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036_2021. Ein Flackern nur

  • Autorenbild: GM
    GM
  • 25. März 2021
  • 5 Min. Lesezeit

25.03.2021, Donnerstag Ein Flackern nur, Erinnerung Einen Abend bin ich zurück. Im Susatal. Ein Jahr später. Seine Frau lebt nicht mehr.

Bin eingemummelt in meinen Schlafsack, die Füße stemmen sich in den Holzbalken der Umzäunung. Ich ziehe den Stoff des Schlafsackes mit beiden Armen um mich. Bis zur Nasenspitze. Es ist kalt. Zu kalt. Zu kalt, um im Dunkeln hier draußen allein zu sitzen. Meine Jungs, mein Exfreund, meine 'Bekannten' wie er sagen würde haben sich schon lange in ihre Kojen geschlichen.

Ich sitze hier, sehe hinüber. Er ist zurück vom Essen. Sie sind alle zurück vom Essen. Wollten sie mich mitnehmen? Beim Wegfahren schon saß ich hier, um jede Sekunde in mir aufzusaugen. Der grüne Bus fuhr los, blieb stehen. Schauen sie zu mir? Mein Wünschen. Verpasste Chance? Wieder einmal? Sie fuhren. Alleine. Ich saß. Ich saß. Hier. Und doch war ich dort drüben. Ich hätte mich rüber setzen können, dort, wo ich das Jahr zuvor ihm so nah gelegen bin, den ganzen Tag. Ich wage es nicht. So bleibe ich hier. Ziehe die Füße zurück in den Schlafsack, rutsche auf dem Stoff des wackelnden Campingmöbels hin und her um eine auch nur halbwegs bequeme Position zu finden.

Mir ist kalt. Ich bin müde.

Zeit zieht ins Land. Ich kann nicht gehen.


So sitze ich.

Die wenigen Stimmen der noch draußen sitzenden werden leiser und leiser. Ich sitze. Versuche mich noch enger zusammenzurollen. Und schau nach dort drüben, wo ich nicht hingehöre.

Hinter mir, über mir im Dachzelt leuchtet ein Handylicht. Christian hängt wohl wieder einmal im Netz. Friendscout, ebay Müsis, für ihn wohl ein und das selbe. Und immer noch geht mir ein Stich durchs Herz. Wir hätten Zeit, hier als gute Freunde, als Freunde wenigstens, noch ein wenig zusammen zu sitzen.


Mir fröstelt.

Ich verstehe nicht.


Bin ich hier mit einem Menschen, der mir diese Chance gibt, neben dem ich heute Nacht wieder liegen werde und doch bin ich ihm völlig egal?


Sehnsucht.

Was ist das, was uns verbindet? Bin es nur ich, die diese Nähe spürt? Zu dem Hünen dort drüben. Hätt ich nur den Mut, ich würde aufstehen, die dreißig Schritt dort hinüber gehen und mich hinsetzen. Zurück in die Zeit, da ich diesen Menschen das erste mal sah.

Aber mir ist kalt.

Zu kalt längst schon.

Mut gefriert in meinen Adern.


So sitze ich und lausche in die ungewöhnliche Stille des Platzes. So viel Menschen und keiner weiß, welche Koffer sein Nachbar mit sich führt. Eine große Gemeinschaft sich völlig fremder.


... Zeit geht ins Land.

Es wird kalt und kälter.

...

Und doch, kann ich nicht gehen. Als verlöre ich jede Verbindung, als ende alles, was hier in der Luft liegt, wenn ich jetzt aufstünde und ins Bett ginge. Mich neben den Mann läge, dem ich offensichtlich letztlich völlig egal bin. Bin ich das? Ich dachte, wir wären im Herzen verbunden auch wenn wir niemals als Paar funktioniert hätten. Ich dachte, ich wäre ein wenig, ein ganz klein wenig Familie.


Der Kies knirscht, ein Lichtkegel schleicht um die Kurve hinter dem Sanitärhaus. Aus dem Dunkel der Nacht schält sich der Umriss eines sehr großen Autos. Mein Herz rutscht mir in die Hose. Hoffen. Die Freude eines kleinen Mädchens das heimlich verehrt. Ich bin aufgeregt. Ist er es? Kommen sie zurück? Sie, das sind seine Eltern, seine Freunde. Sie. Was für eine wunderschöne Gemeinschaft. Es tut ein bisschen weh. So gerne wäre ich ein Teil von ihnen.


Sehnsucht. Gewohntes Gefühl.


Der Bus fährt in die Parzelle. Sie sind es. Der Motor verstummt. Das Licht der Scheinwerfer erlischt. Türen schlagen leise. Murmeln dringt zu mir hinüber. Sie sitzen bestimmt noch gemeinsam am Tisch. Sehen kann ich es nicht. Es ist stockdunkel hier oben.

Dann wird es ruhig.


Er ist noch da. Ich spüre es.

Er ist alleine. Irgendwo dort drüben mit all seinen schlimmen Zeiten, die ihm Kräfte abverlangt haben, die ein junger Kerl wie er nicht sollte haben müssen. Ich möchte zu ihm. Mich neben ihn setzen. Da sein. Ihm meine Hand auf die Schulter legen. Da sein. Mit ihm schweigen in die Nacht. Mit ihm seine Frau spüren, die dort sitzt, jetzt mit ihm.


Ich kann nicht gehen. So bleibt die Nähe, die sich in Ferne die sich am fernsten Firmament erkennt. Es ist nicht meine Zeit. Es ist ihre.


Doch bin ich Anzogen.

Angesogen. In die Stille, die nur ihm und seiner Frau gehört.

Sie ist bei ihm. Sie sitzt neben ihm, sieht ihn still an. Ihn. Der dort drüben vielleicht alleine vor seinem Wohnmobil sitzt und in seiner Welt um Verstehen ringt.

Einen Abend lang, habe ich in der Nacht hinüber geblickt in die Stille. Einen Abend lang formten sich meine Lippen mit jedem aufglühen des Tabaks dort drüben zu einem seufzenden Lächeln. Ich sehe in seine Augen. Dort drüben im Dunkeln.


Heute, am 25.03.2021, Jahre später war er mir noch einmal nah für einen kurzen Moment.

Für einen Moment saß ich bei ihm. Das Feuer knisterte im Kamin, sein Hund lag davor auf dem Holzboden und ließ sich den Rücken braten. Metallica, Gin Tonic in der Hand sitzen wir da, sehen ins Feuer, schweigen Stunden, sehen uns an, ein Lächeln. Mehr braucht es nicht.

Hie und da ein kurzer Gedanke, Worte, die sich ins Herz graben. Ehrlich. Erinnerungen. Schweigen. Hie und da ein Prost auf die eine oder andere Frotzelei.

Wieder mal ein Abend, der nicht enden darf. In dem man nicht aufsteht und geht, denn er wird nie wieder kehren.

Für einen Moment hat er mich zu sich eingeladen. Dachte ich .


Sehnsucht ist das, was bleibt.

Ich verstehe ihn nicht. Kann nicht glauben, dass ich nur eine Spielwiese für Freundin freie Abende bin. Wenn Mann gerade nichts besseres zu tun hat. Das ist doch nicht er. Ich will, ich kann das nicht glauben.


Es werden Sehnsüchte bleiben.

Es werden Wünsche bleiben.


Denn so wie er kommt, so geht er und verschwindet immer wieder aus meinem Leben.


Rilke kommt mir in den Kopf. Jene Zeiten.


Jene Zeiten. Oh, wie war ich Eines, nichts was rief und nichts was mich verriet. Meine Stille war wie eines Steines, über den der Bach sein Murmeln zieht.

Aber jetzt in diesen Frühlingswochen hat mich etwas langsam abgebrochen von dem unbewussten dunkeln Jahr. Etwas hat mein armes warmes Leben irgendeinem in die Hand gegeben, der nicht weiß, was ich noch gestern war.


Das ist die Sehnsucht: wohnen im Gewoge

und keine Heimat haben in der Zeit.

Und das sind Wünsche: leise Dialoge

täglicher Stunden mit der Ewigkeit.


Und das ist Leben. Bis aus einem Gestern

die einsamste von allen Stunden steigt,

die, anders lächelnd als die andern Schwestern,

dem Ewigen entgegenschweigt.


Ja, manchmal hat man im Leben eines Menschen eben nichts, als diese kleine Aufgabe, ab und an aufzupoppen bis man vergessen ist.

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