003_2020. Ausgebremst. Von Null auf gleich. Tag 4, Dienstag
- GM

- 4. Sept. 2020
- 23 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 1. März 2022
Tag 4, Dienstag
Anja ist weg. Ungutes Gefühl, ob und wer jetzt kommt.
Patientengarten Ich fühle mich wie ein Eindringling aus fremder Galaxy.
Gefühlt schauen alle auf mich, das auffällige, von oben bis unten in Petrolfarbe getauchte Wesen mit roter Kriegsbemalung und eigenartiger Jeany in the bottle Hose. Das ist eine Dancehose. Hatt ich halt an. Was soll ich machen, wenn von jetzt auf gleich...
Komme mir vor wie ein farblich nicht autorisierter Kompetenzheuchler. Ein Plagiat. Wer hier von oben bis unten farblich einheitlich, noch dazu ungewöhnlich gekleidet ist, der muss in der öffentlichen Wahrnehmung zur Gattung Krankenhauspersonal gehören. Der hat hier was zu sagen. Aber was? Grell, die Optik eines sportlichen Flaschengeistes ohne Schleier, Turban und bauchfrei, so eine Position kennt hier keiner. Da wird dann schon mal fragend geschaut.
Ich für mich entscheide, dass ich eben einfach eine charismatische Persönlichkeit bin und damit alle in meinen Bann ziehe. Hat nix mit Klamotten zu tun. Oder Farbe im Gesicht.
Ich bin hier, um gesund zu werden. Dafür brauche ich good wipes. So passt das. Ich bin nicht hier, damit mir meine offensichtlich durchbrochenen, gesellschaftlichen Kleidernormen zur Peinlichkeit geraten.
Kalt is'es heut. Von Runde zu Runde zieht es meinen Körper weiter und weiter auf den Rasen. Immer der warmen Luft nach, die vom Boden abstrahlt. Du willst Warm oder Kalt mit mir spielen, Natur? Bin dabei. Ich überlasse meinem Körper das Steuer. Wandere wie eine esoterische Energiefeldamsel über die Wiese. Bleibe stehen, geh einen Schritt zurück, … links, ... vor, ... hier war doch grad eine Warmblase???? Letztlich komme ich vor einem dicken Stein zu Stehen. Setze mich auf ihn, klebe die Fußsohlen an der abfallenden Steinkante fest. Meine Augen wandern. Mein Gesicht fängt an zu schmunzeln. Nachdem es aktuell ohnehin keine sonderlich gute Kommunikationsform mit mir pflegt, passe ich mich einfach an.
So ein bisschen Farbe und Bildhauerei im Gesicht kann mich doch nicht entstellen. Sieht man ja an den Männer. Wie die mich plötzlich alle wieder anglotzen. Liegt bestimmt an meiner gigantischen Ausstrahlung. Haben wir ja eben geklärt.
Nein, aber ohne Blödsinn. Es ist schon spannend, dass ich mich so bunt bemalt und verquollen kein Stück weniger attraktiv und schön finde. Ich sehe mich. Nicht das ungewohnt grelle Konterfei. Das ich mich überhaupt mal als das erkenne, was ich bin, ist eine Überraschung. Ich bin schön.
Schön! Das ist geklärt.
Ich bin ruhig. Stolz auf mich. Auch wenn mich keinEr liebt, wie ich bin. Ich tue es.
Ich mag mich. Endlich. Zeit wird's. Und...
... Zeit geht ins Land. Ich verstecke meine bunte Seite vor der Sonne. Sitz so da. Lächle für mich. Sitz so da ... und sitz. … Und lächle. …
Goast City Sssssssssssssssflüsterweiß. Noch mit Rädern. Bald bestimmt schwebend. Ein Pseudoumweltschutzwagen schleicht vorbei auf der Suche nach Blinden, die er mitnehmen und verspeisen kann.
Ruhe.
Fssssssssssssssssflüstersilberschleicht.
Der nächste. Vorbei. SSSSSSS... Der nächste. SUV. Zu schwer zum leise sein, wa, denk ich mir. Ich ziehe meinen Kopf fragend ein wenig in meinen Hals. Lege ihn schief: Was is‘n das hier für eine kleine Goast City Blase mitten in München?
Dann sitze ich wieder. Sitze.
Der Stein verewigt sich langsam in meinem Hintern und streitet mit dem Sitzbein darum, wer härter ist. Wer länger durchhält. Hey, da wächst ja Rucola neben mir. Ach ne! Ist Löwenzahn. Gedanken: Sssssssssss... vorbeigeflüstert. Fazit? Zwei Tage ungewohnt gewöhnliches Essen und ich laufe Gefahr, morgen auf allen Vieren diese Wiese abzugrasen. Hoffe nur, dass ich nicht eigentlich eine auf Milchleistung gezüchtete Kuh bin und mir dann so Atomtitten wachsen. Stimmt. Dafür müsste ich gekalbt haben. Das wiederum wäre Maria Empfängnis. … Also unwahrscheinlich.
Ich kehre zurück aus Hirnebene 7.0 und sitze.
Sitze. Sitze. Sitze eben. Was man eben so macht den ganzen Tag. Im Patientengarten.
... Zeit zieht ins Land. ...
Sitze immer noch. Mach jetzt mal den Denker von Leonadro Davinci. Mit Kriegsbemalung. In Knallfarbe. Auf meinem Felsbrocken. Die Füße mit den Fußspitzen nach unten in den Stein gespreizt, die Ellbogen auf den Knien, die knallige Backe hängt unmotiviert in der flachen Hand. Genau genommen mach ich eigentlich eher den zeitgemäßen Langweiler. Mal sehen, wann die ersten kommen, das Kunstwerk zu bewundern, mein Kopf wieder. Lustige Vorstellung.
… Zeit zieht ins Land. …
Mir wird hart am Arsch. Kalt am stählernen Marmorkörper. Und langweilig. Geh besser wieder rein. Hier interessiert sich ja doch keiner für Kunst. Immer noch zu wenig Zeit, die Menschen.
Ich glaube, da kommt grad mein Doc vom Elisenhof. Auf einem KTM Citybike. Dr. KTMradl. Naaa, grinse ich, der ist eher Dr. Tati. Tati? Kennt ihr nicht? Anschauen. Das Schützenfest. Göttlich.
Dr. Postler Tati, das Schützenfest, der Postler? Der hier ist das Remake 2020. Köstlich. Original der Postler, und vorbei ist er. Aufrechter als aufrecht. Rücken durchgestreckt. Den ohnehin schon langen Hals auf maximale Länge ausgefahren. Der Kopf steil aufgerichtet, als müsse er auf ihm ein Ei balancieren. Die leichten Wackler am Lenker fehlen mir etwas. Aber gut. Ist ja 2020.
Aus jeder seiner Bewegung enthüpft ihm ein lustiges Scherzal. Selbst als er das Fahrrad abstellt! Der steife Schwung! Auf den Punkt. Dameradversion. Das schmälert ein wenig den Charme des Absteigens. Aber, auf den Punkt der Postler. Jetzt wippt er auch noch die Treppe hoch wie das Original. Schlaksig. verklemmt, übereifrig in seiner Art. I ko nimma!!! Hätte ich grad ausreichend Tränenflüssigkeit, ich würde Sturzbäche in mich hinein lachen.
Patientenzimmer, Sentimentalitäten Bin genervt heute. Am Wochenende war ich allein im Zimmer. Dann kam A., die Kugel. Wir haben viel gelacht.
Aber jetzt wird es depressiv und übelst krank. Das zieht runter. Außerdem macht die Frau ohne Namen alles dicht und zieht die Vorhänge zu. Fenster dicht ist toll zu Coronazeiten. Vorhänge zu den ganzen Tag hilft.
Booooaaaah! Pfuhh. Ich fühle mich, als würde ich gerade mit hundert Sachen an die Mauer rasen. Wenn das meine Woche wird, kann ich gleich noch eine dran hängen.
Ich muss hier raus!!!!!!
Die Energie, die von dieser Frau ausgeht ist grauenhaft. Sie mag schlimm krank sein. Mag sein. Aber ich will, ich kann mich jetzt nicht runter ziehen lassen.
Raus! Raus, raus, raus, raus, raus!!!!
Patientengarten Meine Energie, meine Wahrnehmung, meine Muse ist gerade eingeliefert worden. Notaufnahme. Mit hundert Sachen vor die Wand gefahren. Was los ist mit der Frau? Ich mag nicht über sie reden. Denn dann würde ich darüber nachdenken und ich würde meinen letzten Selbstschutz auch ... frontal... . Nein. Mein Fokus bleibt jetzt bei mir.
… Ich steh im Garten. Orientierungslos. …
Gedrückt bin ich. Meine Heilung steht still. Treibholz, das zerrieben wird zwischen eigenen Gedanken, Zimmerflucht und der geballten Depression dort oben, die mir die Luft zum Atmen abschnürt. Aber, … wahrscheinlich konzile ich heute eh. Mein Lichtblick. Gott gib, dass sie nicht die ganze Woche bleibt. Bitte. Sonst entlasse ich mich selbst.
… Zeit geht ins Land. …
Patientengarten, später Vormittag
Carla und die Katze Habe Kreise gedreht. Sitze wieder einmal auf der Bank. Der ersten richtig schönen, großen, bequemen. Der vierten vom Fahrweg aus. Gegenüber vom Portal. Am anderen Ende des Gartens.
Vor mir spielt eine schwarz-weiße, hoch gewachsene, zarte Katze zwischen Ozonmessgerät und Blumenstaudenbeet hin und her. Sie verschwindet mit hoch erhobenem Schwanz in den Pflanzen und kommt an anderer Stelle mit einem Satz wieder heraus gesprungen. Das gleiche Prozedere umgekehrt. Ab und an wandert sie wieder zur Ozonstation, dann wendet sie sich wieder ihrem – für mich – unergründlichen Spiel zu.
Da kommt Carla! Wackelig und in sich gekehrt geht sie an Ninas Hand auf dem Fahrweg entlang. Vorsichtig, verunsichert lernt sie die Welt hier kennen. Ihr neues Zuhause auf Zeit. Weg von daheim. Sie geht auf die Stauden zu. Noch hat sie die Katze nicht entdeckt.
Die Schwarzweiße tritt aus dem Beet hervor. Carla sieht sie. Löst sich von der Hand und tapst wackelig, die Hände ineinander verwoben, auf das Tier zu. Beide bleiben stehen. Mit dem Schutz ihrer Mutter im Rücken traut sich Carla näher an die Katze heran. Sie bleibt nach jedem Schritt stehen und scheint die Katze nur mit Hilfe ihrer Augen und Gedanken zu fragen, ob sie wohl noch näher kommen darf.
Das Tier steht einfach nur da und wartet ab. Den schwarzen, langen Schwanz steil erhoben. Die Spitze nach links gekippt.
Eineinhalb Armlängen vor der Katze bleibt Carla erneut stehen und fragt höflich. Schaut einfach nur … die Katze an.
Das junge Tier verharrt und liest. Verbindet sich mit dem Mädchen. Sie sehen sich an. Sekunden lang. Mit einer solchen Intensität, dass mir Tränen in die Augen steigen.
… Sehen sich an. Die schwarze Schwanzspitze rollt elegant, langsam einmal von links nach rechts. …
Dann geht das Tier samtigen Schrittes auf Carla zu. Jeder Schritt mit Bedacht und eine Rückfrage an das Mädchen, ob ihr das wohl noch gut ist. Die Kleine streckt der Katze zögerlich ihre Hand entgegen und bleibt ganz ruhig stehen. Das Tier geht einen kleinen, weiteren Schritt, bis ihre Nasenspitze die Fingerkuppen von Carlas Hand so eben erreichen. Die Kleine hält ganz still, bis die Katze sich fertig vorgestellt hat.
Zwischen den beiden findet ein Austausch statt, der tiefer geht. Diese Katze kann Carla in ihrer Enge erreichen. Sie streicht ihr vorsichtig um die wackligen Beinchen, einmal rund herum, dann bleibt sie leicht angelehnt vor ihr stehen. Kein Maunzen, kein Blickkontakt. Sie läd das Mädchen mit einer solchen Präsenz und Ruhe ein, sie zu streicheln, dass ich gebannt den Atem anhalte.
So etwas habe ich noch nie gesehen. Nicht in dieser Form.
Carla löst ihre angestrengten, zerkratzten Hände. Die Schwarzweiße hält ganz still. Sanft an ihre Beine gelehnt. Sie hält still, damit die kleinen, geplagten Hände wieder spüren können, wie sich weich anfühlt. Dann löst sie sich langsam. Zieht das Mädchen schier mit zu der Staude. Ohne sich nach ihm umzudrehen verschwindet die Katze im Beet. Kehrt zurück, indem sie an anderer Stelle wieder mit einem Satz hervor springt. Keines Blickes würdigt sie Carla und dennoch scheint sie das Mädchen zu locken. Das Kind nähert sich, die Katze verschwindet mit einem Rascheln in den Rabatten. Taucht anderen Ortes lockend wieder auf. Es ist als schnurre sie dem Mädchen zu, mit ihr zu kommen in ihre, vielleicht heilere Welt. Eine, in der alle Kinder fröhlich sein dürfen.
Carla steigt sogar ein wenig ein auf das Spiel dieser leisen Samtpfote.
Ich bin zu weit weg, um es zu sehen. Aber ich fühle, sie lächelt. Vergisst die Angst, die Scheu vor der Fremde. Sie ist einen Moment ganz Kind. Daheim. Daheim in der Welt der Phantasie.
Frei.
Es tut so gut, sie in diesem Moment zu sehen. Es tut so weh zu sehen, wie kraftlos und müde, wie gefangen dieses Kind in seinem Körper leben muss.
Patientenschubse, die erste Die Patientenschubse zum Konzil ist ein grauer VW Bus mit einem Herrn sehr angenehmer Ausstrahlung. Eigenartig angenehm. Bei mir kommt eine latent aufbrausende, somit aggressiv bestimmende Art an. Niemals die Hand hebend. Nein. Das nicht. Wie man sich eben einen typischen Rocker vorstellt. Nicht, dass er so aussähe. Nein. Eben ein friedlicher Bär, solange du ihn nicht reizt oder ihm den Honig wegnehmen willst.
Wir bugsieren Richtung Konzil. Die ältere Dame neben mir, die ebenfalls mit Rosen bedacht worden war will mir permanent ans Bein schrauben wie arm wir zwei doch wären. Halt doch einfach den Mund, Mutti, dann muss ich nicht zum arroganten Kotzbrocken werden! Ich würge sie halbhöflich mit einem „Mei, gibt echt schlimmeres.“ ab, und starre konzentriert aus dem Fenster. Jetzt ist der Fahrer dran. Ob die oder jene Umleitung noch. Blabla halt. Generation Smalltalk. Und wenn’s den Tod kostet. Schweigen gilt dort als unhöflich. Mann, Mutti! Schweigen kann auch Feingefühl sein! Oder Gesundheitsvorsorge. Oder, wie wär’s? Vielleicht setzt du dich einfach mal mit deiner eigenen Angst auseinander? Aber, ich bin ja raus aus der Nummer. Wenn der Fahrer mitmachen will. Er ist erwachsen.
Er will nicht. Antwortet ähnlich patzig und wortkarg. Du gefällst mir, Bruder. Mir entkommt unter der Maske doch glatt ein zufriedenes Arschlochlächeln.
Wir fahren die Zufahrt zum Krankenhaus hoch.
Mein Hirn! Mein Bauch! Es würgt, es dreht, mein Bauch beginnt zu fliegen. Der Puls. Jetzt spielt mein Mandelkern verrückt. Es wird konfus.
Was denn jetzt los, G.?
Ich hab Flashbacks! Mein Herz tut weh! Adrenalin! Freude! Traurigkeit! Sehnsucht! Ich will die Zeit zurück drehen.
Sag a’mal! Jetzt krieg dich wieder ein! Was ist denn los plötzlich???
Irgend etwas löst bei mir ganz tief verschüttete Emotionen aus. Ein einziges, emotionales Durcheinander. Das kenn ich! ... Ich kenn das hier… Woher? Bitte nicht! …
… Bin durcheinander. Meld mich wieder. …
Flashbacks Zu Fuß. Wir schleusen durch die Pforte. VIP Status mit dem Fahrer vorne weg. Extra Eingang. Vorbei an der Coronaschlange. Biegen links ab. Ich wanke. Suche eine imaginäre Hand, die meine hält, derweil ich Schmerz und Freude noch einmal erlebe. Einen Arm, der mich aufnimmt und einfach fest hält. Festhält. Hält. Hält, bis ich wieder stark sein kann für hier und jetzt.
… So ganz alleine. …
Ich konzile heute mit der, – damals geglaubt – härtesten und zugleich – damals gefühlt – lebendigsten, intensivsten Zeit meines Lebens. Wobei meine emotionalen Erinnerungen sich besonders auf drei Menschen beziehen.
…
Die Zeit steht still. Für mich. Blitze im Kopf. Bilder.
…
Der, bis heute vordergründige Mensch in diesen Blitzen trat damals schon bei meinem ersten Aufenthalt, der ersten Knieverletzung ins Patientenzimmer. Auch meinem Herzen kam er damals schon näher als mir lieb war, denn ich war hart zu dieser Zeit. Zurückgezogen hinter Stahlmauern. Ein in tausend Panzer gepacktes, zutiefst verletztes Mädchen, das sich selbst verloren hatte. Ich quälte mich gerade mit einer 'fast' Affäre. Ringend nach dem Gefühl, wenigstens irgendeinem Menschen Beachtung wert zu ein. Wenn schon der Mensch, der dabei war, mir mein Herz endgültig zu brechen mir zwischen den Händen entglitt. Eigentlich schrie ich zu dieser Zeit verzweifelt nach Halt. Weggepackt. Hinter dicken Mauern.
Damals trat dieser Jemand auf die Leinwand meines Lebens. Noch vollständig im Hintergrund. Sein Blick war wie warmer Honig auf der Seele. Ich beneidete meine Zimmernachbarinnen um diesen Arzt. Jedes mal, wenn er den Raum betrat, um nach seinen Schützlingen zu sehen, stahl ich mir ein wenig von der Geborgenheit, die er mitbrachte. Selbst spät abends kam er noch, nach seinen Patienten zu sehen. Meinen Arzt habe ich genau dann gesehen, wenn er seinen Vasallen voran zeigte, wie man Visiten schnell abhandelt. Es mag sich völlig blöd anhören, aber alleine die Anwesenheit, die Energie, die dieser Mensch ins Zimmer trug, beruhigte auch mich.
In diesen Momenten war ich nicht allein. Da war 'jemand', dem die Menschen hier nicht Nummern waren. Es würde nichts passieren, auch, wenn ich scheinbar nicht zu den anderen Frauen im Zimmer, nicht zu ihm gehörte.
Es war eine Zeit, in der mich die Ereignisse überrollen. Denn mir entglitt alles zur gleichen Zeit. Meine Gesundheit, mein Vater war gestorben, meine Mutter drehte durch, mein Bruder benahm sich - aus meiner Perspektive - mir gegenüber als wäre ich der Abschaum der Menschheit schlechthin, und meine ohnehin mehr als wacklige Existenz lag mit dieser Verletzung auch brach. Meine endlich gefundene, so genannte beste Freundin und Vertraute begann mich zu belügen. Ich spürte es. Auch, wenn ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, was noch kommen sollte.
Eigentlich sehnte ich mich einfach nur nach einem Menschen, der nicht meinen Körper sondern mich bereit wäre aufzufangen. Was ich bekam, war, was ich zuließ. Männer, die in mir das wilde, ungezähmte, zu bändigende Sexobjekt, die kleine, geile Sau aus ihren Pornoträumen sahen. Wer als Person hinter dieser Hülle lebte, wie es dieser Seele ging, welche Not sie gerade litt. Das fragt man ein Wildbret nicht das man jagen und erlegen will. Wen interessierte das? Wozu auch?
Meine Seele schützte sich, indem sie sich ausschaltete und eine Person herauf beschwor, der niemand nichts antun kann. Zurück geworfen auf sich selbst. Die dastand nach außen wie ein Fels. Und war: Treibsand.
… Die Zeit um mich, sie steht still. Ich stehe im Flur der Erinnerungen. Ich wanke nicht mehr. …
Flashback Mein Vater war nach langem Leiden gestorben. Am Abend, bevor er starb, war ich doch einmal bei ihm. Ich hatte mich ein paar Wochen ausgeklinkt, weil ich das Gefühl hatte, er und sein Leid söge mir jeden Saft aus den Adern. Bald würde ich selbst vor die Hunde gehen. Doch an diesem Abend zwang ich mich, zu ihm zu gehen. Es wurde mir gesagt, es ginge wohl zu Ende mit ihm. Er hatte offensichtlich einen ansteckenden Krankenhauskeim. Ich fühlte mich schuldig, weil ich ihn ihm Stich gelassen hatte und mein Leben gelebt habe. In der Grube. Mit den Jungs. Und meiner ersten, eigenen Maschine. Ich saß neben seinem Bett. Hilft seine Hand. Irgendwann drückte er sie einmal. Intuitiv wusste ich, was er mir sagen wollte. Er sprach schon lange nicht mehr. Er drückte meine Hand, so gut, wie er es konnte. „Es ist in Ordnung, Willi.“ Nachts um drei, als ich schlafend im Bett lag, war es, als käme er zu mir ins Zimmer. Er stand nicht. Er war einfach nur da, im Türrahmen. Dann neben meinem Bett. Sah mich an und sprach ohne Worte: *Ich geh jetzt.* *Es ist in Ordnung*, erwiderte ich ein weiters Mal. *Geh, Willi. Ich komme klar in dieser Welt. Du kannst nicht ewig bei mir sein.*
Dann war es wie ein Magnet, der seine Kraft verlor. Nenn es Loslassen, wenn es dir hilft. Was auch immer in diesem Moment geschah, es war vorbei. Ich wachte auf, sah auf die Uhr. Es war irgendwas um drei Uhr herum. Warum ich in dieser Nacht auf die Uhr sah. Ich weiß es nicht. Am anderen Morgen rief meine Mutter mich an und sagte mir: „Das Heim hat sich gemeldet. Willi ist heute Nacht gegen drei Uhr gestorben.“ Ich war nicht bei ihm. Und er kam. Zu mir.
Ein, zweimal in den nächsten Tagen spürte ich noch, dass er vorbei sah. Es war anders. Es war kein Erinnern. Es war ein kurzes Sein. Dann kehrten solche Momente nie mehr wieder.
Am Tag nach seinem Tod wollte ich mir mein Leben zurück holen und stieg auf die viel zu große Maschine. Meine Maschine. Mein Traum. Fuhr in die Grube. Es war wie ein Trotz. Es war – verdammt noch mal – mein Leben! Du nimmst mir nicht schon wieder alles weg was mich glücklich macht. Das hast du lang genug getan. Gewollt oder nicht. Ich habe es zugelassen. Nicht wieder. Ich habe ein Recht mein Leben glücklich zu leben! So fuhr ich besser denn je zuvor, aber eben auch unkonzentrierter. Zack! Kreuzband kaputt.
Wie sollte es anders sein. Keiner war da, der mich sah als jemand, dem man jetzt helfen müsste. Ich saß da, den halHben Hügel herunter gerollt wie ein Profi. Nur weg von den 120kg. Ich saß da im Hang und atmete in den höllischen Schmerz hinein, über die aufkommende Ohnmacht hinweg bis der Beißer ankam mit den Worten: "Aber cool abgerollt hast dich." "Danke hilft jetzt auch nix. Da ist grad richtig was kaputt gegangen." "Geh, Schmarrn." "Doch!" ich. Sag ma...nur weil ich nicht brülle heißt das nicht, dass nix passiert ist. Dann dämmerte es ihm wohl: "Was los?" Er wollte zu mir hoch steigen. "Is egal jetzt. Geht schon wieder. Du musst die Maschine umdrehen, die läuft aus." "Lass die Maschine, was ist?" Dann wurde ich wohl doch blass. "Leg dich mal mit den Füßen nach oben. Der Schmerz kam zurück. Atmen. "Dreh die Maschine um! Jetzt! Ich kommt schon klar." Ich war wohl so forsch, dass er abstieg, die Maschine umdrehte. Ich drehte mich derweil. Dann doch mal Füße nach oben. Bis es wieder ging. Derweil kam noch Jan. Wir besprachen, wer mich, wer die Maschine aus der Grube bringen würde, dann rutschte ich auf dem Arsch den Hang hinunter, stieg beim Beißer hinten auf. Er fuhr mich zu meinem Auto und lies mich alleine heim fahren. Ich war wohl die Frau, die alles alleine konnte. Und so sollte es dann auch bleiben.
Damals fuhr mich mein praktisch schon länger nicht mehr vorhandener Freund früh ins Krankenhaus. Kam netterweise. Obwohl er doch arbeiten musste. Schon wirklich eine Frechheit von mir.
Meine erste OP. Ohne jede menschliche Aufklärung des Arztes. Ich war unsicher, kämpfte mit der Aufregung. Und meine große Liebe setzte mich vor dem Krankenhaus ab, mit den Worten: „Ich kann dir nicht versprechen, dass ich komme. Hab es nicht mit Krankenhäusern.“ Wumm. Schlag ins Gesicht. Weg war er.
… Ich tauche auf, ich tauche ab. Stehe immer noch im Flur. Die Zeit um mich, sie nimmt langsam wieder Fahrt auf. Lasst mich noch einen Moment bleiben. …
Flashback Die Stunden, auf einem harten Stuhl im Gang geparkt, tot müde, hungrig, durstig. Stunden des Wartens auf meine erste OP. Völlig vergessen, unbeachtet kauerte ich von sechs Uhr morgens bis mittags auf dem bockharten Drahtstuhl in dem langen Gang der Station. Horden von Ärzten, Schwestern liefen an mir vorbei. „Wir machen gleich die Aufnahme. Warten Sie hier, bitte. Ihre OP ist für … (ich weiß nicht mehr wann, ganz früh als Erste jedenfalls) geplant.“ Es wurde später und später. Keinen kümmerte der eingekauerte Krümel auf dem Gang. Ich versuchte zu dösen. Vergessen. Sitzen gelassen.
Dann das hin und her, wer mich letztlich operiert. Ich fiel aus allen Wolken. „Ich weiß noch nicht, ob ich Sie operieren werde. Das ist mein Assistenzarzt Wurschtwer. Wenn ich nicht kann, wird er übernehmen.“ Bitte wie? Sie sind mir empfohlen worden! Wenn ich Dr. Irgendwen hätte an mir rumschneiden lassen wollen, dann hätt ich auch in Klinik Irgendwo gehen können! Die Angst, dass bei der ersten OP meines Lebens jetzt ein mir völlig unbekannter 'Lehrling'… das wollte ich nicht. Aber was würde mir bleiben? Keiner da, mit dem ich reden konnte. Ich hatte Angst. Ich war verwirrt. Das xmalige Verschieben der Uhrzeit. Das allein sein. Zu spüren, dass es niemand mehr gab, der für mich da sein wollte oder konnte.
... Lasst mich noch. ...
Später die OP.
Die lustige Zimmernachbarin.
Der Arzt, den ich nicht hatte.
Irgendwann werde ich auch diese Geschichten erzählen.
Flashback Wenig später, ziemlich frisch aus der Klinik wenn ich mich recht erinnere, am Vorabend zu Weihnachten jedenfalls eröffnete mir ein ohnehin nur noch für wenige Minuten sporadisch anwesender Labschniedl (=Lebensabschnittsgefährte) liebenswerter Weise, dass er alleine zu seiner Familie fahren wird. Es wäre vorbei. Mit der Begründung, ... passt auf....., wenn ich mich mal mehr um mich selbst gekümmert hätte, dann wären wir jetzt noch zusammen.
Du Arschpfiff, denke ich mir heute rückblickend, sieben Jahre war für dich Beziehungshopper doch ohnehin der Weltrekord. Und eine Frau, die dir von Herzen mehr Freiheit lassen wird, weniger Be-Ziehung von dir verlangen wird, die wirst dir backen müssen.
Damals aber zog ich mir diesen Bleischuh an. Auf meine einzigen gesunden Fuß. Und kam fortan nicht mehr vom Fleck.
Flashback
Ich bin noch vor meiner Verletzung gelandet. Seit dieser konnte mein Damaliger mir ohnehin körperlich in keiner Form mehr näher kommen. Wenn er mal da war – also doch tatsächlich die ersten ein zwei Nächte nach meiner Rückkehr – dann schlief er auf dem Sofa. Mag Gründe gehabt haben aufgrund seines Schicksals. Dennoch. Irgendwann ist gut.
Aber, wir sind ja Wochen vorher. Schon Wochen vorher lag ich eines Nachts neben ihm. Er auf dem Rücken, ich zu ihm gewandt.
Ich wollte ihm, dem Schlafenden, selbst im Halbschlaf den Arm um den Körper legen. Wie über all die Jahre. Er drehte sich weg von mir. Mein Arm rutsche ab. Ins Leere. Genau in diesem Moment zerbrach mein Herz.
Es war ein derart starker, physischer Schmerz, dass ich aufwachte und mich krümmte. Nach Luft rang. Ein Herz kann wirklich brechen.
Ich werde es nie vergessen. Dieses Gefühl.
Dieses Gefühl, als ob Ketten mit aller Gewalt zerrissen würden, die dein Herz zusammen halten. Der Riss, der hindurch fährt. Es fasst mich heute noch an.
In dieser Nacht habe ich meiner Seele „das Maul gestopft“, sie zum Schweigen gezwungen. Die Seele aber hat sich einen Weg gebahnt nach Hilfe zu schreien und in der Grube versucht, trotz aller Schläge einen Steilhang, den Steilhang nach draußen, nach oben zu erklimmen. Sich zu befreien aus dem Loch. Nichts passiert, weil es passiert.
… Die Zeit läuft. Ach je, das Konzil. Jetzt aber schnell. ….
Bin wieder da. 2020. Schüttle mich innerlich. Puste aus. Folge wieder der gelben Linie zum Augenarzt. Weiter. Ein Raum öffnet sich zu meiner Rechten. Sitzreihen. Geschwungen. Ein Kaffeeautomat. Fensterfronten. Patientenpark. Eine Zifferntafel gut sichtbar. Der Wartebereich. Das kenne ich. Hier saß ich vor meiner zweiten OP, meinem zweiter Aufenthalt. Ich atme einmal tief durch. Fühle kurz zurück. Warm. Meine Mundwinkel formen sich zu einem sanften Lächeln. Behütet von dem Menschen, der mir damals schon, beim ersten Mal, unter die Haut ging. Dr. Zimtauge.
Der Rest dieser Geschichte bleibt. In mir. Verschlossen. Vorerst. Mal sehen.
Das Konzil ist rum. Ich bin jetzt nicht nur Kriegsbemalter sondern auch noch kriegsbemalter Kiffer mit weitgestellter Pupille und hübsche Frau in einer Person. Kriegerischer Ausbruch rechts, angepasst links. Das Auge ist dermaßen mit gelber Weitungsflüssigkeit, diversen Licht-, Luft- und sonstigen Foltermethoden bearbeitet, dass es sich glaube gerade freiwillig entscheidet frühzeitig in den Dienst zurück zu kehren.
Mauer der Erinnerung Ein drittes Mal in meinem Leben sitze jetzt hier. Rechts vom Ausgang. Auf der Mauer. Rechts der Briefkasten, vor mir der verwaiste Raucherplatz. Viel hat sich nicht verändert in neun Jahren. Der Stein ist kühl. Gut, das rechte Bein hängt diesmal. Es ist immer ein wenig hier geblieben all die Jahre. Ich warte auf einen 'Lift', wie damals. Weg von hier.
Das Patiententaxi kommt. Adio, du lieb gewonnener Ort. Du schöne Erinnerung an die nie wahr gewordenen Träume vom Dr. Zimtauge und seiner Pippi Stützstrumpf. Kaffeetrinkend auf dem Baum im Patientengarten.
An das steife Bein, das aus dem Autofenster ragt und den gesamten Vorhof zum Lachen bringt. An das damalige, trotz allem schöne Leben.
Patientengarten
Doch noch einmal Glaube, ich brauch einen Sombrero. Weil, mir fehlt Wärme. Aber die zarten Röschen im Gesicht dürfen nicht zu sehr sprießen. Schließlich handelt es sich hier um eine ausgewiesene Kleingartenanlage. Da geht auch keine noch so blüh- und sich auswachswütige 'Guirlande d‘amour'. Drum brauche ich einen Sombrero. Oder ein Baseballcap mit 'Chill ma Alte Hipphopperschild'.
Dem, was sich da in meiner Parzelle angesiedelt gebe ich jetzt einen botanischen Arbeitstitel, entscheide ich in Gedanken. Und entscheide mich gleich wieder um. Zu mühsam. Zu viel Aufmerksamkeit. Ich hol den Gärtner. Weg mit dem piskenden Wucherzeug. Hat man ja doch nix als Arbeit damit. ... Zeit geht mal wieder ins Land. …
Patientenzimmer Komme zurück. SIE ist weg. Erleichterung. Hole mir meinen Frieden zurück.
Später. Ich hebe den Kopf. Schau doch wieder in den Spiegel. Hatte die Vorhänge um die Waschbecken zugezogen. Wollte nicht ständig den Fokus auf das Geschehen ziehen. Mich so sehen, wie es mir geht. Nicht das, was mir da entgegenschwoll. Die Schwester hatte den Vorhang offen gelassen. I werd ja immer kriegsbemalter. Hehe! Ich überlege, das zum neuen Schminktrend zu 'Pinteresten'. Wird wohl daran scheitern, dass mich damit nicht auch noch stressen werde.
Aber, ich betrachte mich noch einmal ausführlicher, es hat was. Hat nicht jeder. So richtig hässlich kann ich das nicht finden. Ich sehe eine Person, die mir bekannt ist, aber irgendwie ist unsere Bekanntschaft am Samstag den 05.09. stehen geblieben und entwickelt sich nicht weiter. Sehe eigentlich immer noch mein Gesicht. Nicht ohne Maulwurfhügel und Aushub, aber auch nicht mit. Interessant.
Die Tür geht auf. Eine junge Dame vom Putzdienst kommt, das Bett meiner – zum Glück – kurzen Zimmergenossin zu reinigen. Halleluja! Danke! Ich richte den Blick kurz gen Zimmerdecke und falte vor meinem inneren Auge die Hände zu einem Stoßdank. Dreiundzwanzig, schätze ich. Die Reinigungskraft. Ihr ist es unangenehm, dass sie hier putzt. Das steht im Raum. Zweifelsfrei. Irgendwo muss das Geld herkommen. Ist doch alles gut. Vor mir muss ihr das sicher nicht peinlich sein.
Sportlich, wie die hier die Oberflächen desinfizieren, wen einer geht. G‘schmeidig. Da schaug i liaba weg. G‘schlampert is a Prädikat dagegn. Ok, ich bin nicht vom Fach. Ich hätte es mir halt einfach porentiefer vorgestellt. Und für diverse Nutzflächen auch diverse Putzlappen. Aber, ich bin eben nicht vom Fach. Kein sonderlich spannendes Thema. Eigentlich. Mir wird klar, man wird mit der Zeit genügsam, was Tageshighlights angeht.
Patientengarten, später
Nicht mein Tag Ich suche verzweifelt nach einem Platz, wo mein Körper Sonne tanken kann, mein Gesicht aber nicht beteiligt wird. Wenn ich es euch sage, selbst der Weg dahin ist ein einziges Ausweichmanöver. Könnt mich auch zum Affen machen. Wie ein Juwelenräuber aus einem siebziger Jahre Film mich über die Rasenfläche ducken, springen, rollen. Nur, um den Alarm auslösenden Sonnenstrahlen geschickt auszuweichen.
Platz gefunden. Frischluft ist hier allerdings… Fuuuuuuuuh! Es stinkt nach kalten, ausgelutschten Kippen. Sehnsüchtig schau ich hinüber zu den bequemen Bänken, auf denen ich bisher saß. Jede Bank besetzt. Das Wetter ist zu schön, der neue Regelabstand zu weit und die Betten gefüllt.
Ein sichtlich wackeliger, dünner, älterer Herr erhebt sich langsam. Da drüben. Auf den schönen Bänken. Von denen aus man alles überblickt. Groß ist er. Ihm läuft eine schlanke, ältere Dame entgegen. Eine Decke in der Hand. Legt sie ihn um die Beine. Er lässt sich langsam wieder sinken. Schön, wenn man jemand hat, der sich sorgt und kümmert.
Ich bin dann mal weg. In Gedanken. Wenn ich mal mutig bin und in mich hinein höre… Mein Gefühl ist Traurigkeit. Altenheim. Seniorenstift für ehemalige, demente Filmprominenz.
Ich öffne mich wieder für hier. Für jetzt. Blicke auf die Wiese.
Da steht John Wayne auf der Wiese. Ein Baum von einem Mann. Wankend. Aber ein Baum. Über eins neunzig. Gestreckt zumindest. Grüne Kittelhose. Darüber ein längs gestreifter, braunweißer Bademantel. Umrahmt wird das ganze von einem sportlichen blauen Blazer. Offen. Breite Schultern. Herbes Gesicht, graue, volle Haare. Im Mundwinkel hängt eine lange Zigarette.
Filmmusik ertönt: Spiel mir das Lied vom Tod.
Leicht wankend legt er den Kopf schief, fummelt aus dem Blazer sein Feuerzeug heraus. Er hebt seine linke Hand. Ein strahlend weißer Buttlerhandschuh formt ein Dach über Mund und Nase. Zerbrechlich die Szene. Aber sie hat Stil. Zipp! Er nimmt einen tiefen Zug und hebt langsam den Kopf. Meine Sorge zupft an meinen Klamotten und pienst mich von der Seite: Nicht dass er fällt, jetzt gleich. Nicht. Er greift langsam und mit alter Lässigkeit die Zigarette. Lässt souverän den Rauch aus seinem Mundwinkel entweichen. Ich höre das Zirpen einer Grille. Spüre die gebannten Blicke der versteinerten Cowboys, die aus den Pubs gekommen nun an den Veranden lehnen. Argusaugen ruhen auf dieser Szene. Kein Atemzug liegt in der staubigen Luft. Alles bleibt stehen. Nur die Protagonisten.
…Klock-schlurf-Klock-schlurf-Klock. Der Hufschlag verstummt. John Wayne wirft die Zigarette auf den Boden, setzt die Spitze seiner Gesundheitsstiefel auf die brennende Glut und tötet sie mit einer gekonnten Bewegung. Er ist wieder da! Spukt aus. Greift zum Colt. Während er zieht noch, geht er, konzentriert, mit wankenden Schritten nach vorne. Ganz langsam. Schritt für Schritt. Jetzt, denke ich, jetzt zieht er!
Dann umarmt er seine Tochter. Schön, wenn man jemand hat, der sich sorgt. Und liebt.
… Zeit zieht ins Land. Das tut sie hier besonders häufig. …
Noch eine Weile, dann springe ich auf. Weg von diesem Kippenozon. Meine Lieblingsbank ist frei geworden.
John Wayne hat die Bühne verlassen.
Patientengarten, nachmittags, etwa 17:00 Uhr
Carla und der Grasmensch Vorne, auf der Patientenwiese ist wieder Nina mit ihrer kleinen Carla. Sie spielen 'den anderen mit Laub bewerfen'. Carla juchzt und trampelt mit den Füßen.
Ich lasse, wieder einmal, Zeit verstreichen und beobachte die beiden.
Sie braucht einen kleinen Grasmenschen. Ich mache mich auf die Suche. Aber, langes Gras ist hier Mangelware. Viel Efeu. Das bringt mir nichts. Will ihr ja keinen weiteren Giftzwerg bauen sondern einen kleinen Freund. Ich finde einen zweibeinigen Ast mit schönen Stöckelschuhen an den Enden. Fix baue ich aus den wenigen langen Gräsern und einem dünneren Querast für die Arme einen Körper. Hält! Jetzt noch ein Blatt und einige, sehr lange Gräsern für einen Kopf, Helm, Haare. Was das ist, das darf dann Carla für sich selbst entscheiden. Die Gräser stehen hoch und kippen am Ende wie Carlas hoch stehende Haare. Schaut aus wie ‘ne Woodoopuppe. Hoffentlich hat sie keine Angst davor, denk ich.
Jetzt gilt es, einen guten Ort zu finden, wo die zwei sich kennenlernen können. Meine Wahl fällt auf einen der dicken Steinbrocken am Rand der Wiese. Ich hätte ihn gern ins Gras gesteckt, aber, die Gefahr, dass der kleine Naturbursche sich dabei ein Bein bricht war mir zu groß. Dann würden sich Carla und er nie kennenlernen. Denn dann müsste er in mein erinnerungsschwangeres anderes Rechts der Isar. Und, ob Grasmenschen da überhaupt behandelt werden? Ich weiß nicht. Lehne ihn an den Stein. Man sieht ihn kaum. Gehe zu den beiden und begrüße sie. Kurze Unterhaltung, dann wende ich mich an die kleine Dame.
„Weißt du eigentlich, Carla, dass Menschen, die sich rot anmalen ganz besondere Freunde haben?“ Sie sieht mich mit großen Augen an. Sagt nichts. Spielt verlegen an ihrem Hemdchen, dreht und windet sich in sich unsicher, verlegen. Die kleine, breite Zahnleiste im Unterkiefer aber grinst mich aus dem ebenfalls rötlichen Gesicht an. „Magst meinen Freund mal sehen?“ frage ich sie. Sie zieht ihr Hemdchen lang und geht in die Knie. Soll wohl soviel heißen wie: Oh ja, aber ich trau mich nicht. „Komm“, sag ich, „Gehn‘wa ma schauen, ob wir ihn finden.“ Sie folgt mir. Samt Mama. „Da, bei dem Stein muss er sein. Schau mal, ob du ihn findest. Aber leise und vorsichtig. Nicht, dass er sich erschrickt.“ Carla läuft vorsichtig, suchend einmal um den Stein. Sie sieht ihn nicht. Spannend. Wenn man nicht weiß, was man sucht oder einfach etwas anderes im Kopf hat, kann man das Offensichtliche nicht finden, denke ich bei mir. Bin überrascht. Einen Moment scheint sie mir enttäuscht. Verunsichert läuft sie auf Nina zu. „Schau noch mal. Der ist bestimmt da“, Nina. Die Kleine geht einen Schritt vor, schaut auf den Stein und direkt auf den Grasmenschen. Dreht sich um zu uns. “Geh nur, schau da ist er ja. Direkt vor dir am Stein.“ Sie geht. Schritt für Schritt. Bis zum Stein. Steht direkt vor dem Männchen und sieht er nicht. „Vor dir. Schau mal genau hin.“ Sie sucht kleiner. Versucht unter den Stein zu sehen. Dann lehnt sie sich so direkt rechts vom Grasmensch an den Stein, dass ich die Luft anhalte. Nicht an den Grasmensch lehnen! Sie schaut uns fragend an. Der Zeigefinger fest in die Zahnlücke zwischen den Schneidezähnchen gepresst. Wir ermuntern sie beide, nach rechts zu sehen. „Da steht er doch“, beide. Sie beugt sich. Weiter, weiter. Den Moment, als sie anfängt zu erkennen werde ich nie vergessen. Selbst von hinten war zu erkennen, wie viele Emotionen, Unglauben, Furcht vor, Neugier auf gleichzeitig in ihr rotierten, als sich für sie langsam die Silhouette des Grasmenschen aus dem Stein hervorhob. Sie stand da, versteinert, gebückt, den Finger in der Lücke. Nicht, dass die verloren ging.
„Du kannst ihn ruhig nehmen, das ist jetzt dein Freund.“ Sie sieht uns an, zögert. Die Händchen verhaken sich wieder ineinander. Eine Mischung aus Kratzen, festhalten, nicht wissen, ob sie die Hände zum Freuen hoch nehmen oder doch skeptisch sein soll.
Dann läuft sie davon. Steht auf fünf Meter Abstand und traut sich nicht.
Ich nehme den Grasmenschen auf, lasse ihn mit seinem Haupthaar wackeln. „Schau, der begrüßt dich.“ Ich warte. Sie lächelt ihn unsicher an. „Magst ihn mal nehmen?“ Vorsichtig kommt sie näher und nimmt ihn. Völlig versunken und stumm. Sie lernt ihn kennen, ihren neuen Freund. Die langen hochstehenden Haare verunsichern und faszinieren. ‘“Magst ihn mitnehmen? Dann ist er jetzt dein Freund“, frage ich sie noch einmal. Sie nickt ohne den Blick von ihm zu wenden. Ich nehme mich zurück.
Inzwischen ist der Papa gekommen, kniet sich auf Coronaabstand zu mir und möchte seine Tochter begrüßen. Aber Carla ist gerade in der Welt der Grasmänner. Dieses Eintauchen und einfach weg sein. Das liebe ich und es ist so schön zu sehen, wie das astige Wesen in ihrer Hand lebendig wird. Sie nimmt mit ihren kleinen Fingern ein Haar und streicht es. Dann zwei, dann drei. “Musst vorsichtig streicheln“, sag ich, „Grasmänner verlieren gern ihre Haare.“
Carla kommt wieder. Zurück. Zurück in unsere Welt. Sieht mich an, dreht sich zu ihrer Mutter, ihrem Vater und hält ihnen den Grasmenschen entgegen. „Wie soll er denn heißen?“, fragt Nina.
„Doni.“
Und so zog Doni, der erste sichtbar gewordene Grasmensch ein im Zimmer nebenan. Zu dem kleinen Mädchen, das Nächte weint und schreit.
Patientenzimmer, später
Nachricht an Nina Hi Nina, Grasmenschen leben ja nicht so lang. Ich bau noch paar Gestalten. Und wenn der Grasmensch sich auflöst, dann ist das so bei Grasmenschen. Die zerfallen in Einzelteile. Die muss man sammeln und raus an den Ort bringen, wo man sie gefunden hat. Dann kommen sie oft noch ein paarmal in anderer Gestalt an einem anderen Ort wieder zurück. Auch in der neuen Form werden sie sich auflösen irgendwann. Ich bau euch noch paar Gestalten, damit ihr die Zeit hier ohne Grasmenschentränen rum bringt.
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