042_2021. Bauer sucht jetzt keine Frau mehr
- GM

- 21. Juli 2021
- 5 Min. Lesezeit
22.07.2021, Mittwoch Bauer sucht jetzt keine Frau mehr.
Zumindest nicht in meiner Küche. Pieps wäre heute beinah in den Haaren von KlopapierPüppi
gestorben. Nein! Bauer sucht jetzt keine Frau mehr. Zumindest nicht in meiner Küche. Wird Zeit, sich von alten Zöpfen zu trennen. Pardon, in dem Fall Haaren. Hätte es sich um Zöpfe gehandelt, so wäre es vermutlich nicht so dramatisch geendet. Keine Angst. Es hat nicht geendet. Nur mal wieder beinah geendet.
Aber von vorne. Die Gardemaßfarmerin, deren letzte zwei Positionen im Lebenslauf lauten wie folgt: 29.05.2021 Aufstieg von der Kaffeemühle auf die Microwelle. Gehobene Position sozusagen. Zellstoffabrollbeauftragte. Man könnte auch, ganz ordinär sagen: Klopapier Püppi. Ok, korrekt wäre Küchenrollenabrollkraft. Ach ja, und Piepsens Sitzplatzassistentin. 22.07.2021 Klopapier Püppi scheidet unehrenhaft aus dem Dienst aus und fährt in die JVMülleimer ein.
Was dahinter steckt? Kann ich euch sagen. Das hinterlistige Stück wurde um 16:23 Uhr des versuchten Totwickelns meines Pieps angeklagt.
Davor musste ich - wieder einmal – in einer dramatischen Rettungsaktion meine bereits völlig entkräftete Meise aus dem Wallhallalockenprachtscheißhaar der Farmerschubse befreien. Ich weiß ja nicht, welche Substanzen Pieps seit einigen Monaten Nacht für Nacht zu sich nimmt. Möglicherweise Marzipan. Aber dazu kommen wir später einmal, denn diese Erkenntnis datiert sich auf den 06. August diesen Jahres. Zuckerentzug würde allerdings das morgentlich aggressiv ausfallende Verhalten des inzwischen stahlblauen Federbalgs erklären. So auch am besagten 22. Juli diesen Jahres. Wie sich alles zutrug?
Der Wecker klingelt. Zu früh, wie jeden Tag. Zu Rücken die ganze Nacht. Kein Elan. Ich strecke mich. Immer mit dem Gefühl, das nächste Knacken und Krachen in meinem Rücken könnte das letzte sein. Zumindest das letzte, dass ich durch willentliche Ansteuerung meiner Muskeln in die morgendliche Stille schicke. Ätzend.
Der Witz mit dem 'Ich bin nicht alt, ich bin knackig' kommt mir schon länger nicht mehr so witzig vor. Haha. Leck mich doch!
Ich kralle mich mit den Händen in die Kante dieser unsäglichen Matratze, die , wie alle Matratzen bisher nach wenigen Wochen eine wasserlose Gumpe in der Mitte geformt hat. Ich mag zugelegt haben, sicherlich auch in der Körpermitte, aber sicher nicht derartig, dass diese Moränen Aktivitäten zu erklären gewesen wären. Futon, denke ich. Hart, grade, anders. Hauptsache nicht mehr diese elendigen Rückenschmerzen Nacht für Nacht.
Meine Füße berühren den Boden. Es geht mich, aufs Geländer gelehnt, Stufe für Stufe nach unten.
Ich lausche in die Wohnung. Höre ich Pieps irgendwo? Ich linse um die Ecke nach unten. Käfigtüre ist auf. Das heißt aufpassen, wenn ich die Küche betreten will. Nicht, dass Sam ihn schnappt. Ich sehe und höre ihn nirgends. Also schiebe ich die 'Vogelselbstschutztür' zur Küche einen Spalt auf. Die Ohren am Hinterkopf, die Augen bei dem plattgetretenen Riesenmeerschweinchen Sam, das – natürlich – wieder einmal genau quer vor dem Kindergitter liegt und nicht gedenkt sich auch nur ein Ny zu bewegen.
Ich hieve meine Gräten eine nach der anderen durch den Spalt, immer gewahr, dass ich unter Umständen ganz schnell den zeternden Flugsaurier abwehren muss.
Frrrrrrttttt…
Grad noch abgewehrt. Pieps landet zeternd auf dem Ü-Ei Männchen neben provisorischen 'Küchentür'.
Fliegengittertür zu ziehen, über Sam steigen… Manchmal, das muss ich schon zugeben, würde ich in solchen Momenten am liebsten genauso ignorant, wie er liegen bleibt einfach auf ihn drauf steigen. In Anbetracht des sicherlich grusligen Gefühls unter der verschlafenen Fußsohlen, dem Knacken und dem markerschütternden spitzen Schrei des armen Collies, wenn seine Rippen brechen sind meine Aggressionen gegenüber diesem stoischen Esel ganz schnell verflogen. Nur – mein Fuß bleibt gebremst unsanft an seinem Körper hängen. Es schiebt ihn vor, es schiebt ihn zurück. Abgesehen von dieser passiven Mobilisation bewegt sich nur ein missbilligendes Auge. Mein Unterbewusstsein tritt noch einmal nach. "Gibt's echt nicht. Zipfel! Wegen dir Ignorant fall ich noch in die Küche, oder?" kotze ich zu ihm rüber. Rührt ihn wenig.
*Stoischer Esel. Die Welt ist doch auch zwei Jahre um dich herum gerannt wie um eine indische Kuh*, motze ich bei mir und atme den Gedanken weg.
Espressobohnen mahlen.
Maden auftauen.
Tasse. Espresso einfüllen.
…. Moment, ich muss eben mal mein Essen auf den Herd stellen, dann kehren wir zurück zum Tattag. Morgen. Tatmorgen.
….
Die dampfende Tasse in der Hand hangle ich mich wieder aus der Küche. Hundert Prozent sicher, Pieps muss irgendwo hier draußen sein Unwesen treiben. Wenig später soll ich für gut über zwei Stunden die Wohnung verlassen. Und somit Pieps. Der wohl doch in der Küche, still und heimlich darauf gehofft hat, ich würde ihn nicht bemerken. Hab ich ja auch nicht.
Ich kehre also heim. Wie der keine Attacken. Kein Pieps. Kein Fliegenschissgewicht, dass mir ans Hirn fliegt. Sich zeternd in meine Haare hängt. Ungewohnt. Vielleicht ist er draußen, genießt die Sonne.
Ich öffne die Balkontüre und rufe. Nichts.
Jetzt wird mir doch komisch und ich beginne, akribisch jeden Zentimeter der Wohnung abzusuchen. Nichts. Nirgends. Jedes Kissen drehe ich um. In jeden Ordner schaue ich.
Kein Pieps. Ich rufe.
Nichts.
Dann gehe ich in die Küche. Begleitet von der Sorge, nur noch ein paar Federn zu finden. Schließlich war Sam auch in der Küche.
Keine Federn.
Mein Blick fällt auf Püppi. Irgendwas stimmt nicht.
Und da hängt Pieps.
Völlig verwickelt. Kopfüber. Sein kaputtes Füßchen ist ein einziger Haarbalg. Leblos fast.
Panik. Angst. Sorge. Nein Pieps! Nicht so! Scheiß drecks Barbie. Längst hätt ich das Mistding wegwerfen müssen. Alles hab ich abgesichert. Das Waschwasser, den Herd, alles.
Nur die drecksscheiß Lockentussi, die hab ich vergessen.
Wie oft habe ich mir gedacht: Die musst wegtun, da verhängt er sich noch drin.
Oh mein Gott. Lebte noch? Kaum. Jetzt muss schnell gehen.
Ich nehme ihn vorsichtig auf. So schlapp hat er sich noch nie angefühlt. Nehme die Puppe, raus. Nagelschere, irgendwas. Hoffentlich schneide ich ihm jetzt nicht noch in den Fuß. Es ist ein einziger Wust. Wie lang muss der arme Knirps diesmal gekämpft haben.
Egal, erstmal muss er wieder raus aus der Hand. Dann kann ich überlegen, wie ich die Haare vom Fuß bekomm. So kollabiert er mir gleich völlig.
Ich rasiere der blöden Barbiepuppe also ihre Lockenpracht gleich an der Kopfhaut. Möglichst save sein, dass ich nicht den Vogel verletze.
Setze ihn auf den Bürotisch. Er sackt in sich zusammen.
Ich hole noch schnell ein wenig Mandelmus. Wasser. Energie. Der Knirps muss was zu sich nehmen. Aber er lässt matt den Kopf hängen. Der Schnabel steht am Boden auf. Die Flügel gespreizt. Es ist fünf Sekunden vor zwölf.
Wärme.
Vorsichtig nehme ich ihn auf meine Hand, die andere wie ein Dach darüber.
So sitzen wir für bestimmt zehn Minuten. Dann beginnt er, ein wenig zu zucken. Ein Ny Kraft kehrt zurück. Jetzt muss Mandelmus in den Knirps. Dann möglichst schnell die Haare vom Fuß. Wenn der nicht schon total abgestorben ist und ihn vergiftet.
Ein zwei eingewässerte Tropfen Mandelmus kann ich ihm über den Schnabelspalt einflößen. Das muss reichen. Alles andere stresst ihn.
Brille. Pinzette. Nagelschere. Es hilft jetzt nicht. Vorsichtig, mit zitternden Händen versuche ich, Nanomilimeter für Milimeter in den Haarwust vorzudringen. Einzelne Haare kann ich heraus ziehen. Der Griff des Todes lockert sich. Noch an ein paar Stellen anschneiden. Mehr geht nicht. Dann klappt er mir wieder zam.
Ich nehme das matte Wesen wieder, setze es in die Kuhle meiner Hand und hoffe. Bestimmt zwei Stunden. Er liegt in meiner Hand. Der Kopf seitlich. Die Augen geschlossen. Aber er atmet.
Stunden.
Dann beginnt er sich zu regen. Zeit, ihn in den Käfig zu setzen und in Ruhe zu lassen.
Mandelmus vor die Nase, noch ein, zwei vorsichtige Tropfen in den Schnabelwinkel. Den Rest mein Engel musst du alleine schaffen. Bleib bei mir.
Was soll ich sagen. Am Abend saß sie wieder auf der Stange. Noch sehr müde. Pickte Mandelmus vom Löffelstil.
"Fiettt", ein kleines Blinzeln.
"Ich bin glücklich, Pieps. Du bist eine kleine Kämpferin. Wir sehen uns morgen früh, versprochen?"
Wie bitte, soll man so ein Wesen nicht ins Herz schließen.
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