047_2021. Ich bin manchmal schon ein geborenes Arschloch
- GM

- 12. Nov. 2021
- 5 Min. Lesezeit
12.11.2021, Freitag Was hast du denn da für 'ne Schüssel oder auch Wie man Männer am schnellsten auf Null setzt
Wie komm ich jetzt von einem rollbaren Kleiderständer voller signierter Fußballer Trikots auf MCT 1 und seine 'Schüssel'? Vielleicht, weil ich mich frage, warum ich keine Ehrfurcht empfinde vor Menschen, sie sichtlich bekannt geworden sind? Ich finde diese Haltung meines Hirns eigentlich sehr gesund. Hatte es also doch einen Benefit, im Kinderfolterwerk groß geworden zu sein. Mit einer Mutter, die dort arbeitete und einem Vater, der anders war als all die langweiligen Väter. Wir waren eben einfach anders anders als die besonders anders Reichen und Prominenten in dieser Einrichtung. Nie werde ich den Satz vergessen, den mir meine Eltern mitgaben. Ich weiß gar nicht mehr, wer das war. Meine Mutter? Mein Vater?
„Wenn dich nochmal einer blöd anquatscht, dich anmacht, was du eigentlich willst von ihm, dann sag zu ihm: So wichtig bist du auch nicht, dass sich immer alles um dich dreht“. Irgendwie so war das.
Interessanter Satz eigentlich. Den Satz kannst du gegen jemand wenden oder gegen deine Dämonen, die dich glauben machen, alle und alles würde nur auf deinen Schultern liegen. Jeder würde wahrnehmen, was du tust.
Warum also können mich Menschen auf der Überholspur der Prominenz und des Geldes nicht verunsichern? Nicht generell? Nicht wirklich? Die Antwort ist so einfach. Weil sie Menschen sind. Sie nicht nicht mehr Mensch, sie sind nicht wichtiger Mensch, sie sind nicht wertvoller Mensch und schon gar nicht besser Mensch als du und ich. Sie sind Menschen. Wie du und ich. Menschen, die sicherlich zu Leistung bereit waren. Zu Leistung, da wo sie Erfolg haben. Deshalb sind sie keine perfekten Götter. Sie sind auch beileibe nicht immer Menschen, die besser sind als andere. Sie waren einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort, hatten die richtige Chemie, die die Nase eines 'noch wichtigeren' Menschen benebelt hat und die sie mitgenommen haben auf die Vitamin B Leiter. Das ist alles gut. Solange du sie nicht auf einen Sockel stellst. Wie viele Top Manager, Firmenchefs, Geldige habe ich mit ihrem Hund, ihrer Familie, in ihrer Wahrnehmung ihrer selbst, ihrer Umwelt erlebt die ärmer waren als andere, die einem vermeidlich brotlosen Leben nach gingen. Wie viele Menschen habe ich schon erlebt, die im Geld nur so schwammen und doch keinen Cent zufrieden waren. Die sich selbst so fremd waren, dass man sie sich selbst nicht einmal vorstellen konnte. Menschen, die keine Antennen haben, sich selbst zu erkennen.
Gut. Mal ehrlich. Blinde Flecken haben wir bestimmt alle. Ich bin für andere vermutlich ein einziger blinder Fleck. Lach. Herauszufinden, wer ich bin habe ich schon lange aufgegeben. Mich mit der Person anzufreunden die sich mir täglich mit 'Ich' vorstellt, das gelingt mir allerdings immer besser. Zwischen den Abstürzen.
Nenn mich anders H. Nenn mich nicht eine starke Persönlichkeit. Ich finde ja immer, ich bin wie alle. Was sind denn nicht starke Persönlichkeiten? Kommt doch immer drauf an, welches Gewicht du heben musst. Ich kacke ab beim Gewicht Selbstverantwortung in der beruflichen Biographie. Dafür habe ich mich vermutlich noch selten selbst verkauft. Wenn, dann habe ich einen Teil von mir verraten, weil ein anderer zu stark nach vorne drängte.
Kann man das überhaupt? Sich selbst verkaufen? Ist man nicht dann der, der sich verkauft?
Oh oh, der Arm wird lahm. Vielleicht sollte ich mal ganz fix Essen machen und einfach eine Runde pennen?
Ach ne, ich wollte euch ja von dem Kerl mit der 'Schüssel' erzählen. Und von da kam ich dann irgendwie auf meinen Termin heute. Und auf den Schliersee. Und auf die Trikots zum Schweine füttern. Und eigentlich ist mir das jetzt völlig egal. Weil, vermutlich wird das hier alles eh nie jemand lesen. Und ich mag jetzt nicht von Wohnungsschweren Autos, röhrenden Auspuffen, von meiner Männer vernichtenden Missachtung für derartige Statussymbole und gedachten Worten wie: Was das denn für 'n Depp da hinter mir? Oder wahlweise auch gesprochenen Worten, wie "Was hast du denn da für ne Schüssel?" schreiben.
Andermal.
Vielleicht. Sollte mich je jemand darum bitten.
...
Der Parkplatzwächter vom Spitzingsee
Stimmt….
Jetzt wo ich so vor mich hin schreibe kommt mir der Parkplatzwächter wieder in den Sinn. Spitzingsee. Ich bin mir ja bis jetzt ned ganz sicher, ob der nicht einfach eine Quelle gefunden hat, wo er fix ein paar Hunderter verdienen kann. Der stand so planlos mit seinem fetten schwarzen Bus in der Gegend rum mit seinen – selbstgedruckten=? – Zetteln…
Ich bin aber auch naiv. Hätt wohl jedem fünf Euro in die Hand gedrückt.
Gehen wir mal rein. Vor mir zahlen grad zwei. Dann rolle ich an. Kurble das Fenster runter. Motörhead dröhnt über meine Stimme hinweg. „Ich fahr kurz da hinter. Muss erst die Kohle da hinten raus holen, ok?“ deute ich auf die Ladefläche. „Geld wär mir lieber“, antwortet er irritiert und gibt mir das Pickerl. Ich parke, geh wieder zu ihm und hab natürlich nicht verstanden, wie viel er bekommt. "Was bekommst'd nochmal?"
"Fünf Euro."
Ich gebe ihm die fünf Euro. Meine Ehrlichkeit und meine ungewöhnliche Reaktion ihm vorher einfach davon gefahren zu sein wirkt wohl noch nach. Er schaut mir hinterher. Oder ist es doch meine Jacke mit der skelettierten Dame im kleinen Schwarzen, die nach wie vor auf der Parkbank ausharrt. Darunter 'Waiting for the perfect man'. Hat er bestimmt gelesen.
Bissl Humor braucht man ab einem gewissen Alter.
Mir is echt zu blöd am Spitzingsee. Hässlich überlaufen. Alles Touristenautobahnen. Ich fahr wieder. Sam lässt sich eh wie eine lahme Kuh durch die Gegend treiben. Vielleicht hätte Monsieur Thierry ihn auch gleich noch behandeln sollen.
Rein ins Auto und raus aus dem Parkplatz. So dachte ich.
Aber der rundliche, mittelalte Herr latscht quer vor mein Auto. Dreht mir dabei aber den Rücken zu und die Handfläche. Gehalten hinter seinem nicht sonderlich vorhandenen Hintern. Häää? Was will er denn jetzt? Da kommt weder ein Auto noch sonst etwas? Ich rolle vorsichtig zwischen ihn und seinen Bus. Lasse das Fenster runter. Er starrt gefühlt irgendwo ins überwachsene Bachbett.
„Was gibt’s denn da spannendes zu sehen“ frage ich provokant, denn um mich geht es ihm scheint nicht wirklich.
„Da is grad ne Maus lang gerannt“, die Antwort. Wie jetzt, denk ich, ein Mann, der eine Maus sieht auf fünf, sechs Meter Entfernung? In dem Gestrüpp? Und das wert hält, ein Auto auszubremsen um seine Beobachtung mitzuteilen? Spannend. Sowas gibt es? "Dann haben Sie aber gute Augen, wenn Sie auf die Entfernung eine Maus erkennen.“ Er tritt an mein Fenster. Halb zu mir, den Blick starr im Bachufer deutet er mir: "Ne Maus, so groß ungefähr." "Na, des war dann aber eher eine Bisamratte oder ein Nutria, oder?“
"Ne Maus, …oder so", er. Immer noch den Blick fest im Bachbett. "Da!" Er deutet. Ich seh's im selben Moment. Da flitzt ein Mauswiesel vor uns davon. Noch im braunen Gewande. Nette, kleine, schlanke Gesellen. Possierlich kleine Mardertierchen. „Das ist ein Mauswiesel“, klär ich ihn auf. „Des hat ne Maus im Maul gehabt!“ Er parallel. Ganz ungläubig. "Sehen Sie, ein Mauswiesel. Jetzt wissen wir auch, warum die Mauswiesel heißen." „Sowas hab ich noch nie gesehen“, lächelt er jetzt zu mir. Im Kopf noch ganz dem wieselflinken Nager hinterher.
Schön. Es gibt noch Menschen, die sich an solchen Kleinigkeiten erfreuen. Menschen, die in der Natur leben, weit draußen und sich von einem Halb- Stadt- Kind wie mir ihre Welt erklären lassen können. Ich find dich sympathisch, dicker, mittelalter Mann ohne Namen. Parkplatzwächter. Im Idealfall.
Schön, dass dein Tag besonders werden durfte. Durch ein Mauswiesel.
Ganz ohne Trikots und Filzstift Gekritzel auf Stoff. Das ist doch, was Menschen ausmacht. Das ist doch, was schön ist. Wertvoll.
Aber jetzt bin ich ein hundertprozentiges Vorurteil. Vor einem Laptop. Mit sprunghaftem Eigenleben. Wer sagt denn, dass die Trikotsammler und Erfolgsmenschen nicht so sind? Schublade auf, rein, Schublade zu. Gratulation Frau G., was?!
Kein schöner Wesenszug.
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