich mich auf die Frage *Wie geht es DIR?* mit Weltgeschehen statt mit dem Menschen auseinander setzen muss, den ich einst kannte? Weil er nurmehr Weltgeschehen ist? Ich habe bis heute keine Antwort. Aber ich merke, dass ich nicht mehr frage. Dass ich mich nicht mehr melde. Weil für mich die Menschen, ihr eigenes Sein, ihr Wesen hinter Plakaten und Meinungen verschwunden ist. Was ist richtig.... Ich weiß es nicht. Und ich weigere mich, darüber verrückt zu werden. So wandern meine Fragen auf die ich keine Antworten finde. Sie schlendern mit, sie laufen davon, sie kehren zurück. Schweigen herrscht inzwischen auch zwischen uns. Wir laufen weiter. Stumm nebeneinander her. Am kommerziellen 'Single fühl dich schlecht Tag'.
Vielleicht ja doch die großen, geheimen Mächte. Direkt geparkt habe ich vor der indoktrinären Botschaft: Schenken Sie Ihrer Liebsten Blumen zum heutigen Tag.
Warum schenkst ihr nicht einfach Blumen, wenn es euch in den Kopf kommt?
An welchen blödsinnigen Gedanken man so grüßend und selbstvergessen vorbei läuft, wenn man mit einem Hund durch die Welt läuft, der die erste Zeit seines Lebens keinen Taktgeber hatte. Der durch die Welt trödelt, vollkommen in sich selbst. Der die Reizverarbeitungszeit eines Brontosaurus maximus besitzt. Wieder einmal bleibe ich stehen, weil der Collie bedächtigen Schrittes von einer Ackerfurche zur nächsten latscht.
Rufen? Wofür. Er wird sich nicht angesprochen fühlen. Er fühlt sich zur Not nie angesprochen. Könnten wir uns hie und da was abschneiden von.
Anscheißen? Vergiss es. Gilt zur Not bestimmt nicht ihm. Soweit kommt es noch. Und wieder schneide ich im Kopf von der Torte ein Stück und möchte es in die Welt reichen.
Mein Lehrmeister der Achtsamkeit, grinse ich. Ganz allein. Für mich. Es ist, als hörte ich sein Mantra.
Und wenn du von Erdscholle zu Erdscholle steigst, dann steigst du von Erdscholle zu Erdscholle. Dann hörst du nicht auf Geräusche, die aus der Welt der Menschen zu dir dringen. Würdest du von von Erdscholle zu Erdscholle steigen und dabei auf das hören, was Menschen brüllen, wäre das nicht achtsam, sondern schlicht und ergreifend blöde. Es würde in keinem Fall zu einer Verbesserung deiner Situation führen. Darüber hinaus wäre es einem Land Lord nicht geziem, wenn du denn wie ein Bauer im Dreck landest, weil du deine Achtsamkeit verlierst und auf dem Acker stolperst.
.... und wie ein Kind im Morgenwehen Neuem hält seine Hände hin...., mein Kopf zitiert schmunzeln Rilke, während ich dem weißen Püschelarsch hinterher schaue. Wird schon umdrehen.
Genau das tue ich auch. In diesem Moment. Zurück auf den Weg. Und staune.
Mitten auf der Ebene. Kaum mehr Schnee auf dem Boden. Kommt mir der Bommelmützenmann, der Laternenträger aus meiner Ecke mit einem Schlitten entgegen. Zieht ihn hinter sich her. Mitten im totalen Flachland. Wo will denn er hin? Wo kommt er her? Hier gibt es wirklich kilometerweit keinen Hügel, zu dem, von dem er ....
Sofort meldet sich mein Vater mit einem seiner liebsten Witze. Wir stellen uns gemeinsam an den Rand des Weges, beobachten die Bommelmütze, grüßen höflich das eigenartige Gespann.
Wortlos erzählt mir mein Vater zum hunderttausendsten Mal den Witz vom Ver-rückten, der mit seiner Zahnbürste spazieren geht. Als er von den Leuten auf der Straße mitleidig angesprochen wird auf den süßen Hund, den er da Gassi führt erklärt er diesen empört, ob sie denn verrückt seien, ob sie nicht sähen, dass das eine Zahnbürste ist. Peinlich betreten pflichten ihm die Menschen zu und suchen verstohlen das Weite. Da wendet sich der Ver-rückte zu der Zahnbürste, lacht verstohlen und raunzt ihr zu: Geh Bello, denen ham'was wieder mal gezeigt.
Der Ver-rückte mit seinem Schlitten entschwindet den Feldweg entlang. Das letzte, das ich wahrnehme ist der hüpfende Bommel und das unvergessene Lächeln meines Vaters. Das sind die Momente in denen mir klar wird, wie sehr er in mir lebt. Wir sind uns verdammt ähnlich. Und irgendwie ist das auch gut. Heute.
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