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027_2020. Das neue Normal. Weitere Tage

  • Autorenbild: GM
    GM
  • 21. Dez. 2020
  • 5 Min. Lesezeit

21.12.2020, angekommen im Volllockdown zwei

Kurzzeitostern Nachmittags, an der Würm Der Hund und ich, wir trödeln hier an der Würm entlang. Nachmittag. Kaffeezeit. Lau ist es. Ungewöhnlich warm der Wind. Die Sonne spitzt vom Himmel. Das Wassers, das über die Staustufe treibt rauscht durch mein Hirn.

Alles in mir rauscht.

Die Gedanken.

Die Sorgen.

Die Rastlosigkeit.

Ich laufe hier. Und doch bin ich nicht hier.

Leiser und leiser malmt sich das Wasser hinter mir über die Staumauer. Ich habe mich also bewegt.

Bin bewegt worden.

Für einen Moment tauche ich auf im Hier und Jetzt. Warmer Wind zieht über mein Gesicht.


Ich atme ein. Ich atme aus. Vergessen. Mal wieder.


Von der Häuser Seite her, irgendwo dort oben in den Bäumen singt eine Amsel. So laut. So schön. Wärme macht sich breit in mir. Die Luft, sie riecht. Rund und wohlig. Die Vögel singen. Es wird Frühjahr.

Ich kann atmen.

Ich kann lächeln. Das Leben kann wieder.

Dunkelheit und Kälte, Einsamkeit und Distanz verlieren ihre Kraft.

Für einen Moment.

*Sing, Amsel. Sing!*


Und sie singt. Die Amsel. Sie singt den krisseligen Nebel weg, der zwischen uns und dem Frühjahr hängt. Fast nicht sichtbar, doch er ist da. Er bremst. Er mahnt, sich nicht zu früh zu freuen. Erst, das verspricht er, wird es bitter kalt werden. Ganz bald schon.


Frühjahr. Wie werden Frühjahre sein, die kommen? Frühjahre wie ich sie kenne?


Ich atme ein. Ich atme aus. Vergessen. Mal wieder.


Bin bewegt worden.

Unser Weg führt uns hinter dem Friedhof entlang. Die verlassene, schiefe, vermooste Steinsammlung des jüdischen Friedhofes zieht mich hinein in das Bild. Noch lange wandert es durch meinen Kopf. So endgültig ruhig. Verlassen. Niemand. Niemand mehr. Lange keiner mehr, der diesen Ort besucht hat. Nur ganz vorne. Ist das ein frisches Grab? Schmucklos, bereits verwelkt der Schmuck? Oder nur ein Haufen Laub? Ein Haufen Abschied? Ich kann es von hier oben, hier, hinter dem Friedhof nicht erkennen.

Morbider Ort.

Lasst ihr mich hinein?

Mich?

Allein.


Hier herrscht eine andere Ruhe als nebenan. Dem örtlichen Friedhof mit seinen Blumen, Lichtern, Gießkannen und Abstandsregeln.


Ich atme ein. Ich atme aus. Vergessen. Mal wieder.


Bin bewegt worden.

Wo ich war?

Wo ich herumgerannt bin? Ich weiß es nicht.

Rechts, drüber halb der Würm, von den Blockbauten her rosa-orange Weihnachtslichter.

Es wird dunkler. Ein Vogel singt noch. Es ist der Gesang einer Amsel.

Dann wird es still.

Ich nähere mich der Brücke. Meine Füße treten auf Holz, das sich anschickt glatt zu werden.

Der Nebel sucht sich seinen Schlafplatz. Drei Schritte weiter ist die Sonne versunken. Umrisse von Enten links auf dem Fluss. Kalt flüstert er vor sich hin.

Ich erreiche die Mitte des Flusses. Einer der im kalten Dunkel treibenden Wasservögel meldet sich mit einem «Nänäh» zu Worte. Ob wohl mehr noch kommt, frage ich mich. Es fühlt sich ungemütlich an, Ente zu sein. Von unten kalt und nass, von oben auch. Kriechende, feuchte Kälte. Ich fühle nur mich, nicht Ente. Mir zieht der Nebel in die Kleider. Buähh, denk ich, sucht ihr euch einen Schlafplatz oder nächtigt ihr ernsthaft im dahinziehenden Wasser? Eigenartige Wesen. Mir würden nach zwei Sekunden die Füße erfroren abfallen. «Nä», gefolgt von dem Geräusch sich am Bug der Entenkörper teilenden Flusswassers. Sie arbeiten gegen den Strom. Unruhe kommt auf. Es gibt Streit.

Dann wird es still. Ich bin auf der anderen Seite angekommen.


Neben mir öffnet sich die volle Lichterpracht des weihnachtlich geschmückten Bungalows. Ich blicke durch die großen, tiefen Scheiben in ein warm erleuchtetes Wohnsimmer. Stilsicher. Karg eingerichtet. Niemand darin.

Wohlfühlmomente.

Warm von dort drinnen. Geborgenheit.

Nur die Lichter hier draußen an den Betonblumenkübeln hinterlassen ein unruhiges Gefühl in mir. *Mir zu Amerikanisch, das Licht. Nicht warm, nicht weich. Ein Lilastich. Ob das so gewollt ist? Schön ist es nicht*, denke ich und wandere weiter.


21.12.2020, angekommen im Volllockdown zwei

Die sieben Säulen der Resilienz, soso. Es soll die Resilienz fördern, wenn man Tagebuch schreibt. Was sollte man nochmal aufschreiben? Da muss ich nochmal Dr. Youtube und seine Lebensoptimierer befragen. Aber nicht jetzt.

Eine davon, was war das noch? Jeden Tag drei positive Dinge aufschreiben? Hm... Ich lebe noch.

Ich habe heute einen Brief vom Anwalt bekommen. Mit einer Auflistung bis zu den Urgroßeltern. Stammbaum meiner Familie väterlicherseits. Generation drei. Möglicherweise erbberechtigt.

So schnell werde ich das nicht erfahren. Der Hinterlassenschaftsvertreter, ach ne Nachlassverwalter, so ist richtig, na, jedenfalls war der recht redselig. Das war schön, 'ma wieda dä hessische Dialekt zu höööre'. Und, was mich fast noch mehr rührt, ich habe etwas aus der Vergangenheit meines Großvaters erfahren. Wie kann man denn so wenig wissen von seinen Vorfahren? Schade. Aber schön, dass der nette hessische Babbler mir so bereitwillig von seinen Recherchen erzählt hat. Ich rufe den nochmal an und frage, wie man sowas erfährt. Wäre ja schon interessant mehr heraus zu finden. Mein Opa hatte eine Mutter. Nun soweit ist das noch recht selbsterklärend. Die war Lehrerin. Um die Jahrhundertwende 19tes Jahrhundert. Und eben diese Frau hat über zwölf Jahre lang – ich glaube fast jedes Jahr – ein Kind bekommen. Alleine das ist schon Wahnsinn. 1910 stand sie dann mit zehn oder elf minderjährigen Kindern alleine da. Weil der Vater gestorben ist. Hat der Nachlassverwalter von einem Heimatforscher oder so ähnlich erfahren. Wie findet man denn als Heimatforscher heraus, was irgendeine Frau mit zehn oder elf Kindern zurück nach ...... getrieben hat? Dorthin wo sie offensichtlich her kam?

Ist das vielleicht ein Grund, warum ein Opa eine wesentlich ältere Frau geheiratet hat, die ebenfalls Lehrerin war? Wie seine Mutter? Ich meine mich dunkel zu erinnern, dass mein Vater mir sogar einmal von den Geschwistern und der Geschichte meines Opas erzählt hat.

Meine Gedanken suchen nach den Vorfahren. Findet man wohl irgendwann mit einem dem uns hier vergleichbaren Bewusstsein zurück zu all den Menschen, den Seelen, wie auch immer du es nennen willst. Zu denen, aus denen man entsprungen ist? Muss man sich das alles zu Lebzeiten erfahren? Wäre ich dann ganzer, wüsste ich mehr? Ich habe nie verstanden, warum Menschen Ahnenforschung betreiben. Scheint, man muss dafür ein gewisses Alter erreichen.


Vielleicht sollte ich den Menschen, die mir aus meiner Zeit mit Familie in Erinnerung geblieben sind einen Weihnachtsgruß schicken. Sie anrufen? Meine Fünefundfünefzig geliebte, große, blonde, breit grinsende Holzkloks tragende, heiß geliebte, holländische Kindergärtnerin zum Beispiel. So oft schon wollte ich mich mit ihr treffen. So lange schon ist das her. Warum tue ich es nicht?!

Jetzt!

Morgen kann es zu spät sein.

Heute kann es zu spät sein. Warum?

Warum nicht jetzt?


*Weil du schreiben willst, Kind. Weil du dir eine Blase schaffen willst. Ein wenig heile Welt. Jetzt.* Die Antwort ist so einfach. Und vielleicht so falsch.

Aber es ist eben jetzt die Antwort.

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