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010_2020. Anfahren. Von Null auf Normal. Tag 18

  • Autorenbild: GM
    GM
  • 11. Sept. 2020
  • 7 Min. Lesezeit

Tag 18, Tag elf zuhause, Dienstag

Würm, Runterfahren Liege auf dem Steg einer Bekannten. Wollte schon Freundin schreiben, aber, … darf ich das, B.? Komme ich dir auch nur im Ansatz wirklich nah? Ich fühle ein leises Nein.


Zeit zieht ins Land. Das Wasser fließt an mir, unter mir den Fluss hinab.


Die Laufenten des Nachbarn, auf dessen Garten ich schaue, kommen gewatschelt und fühlen sich prompt in ihrer Badesphäre gestört. Bleiben stehen, glotzen und mosern unter vorgehaltenem Flügel über die 'Scheiß Stadterer, die seit Corona wirklich jeden Fleck entern'. Sie wittern Verstoß gegen all ihre Rechte. Datenschutz, Recht an Bild und Privatsphäre, Hausfriedensbruch. Stehen rum und quaken. Hoch aufgerichtet, schlank. Nur die gelben Schnäbel zucken von Position zu Position und geben Hinweis darauf, was das Federvieh gerade so in den Blick nimmt.


Zeit zieht ins Land. Das Wasser fließt an mir, unter mir den Fluss hinab.

Inzwischen ist ein putziges, rotes Eichhorn im Garten aufgetaucht. Kam von der dicken Eiche direkt am Fluss. Es sucht, sammelt, gräbt und hält sein Schnäuzchen in die Erde. Ja Eichhorn, schmunzle ich, ich kann es dir nachfühlen. Wenn man dauernd vergisst wo man vor nicht mal zwei Minuten seinen Einkauf hin gepackt hat, das kann echt doof sein.

Ich wechsle die Szene. Laufenten sind entweder dämlich, neugierig oder… gewitzt. Sie laufen die ganze Zeit dem Eichhörnchen hinterher. Aber, das ist ja oft so im Leben. Meine Gedanken driften. Wenn einer g’schaftig und hektisch – unter uns, auf gut Deutsch hirnlos – von A nach B hechelt und mords was wichtig umananda gruschtelt, an recht an Stuss vazapft, na rennen‘s ihm alle hind’nach. I kenn des. Aus da Orwat.


Wasser fließt den Fluss hinunter.


Der Ganter putzt sich den – Pardon – Arsch und wackelt ihn danach in einer Art Twerken wieder ins perfekte Lot. Das nenne ich mal Körperteile isoliert bewegen. Ohne dass auch nur ein Hauch am Rest des Körpers zuckt. Bei den Enten twerken also sogar die Männer. Die Menschheit ist eben einfach ein Haufen Nachmacher. Nichts erfinden sie selbst. Ois ham’s von de Viecha. Corona, Twerken. Und mia duan, als ob ma was b’sonders warn.


Wasser und so. Ihr wisst eh.


Das Eichhorn flitzt auf dem Uferbefestigungsbalken direkt auf mich zu. Keine zwei Meter vor mir verlässt es der Mut. Es rennt zurück. Stellt sich auf einen der senkrechten Stempen, wackelt mit seinem Schwanz, reibt ihn dabei an den senkrechten Balken hinter sich und gibt Murmeltier ähnliche Laute von sich. Dann neigt es sich vor auf seiner kleinen Plattform, greift mit den Vorderfüßchen immer tiefer und schaut intensiv ins Wasser vor seiner Nasenspitze. Selbstmord? Baden? Narzisst? Was wird das? *Hör ma! Brauchst gar nicht versuchen Eich-horn. Inzwischen bin ich wieder die Hübschere von uns beiden. Lang nimmer so rot wie du, dafür noch nicht so behaart im Gesicht wie du*, ich versuche mich in telepathischen Ablenkungsmanövern. Dass ich Gefahr laufe, in diesem letzten Punkt mit der Gesichtsbehaarung bald in Konkurrenz mit ihm zu treten, muss ich dem hektischen Nager ja nicht verraten.

Eichhorn schaut zu mir, stellt den Schwanz extra dick auf, guckt noch einmal in die Spiegelung des herbstlichen Wassers und rennt mit kratzenden Krallen die Rinde des Baums empor. Laut vor sich hin krakeelend, als müsse es einen Feind vertreiben. Ich sehe keinen Feind. Vielleicht hat es meine neu erstrahlte Schönheit gesehen, dachte, es könne mit diesem Hochglanzmagazin tauglichen Konterfei mithalten, hat nochmal in den Fluss geschaut, sein Spiegelbild gesehen und rennt jetzt panisch vor seinem eigenen Antlitz davon? Vielleicht geht es sich auch einfach rasieren und kommt wieder. Wer weiß.

... Zeit zieht ins Land. Wasser fließt den Fluss hinunter. Unter mir. Neben mir.


Die Bäume spielen mit dem Wind ein herbstliches Spiel. Sie wässern ihre Schiffchen und schicken sie zur Taufe an mir vorbei. Anfangs erkenne ich sie nicht. Es sind Blätter, die der Fluss auf seiner Haut an mir vorbei trägt.

Da gibt es solche: Vorne hoch, die meiste Fläche liegt glatt auf dem Wasserspiegel. Sie ziehen

statisch an mir vorbei. Ganz zarte, schmale, die sich im selbst verlorenen Spiel, im Tanz mit dem Wind an der Hand ihres Astes in sich gewunden und gedreht haben. Irgendwann haben sie den Halt verloren. Jetzt schweben sie als Moriskentänzer an mir vorbei.

Da gibt es solche: Sie strecken im Fall dem Fluss ihre Finger entgegen. Weit aufgefächert an einem schweren Stil halten sie sich wie überbaute Katamarane auf dem Fluss und treiben, sich drehend unter mir hindurch.

Und dann gibt es jenes winzige: *Hallo, liebes Buchenblatt*, lächle ich ihm zu. Es ist zusammengerollt wie eine winzige Eistüte mit Spitzmausschwanz. War bestimmt ein Katzenspielzeug im vorherigen Leben und hat sein Karma noch nicht ganz abgearbeitet.

Dann wieder kommen solche vorbei, denen siehst du schon aus der Ferne an, dass sie ohne Plan ins Wasser gegangen sind. Sie wippen, trudeln, schaukeln in einem. Völlig konfus. Mal links, mal rechts, mal mit den Rücken zum Strom.

Nicht zuletzt gibt es solche, bei denen der Plan offensichtlich schief gegangen ist. Sie treiben unter der Wasseroberfläche still und unauffällig dahin.


... Unter mit gurgelt das Wasser sanft um die Pfosten des Steges. Spielt sich.

Jetzt aber! Ein ganzer Bootsausflug. Coronamaßnahmen gelockert, ja? Isar, ein Bild nach dem anderen entsteht in meinem Kopf: Münchner Saufparty on board oder ... noch viel besser, MüSitreffen. Alternative: Seniorenausflug ins Umland.

Ich sehe, wie das Wasser ganz hinten an Ende meiner Wahrnehmung um die Ecke gegurgelt kommt. Sowas macht mir immer ein wenig Unwohlsein. Wasser, das scharf um Ecken fließt. Sich möglicherweise auffächert in einen starken Strom und einen lieblichen Nebenstrom.


Ein vergangenes Bild will sich über meine Szene legen. Dreizehn, vierzehn Jahre bin ich. Vielleicht. Passau. Zwei gewaltige Ströme fließen ineinander. Zu Hochwasserzeiten. Ich stehe am Rand und kann die Begeisterung meiner Familie über diese übermächtige Gewalt da unten überhaupt nicht teilen. Bis heute weiß ich nicht, welchen spektakulär beängstigenden Zusammenfluss ich dort bezittert habe.


Und ich weiß auch nicht, was du sinnloses Bild gerade hier in meiner Entspannung und Romantik eines englischen Naturgartens willst. Da ist die Tür, du kannst gleich wieder gehen. Was soll das denn? Störenfried.


Ich atme tief durch und fahre wieder runter.



Die rote Schaukel über dem Fluss Mir gegenüber lässt eine Weide ihre Zweige in den Fluss hängen. Sie spielt mit ihren Astspitzen auf der Haut des Flusses und neckt ihn. An ihrem starken Ast, der sich weit in den Fluss biegt, eine rote Schaukel. Hängt an verwitterten, weißen Seilen. Nur eine Armlänge über dem Wasserspiegel. Die Seile haben sich in die weiche Rinde gerieben. Das Rot der Schaukel ist ausgewaschen, ausgebleicht von der Sonne. Spinnweben ziehen sich zwischen der Sitzfläche und den Seilen.

Altweibersommer.

Spinnweben die sich in der Herbstsonne spiegeln. Verwunschene Guirlanden aus sich verfangenden, vertrockneten Blättern ranken das Seil empor. Verspielen sich auf der Sitzfläche und baumeln kopfüber zum Wasser.

Die Schaukel wird von einem seichten Wind erfasst. Gerät fast unmerklich in Bewegung.


... Ich bin, tief in meinem Herzen. Dort, wo niemand mehr Zutritt bekommt. In meinem Rosengarten.


Der Rosengarten. Sitze am Rande meines Teiches. Der kleine Quell zu meiner rechten sprudelt Blasen und sich ständig wandelnde Muster auf die ansonsten spiegelglatte Oberfläche des kleinen Sees. Dort drüben, links lässt eine Weide ihre Zweige in den See hängen. Ihre Astspitzen spielen mit jedem Windhauch der aufkommt auf der Haut des Sees und necken ihn. An ihrem starken Ast, der sich in den See biegt, eine rote Schaukel. Hängt an verwitterten weißen Seilen. Nur eine Armlänge über dem Wasserspiegel. Die Seile haben sich in die weiche Rinde gerieben. Das Rot der Schaukel ist ausgewaschen, ausgebleicht von der Sonne. Spinnweben ziehen sich zwischen der Sitzfläche und den Seilen. Altweibersommer. Spinnweben die sich in der Herbstsonne spiegeln. Verwunschene Guirlanden aus sich verfangenen, vertrockneten Blättern ranken das Seil empor. Verspielen sich auf der Sitzfläche und baumeln kopfüber zum Wasser.

Die Schaukel wird von einem seichten Wind erfasst. Gerät fast unmerklich in Bewegung. Darauf ein junges Mädchen in der Kleidung einer Dame guten Hauses aus vergangener Zeit. Ein knöchellanges, altweißes Kleid, unter der Brust geschnürt. Zieht schmal, die zarte Figur umschmeicheln über ihre Beine. Sie rafft es, dass der wertvolle Stoff nicht das Wasser berühre. Ihre Waden, ihre Füße sind jetzt nackt. Die weißen Schühchen hat sie säuberlich im Grün des Ufers abgestellt. Sie muss trickreich hinüber geklettert sein, denke ich.

Sie taucht ihre Füße ins Wasser. Wartet, bis der Spiegel sich glättet um auf diesem, ganz sanft eins ums andere Mal ein neues Wellenspiel vor ihr Auge zu zaubern.

Dann wieder nimmt sie die friedliche Stille dieses Ortes in sich auf. Das Plätschern der kleinen Quelle, die Rosenblätter auf dem glatten Spiegel des Sees, die königsblau schillernden, winzigen stabdünnen Libellen, die sich darauf setzen. Gekommen, um ihr Auge mit Schönheit zu sättigen. Sie beginnen ein zartes Spiel. Setzen sich mal auf ihren Zeh, mal auf ihre Nasenspitze, ihre Hand. Sie lächelt glücklich.

Niemand wird sie sehen, außer mir. Sie ist ein Teil von mir.

... Zeit zieht ins Land. Ich kehre zurück. Verschlossen das Tor in mir. Verborgen vor der Welt. Schwalben rasen wie Düsenjets im Tiefflug auf dem Fluss bis um die Kurve.

Das Wetter schlägt langsam um.

Lasst mich noch ein wenig träumen.



Der kleine Wicht aus der Würm Eine Gondoliere wackelt auf dem Fluss auf mich zu. Ein großes, schmales Blatt. Vorn und hinten hoch gezogen, vorne mehr als hinten. Als es näher kommt ein kleiner Wicht, der darauf liegt. Das eine Bein aufgestellt. Das andere, zu Blödsinn aufgelegt, darüber geschlagen. Er lehnt am Rücken der Gondoliere. Den Kopf, eine Hand als Kissen. Die andere Hand spielt im Wasser. Lässt die Gondoliere immer wieder mit dem Heck nach links und rechts schwenken.

Er hat sichtlich Spaß daran. Als er mich sieht, springt er auf. Sein Fuhrwerk beginnt bedrohlich zu schwanken. Es schaukelt vor und zurück. Dreht sich einmal. *Vorsicht Wicht, nicht dass du mir reinfällst, dann wirst du unsichtbar. Wie soll ich dir dann helfen?* rufe ich ihm zu. Er kommt aus dem Gleichgewicht, geht auf die Knie. Hält sich kurz ein an seinem Böotchen. Gleicht dessen Bewegungen aus, als wäre es ein Surfbrett. Grinst mir im Vorbeifliesen zu. Winkt und schwimmt davon.



Dann fließt wieder Wasser den Strom hinunter.

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