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- GM

- 22. Dez. 2020
- 5 Min. Lesezeit
22.12.2020, angekommen im Volllockdown zwei
Der Mutstein #DerMutstein Zufall oder Orakel? Ich bleibe am Anfang des Weges nach unten in die Arschbacke stehen. Meine Pumpe geht bei jeder Belastung. Bin noch im Wald. Viel zu warm angezogen. Es ist Föhn, lau. Fast schon typisch für uns inzwischen so kurz vor Weihnachten. Wenn ich nicht so unwohl angezogen wäre, würde ich vielleicht viel länger noch mit Sam hier gedankenwirr durch die Wälder laufen. Aber so gibt es mir das Gefühl, krank zu sein. So schwitzig. In der Skihose. *Ne, mag mich nicht so fühlen.*
Der Abstieg könnte ein wenig rutschig werden. Batzig ist es. Sam lässt sich permanent nach vorne betteln. Die Leine rupft an meinem Arm. Schon die ganze Zeit. Nur jetzt, genau jetzt muss er aufschließen. *Depp*, denke ich.
Etwas hält mich.
Lässt mich nicht weiter gehen. *Renn nicht über mich hinweg. Bleib. Bleib stehen. Lass dich zurücktreiben. Bleib! Geh und lass uns verweilen! Hier. Vierzehn Jahre zurück.*
Auch damals bleibe ich am Anfang des Weges nach unten in die Arschbacke stehen. Der Abstieg könnte ein wenig rutschig werden. Furztrocken ist es. Viel loser Schotter. Schritt für Schritt suche ich festen Halt auf den Steinen, die aus dem Weg ragen.
Dann
bleibt es mich abrupt stehen. Ich sehe mich um. Bin ich nicht eben auf einen schmeichelnd runden Stein getreten? Hat er nicht eben mit mir gesprochen? *Buddel mich aus! Ich bin der runde Stein, den du suchst!*
Blödsinn! Ich drehe mich um, den Weg weiter nach unten zu steigen. Meine Füße suchen wieder gezielt die aus dem Boden herausragenden Steine, um im Matsch nicht zu rutschen. Suri läuft an der Schleppleine um mich herum. Gromit irgendwo.
Wieder: *Komm zurück. Grab mich aus!* Es dreht meine Füße. Sie steigen den Hang hoch. *Wer bist du?* Ich bin irritiert von meiner Reaktion auf … ja, auf was eigentlich? Meine Füße stoppen.
Meine Augen wandern. Bleiben an diesem ovalen, kaum vier Zentimeter aus dem bockharten Boden ragenden Stein vor mir hängen. *Fang an*, scheint der mich aufzufordern. Blödsinn! denk ich.
Abgesehen davon, der ist ja dann eh wieder abgebrochen oder ein total unförmiges Ei. Niemals ist das der Stein. Ja, ich habe einen Pakt mit einem Stein, den es nicht gibt. Und ich bin nicht gaga. Die Leidenschaft Steine aufzuheben habe ich wohl von meinem Vater. Aber den Stein, den ich suche, den kann keiner finden. Er ist zirkelrund. Flach. Und riesengroß.
*Wenn ich jemals so einen Stein finde, zirkelrund, plattgedrückt und riesengroß, dann ist das ein Zeichen, dann glaub ich dran, dass alles im Leben rund wird. Auch mein Leben irgendwann.*
Das habe ich mir als junges Mädl mal versprochen. Am See. In der Hand einen der nicht so seltenen, winzigen, flachen, runden Wasserflitzer.
Aber der hier?
Ich bleibe lieber in Ungewissheit. Wie soll ich den hier auch aus dem bockharten Boden herausbringen? Never. Und überhaupt. Blödsinnige Gedanken einer jungen Frau, die sich ab und an verloren fühlt und nichts Nutze. Nach Jahren mit einem Boderliner und dem dicksten der dicken Glaubenssätze nichts gebacken zu bekommen im Gepäck.
... Meine Augen suchen nach Werkzeug. ... *Weil du dich jetzt hinstellst und mitten auf einem Weg einen Stein ausbuddelst! So weit kommt es noch*, schnauzt mich der Alles-klein-Reder an.
Wieder fünf Schritte tiefer den Hang hinab. Es dreht mich. Ich laufe zurück. Stehe vor dem Stein.
Stoße ihn mit meinem Fuß.
Nein, niemals. Der ist bockfest. Da bräuchte ich ein Messer oder etwas ganz hartes. Und selbst dann. Ich würde mir bei dem furztrockenen Boden nur Blasen kratzen.
*Abgesehen davon. Wwie albern ist das denn, wenn dich dabei wer sieht!?!* der Schlechtreder wieder. *Wie groß die Enttäuschung sein wird! So ein großer Stein. Der ist niemals wie ein plattgedrückter Handball so rund. So groß.*
Träumerin! Niemals!
Wieder wende ich mich Richtung Tal. Mache einen Schritt.
Stehe.
Stocke.
Ein Schritt.
Stehe.
Seh mich um. Will gehen, und drehe um.
… Zeit geht ins Land. …
Ich stoße mit meinen Versen, mit meinen Fußballen von allen Seiten gegen das, was als Spitze des Eisbergs aus dem Boden ragt. Jetzt buddele ich für nichts den Weg auf und der nächste bricht sich den Haxn, hämmert es mit jedem schmerzhaften Schlag der Versen in mein Hirn. Trotzdem. Ich stehe da. Suche nach einem härteren Objekt um den Kiesbeton um den Stein ein wenig zu lockern.
Ein Stock. Ich fange an zu kratzen. Zisssss, da bricht eher der Stock als dass irgendwas passiert! Ich lasse den Stock fallen. «Komm, Suri, Gromit. Wir gehen.»
Wir gehen genau die fünf Schritte.
Dann kehrt uns irgendetwas um.
Perpetum mobile.
Irgendein Stein, der an einem Ende etwas spitzig ist. Es gibt doch so viele gebrochene Steine. Such. Schau. Komm, probiere es wenigstens, feuere ich mich selbst an.
Ich habe mein Steinzeitwerkzeug gefunden und fange an zu kratzen. Es scheint mir eine Aufgabe für die Ewigkeit, aber langsam… ich feile an meiner Strategie. Sie wird besser und besser. Wenn ich erst einmal die größeren Steinchen, die rundherum im Boden versenkt sind lose bohre und pule, die raus bringe, dann wird auch der Boden um dieses seltsam magnetische Wesen lockerer.
Keine Ahnung wie lange ich dort sitze und pople. Mit den Versen wieder und wieder an den Stein stoße. Von oben, von unten.
Bis er sich löst.
*Lass Kind, du wirst nur enttäuscht werden*, noch einmal die Lebenserfahrung. *Nimm mich auf, hör nicht auf das Gerede*, der Stein.
Ich packe den winzigen Zehntelmond mit beiden Händen und ziehe. Ziehe, rüttle, ziehe.
Dann liegt er in meiner Hand.
Was hast du dir immer gedacht? Wenn du jemals einen größeren, so wirklich, so echt, so richtig total runden Stein fändest, dann wäre das ein Zeichen, dass dein Leben rund würde? Dass alles sich fügen wird und letztlich richtig ist? Auch all das, was dich jetzt so müde, so mürbe macht?
"Ne! Nicht wahr!?! Ne, oder?!" entfährt es mir laut.
Meine Hände fühlen, drehen, säubern. Wiegen. Schmiegen sich aneinander, Handflächen nach oben, Handkanten aneinander. Tragen. Voller Ehrfurcht. Meine Augen heben den Stein, damit die Zweifler in mir einen Blick erhaschen. Die Glaubenssätze ihr Amt niederlegen. Die Rückmeldung ist und bleibt: Never! Gibt es nicht! Das ist nicht möglich in der Natur! Das ist ein Bauschutt! Check nochmal! Augen checken, Augen formen. Hände fühlen. Hände wiegen. Hände halten. Hände wenden zu allen Seiten.
Es gibt Dinge, die es nicht gibt. Und doch erfährst du sie. Hör auf zu hinterfragen.
Nichts hat sich je so gut angefühlt wie diesen, bestimmt drei Kilo schweren, platt gedrückten Handball in meinen Händen nach Hause zu tragen.
Heute ist Föhn. Die Welt steht Kopf. Ich bin zurück. Für heute. Heute werde ich kein Wunder nach Hause tragen. Aber vielleicht wieder ein kleines Stück Glauben, dass am Ende sich alles fügen wird.
Noch während ich hier sitze und schreibe setzt der Flug meiner Finger auf den Tasten aus. Meine Hand legt sich auf die Seite. Streicht im dämmernden Licht des Abends über eine kühle, glatte, schmeichelnde Rundung.
Es ist sechzehn Uhr sechsundzwanzig, am zweiundzwanzigsten zwölften des unaussprechlichsten Jahres.
Meine Hand ruht, Finger für Finger auf dem kühlen Rund des Mutsteins.
Vor meinem Fenster tobt der Föhnsturm. Es krackt und scheppert. Warum schlagen die Gitter so? Wenn etwas kaputt geht dort draußen? Nichts wird passieren. Was soll passieren. Lass die Gitter schlagen. Eigentlich hast du Föhnstürme immer geliebt. Bleib ruhig Kind, dir geht es gut. Was kommen wird wirst du mit all deiner Unruhe heute nicht wissen. Bleib bei mir Kind. Hier. Im Text. Und fühle die Geborgenheit eines warmen Föhnsturmes vor deiner Tür. Warte, bis deine zwei gefiederten Seelen sich zum Schlafen zurückgezogen haben. Dann kannst du die Gitter rein holen.
Auf dem Balkon zetert eine Elster.
Die jüngere Meise findet heute keine Ruhe.
Es piepst im Käfig. Eine schwarze Silhouette hüpft vor seiner Schlafhöhle einbeinig auf dem obersten Ast hin und her. «Ihr seid beide sehr unruhig heute. Geh schlafen Pieps.»
Martinshörner draußen. Viele Martinshörner, viele Sirenen draußen die letzten Tage wieder.
Der Sturm ebbt ab.
Das aufgeregte Flattern der jungen Meise verstummt. «Fiet», Pieps verabschiedet sich in seine Schlafhöhle.
Dann wird es still. Es ist dunkel draußen.
*Manchmal*, streichelt meine Hand über das kalte Rund, *manchmal wird das Unmögliche wahr*
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