top of page

013_2020. Anfahren. Von Null auf Normal. Tag 21 & 22

  • Autorenbild: GM
    GM
  • 13. Sept. 2020
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 1. März 2022

Tag 21, Tag vierzehn zuhause, Freitag

Der Chillfisch Ich habe einen neuen Mitbewohner. Er hat ein kullerrundes, kleines, weißes Auge mit einem unglaublich putzigen schwarzen Knopf in der Mitte. Damit guckt er fröhlich naiv in die Welt. Er grinst bis tief in die Kieferhöhlen. Dauernd. Tag und Nacht. Er hat einen Körper wie eine aufgepumpte Chilibohne. Fast königsblau. Vielleicht einen Tick heller. Glänzend und spiegelnd. Und er scheißt sich einen Dreck darum, dass er weder von vorn noch hinten noch oben, noch unten eine Kontur hat. Keine Schultern, keine Taille. Eine bis zum platzen aufgepumpte Chilibohne eben. Oben am Rücken hat er eine orangegelbrot schillernde Schwertflosse. Ganz klein. Bisschen aerodynamisch geformt, aber eigentlich auch irgendwie rund. Rund? Rund ist alles an ihm. Unten am Dickbauch sitzt sein Kiel. Ebenso orangegelbrot schillernd mit einem feinen, weißen Rand. Den feinen, weißen Rand, den hat sein Chilibohnenrumpf und seine Schwertflosse übrigens auch. Ist sozusagen seine Interpretation von 'Kontur haben'. Er hat zwei unglaublich drollige Propellerflügel an seinem Hintern. Wie abgerundete Gänsefüßchen Blütenblätter. Müsst ihr euch so vorstellen, als hätte jemand mit einem Gänsefüßchen 'Er liebt mich, er liebt mich nicht' gespielt und nur zwei Blätter stehen lassen. Das obere Füßchen hat noch festen Halt, das untere halb ausgerissen. Ich vermute, weil, sonst wäre wahrscheinlich 'Er liebt mich nicht' raus gekommen. Besser stehen lassen. Selbstbeschiss tut immer gut. Hab ich auch mein Leben lang so gemacht. Funktioniert.

Ergänze: Für eine gewisse Zeit. Grins.

Um meinen neuen Freund ist es stockdunkel. Kackbraune Brühe. Sich wo anders hin bewegen zu wollen, nur das Dunkel zu sehen, damit irgendwann mal unzufrieden sein, das ist nicht so seine Art. Ein Sonnenschein eben. Zufrieden mit sich und seiner kleinen Welt.

Außerdem liebt er es, jeden, der es wagt ihn wirklich anzusehen, in seine Welt zu holen.


Pass auf, sonst macht er dich mit seinem Lächeln auch zu seinem Mitreisenden. Für den Moment glücklich und ruhig. Voll kindlicher Naivität und Urvertrauen.


Darf ich vorstellen? Chillfisch.

Mein neuer Freund über dem Fernseher.



Tag 22, Tag fünfzehn zuhause, Samstag

Der Ziegenpeter Heute wird wieder eingegliedert ins Erwachsenenleben. Arbeiten. Ich stehe auf der Wiese. Ganze zwei sind gekommen. Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Das muss doch auch komisch sein, mit seinem eigenen Chef auf der Wiese zu stehen und sich von einer Frau belehren zu lassen. Aber die zwei machen das ganz gut.

Ich mag das. Die Menschen zum Staunen bringen. So schön, die Blicke, wenn sie für einen Moment durch die Lupe sehen und wahrnehmen, was ihr Hund wirklich tut. Was er wirklich gelernt hat, während sie einen ganz anderen Plan hatten. Für mich ist das alles so einfach. So logisch inzwischen. Aber wenn ich ehrlich bin stand ich noch vor wenigen Jahren selbst im ersten Seminar, das Bandito Tuch um das Kinn geknotet, damit das Kinn nicht permanent auf den Boden knallt vor lauter Staunen und Unglauben. Ich hätte mir damals locker eine, aus erstaunten Bauklötzen gebaute Villa in die Ladeluke schieben können. Und verstanden habe ich - selbst im Nachhinein - noch lange nicht alles. Ja, Hase und du stehst schon wieder hier und bist schon wieder auf dem besten Wege dich auszubrennen, denkt es in mir, derweil mein Mund weiter brabbelt, die Hände Bilder formen. Die Kunst ist zu brennen ohne auszubrennen. Nicht rumzuzündeln, wie du es schon wieder tust. Eh ich mich's versehe rollt schon die erste, berufliche Achtsamkeitsprüfung auf mich zu.


Der eine der beiden, der versteht ja ein wenig, was ich ihnen klar machen will. Der andere?

Zaundürr. Richtig groß. Schätze an die eins neunzig? Locker. Zaundürre eins neunzig, aber breit. Schon a Mannsbild, kein Hering. Dreitagebart. Ein einziges Grinsen mit leuchtenden Augen. Immer. Immer wenn ich ihm begegne.

Was ich gerade tue? Ich erkläre schon wieder was. Was? Keine Ahnung, ES erklärt aus mir. Es fließt. Meine Arme arbeiten. Mein Mund arbeitet, mein Hirn hoffe ich auch. Ich bin Feuer.

Dann fange ich an, diesen Körper zu verlassen. Mir einen passenden Loungesessel zu suchen. Setze mich und beobachte die Szene. Was genau stellt diese Frau da gerade mit den Männern an?


Die zwei Kerle stehen vor mir wie vor den Matchboxautos in der Spielzeugabteilung. Vor lauter Staunen handlungsunfähig, gebannt. Während die Frau weiter agiert, wird mein Blick irgendwie nach links gezogen. Zum Chef. Dem Zaundürren. Große Augen, großes, breites Strahlen im Gesicht. Nichts an ihm regt sich. Atmet er noch? Ich nehme an. Ansonsten wird er in der nächsten Minute umfallen.

Entspannt, so von außen.

Ich rede weiter und weiter. Während er mich anstrahlt, ich weiter rede, stehe ich aus meinem Sessel auf, steige wieder zurück in meinen Trainerkörper.


Sag ma, Kerl, spinnt es durch meinen Kopf, durch dein Hirn hüpft doch auch grad der Ziegenpeter mit Butterblume im Zahnspalt von Stein zu Stein. Seinen Ziegen hinterher. Den Hang hinunter. Und pfeift sich ein Liedchen?! Ich bin herzlich amüsiert.

„Hallo“, frage ich ihn langsam und eindringlich, „du bist noch dabei?“. Es reißt ihn. Ziegenpeter hat einen Ruf aus dem Tal vernommen. Aber, wirklich kümmern tut’s ihn nicht, würde ich vermuten. Zumindest sieht es in dem, was er danach macht nicht so wirklich verstanden aus. „Ok, wart. Wir probieren das noch einmal.“

Ich nehme seinen Hund, tanze ein kurzes, gekonntes Lernballett vor seinen Augen. Der Hund angeknipst. Voll bei mir. Und übergebe zurück. Au waia, G.. Der strahlt schon wieder wie Mogli vor der Schlange Kaa. Ach G.! Ich muss über mich selbst schmunzeln. Ich hege doch ernsthafte Zweifel, ob das jetzt eine wirklich hilfreiche Maßnahme war. Mir scheint eher, Ziegenpeter hat sich soeben ins Gras gelegt und träumt sich Wolkenbilder zu kleinen Böckchen, die über Stock und Stein hüpfen.


Ich muss an meiner Ausstrahlung arbeiten. Irgendwie ist die zu intensiv. Manchmal. Aber, ich bin im Flow. Ich kann’s noch. Schlange Kaa hat Mogli verführt.



Späten Nachmittag auf der Couch. Habe mein Laptop auf dem Schoss. Chillout dröhnt hinter mir aus dem Lautsprecher. Wieder einmal ist der Text geöffnet, der so spannend anfing. Meine Meise sitzt auf dem Bildschirmrand und kackt in einer Tour. *Reich Raninzki, wa?* Ich schau sie an. *Jetzt musst mal nachladen fliegen zwischendrin, sonst geht dir die Munition aus. Dafür, dass du selbst dich überhaupt kaum noch äußerst, Pieps, bombardierst du meine Texte aber gewaltig heute.*


Es wird Herbst. Keine Möglichkeiten mehr die Sonne anzubeten, sie möge meine Haut streicheln. Mir fehlt die Berührung. So halte ich mich ein wenig fest an dieser Erzählung. Hole mir das gut sein zurück, das richtig sein, da wo ich gerade bin. Derweil ich versuche, das bisher zu Pixel Gebrachte in eine leserliche Form zu fügen.


Pieps ist Maden nachladen geflogen. Hängt ein wenig ab im Käfig. Am Buchenast, den ich heute mit gebracht habe. Den kann das alternde Füßchen schön umfassen. Und der wackelt so schön. Eine Weile sehe ich ihm zu. Es ist wunderschön zu sehen, wie er wieder einmal 'abhängt'. Das Krüppelfüßchen steuert etwas unbeholfen herum, vergessen, weil der Rest des Zwerges damit beschäftigt ist, die neun Gramm kopfüber auszutarieren. Mal guckt er nach unten, dann versucht er wieder zu den Blättern zu gelangen, dreht sich kopfüber und fisselt mit seinem lang gewordenen, dünn gewordenen Schnäbelchen ein wenig im gelben Laub herum. Es raschelt. Lärm machen, dann ist die Welt in Ordnung. Mein Zwerg. Er wird älter. Sie eigentlich. Du bist schon so oft auf den Kopf geflogen, dein kleiner Schnabel hält nicht mehr so fest, dass du ihn aus der Position zuverlässig als dritten Fuß nehmen kannst und dich weiter hangeln. Gell, kleiner Pieps. Ich beobachte ihn weiter. Wir genießen beide diesen Moment. Life klingt aus dem Lautsprecher hinter mir. Hab dich lieb, mein Kleiner, ich lächle. Schon eine ganze Weile. Dankbar für diesen kleinen Moment Glückseeligkeit.

Dann konzentriere ich mich wieder auf den Text und übe mich in Interpunktion.



Zeilen gehen ins Land.


Pieps landet auf dem Sofakissen neben mir. Hüpft auf meine Schulter und sieht mir eine Weile zu. „Passt du auch schön auf, dass ich hier keinen langweiligen Mist schreibe, hm? Pieps?“ wende ich mich zu ihm. Ok, sind wir mal ehrlich. Welcher Tierbesitzer fängt nicht irgendwann an, mit seinen Tieren zu sprechen? Ich habe mich vorsichtig zu ihm gewandt. Ein verschwommenes Knopfauge mit diesen unfassbar süßen, winzigen weißen Wimpern inspiziert mich von oben bis unten. Stellt

den blauen Schöppel am Kopf. „So schlimm, dass es dir die Haare zu Berge stellt? Echt jetzt Pieps?!“ „Pfit“, macht er ganz leise und schöppelt wieder. Dann hüpft er sich ein paarmal auf seinem einen Bein zurecht und findet doch keine bequeme Position auf meiner Schulter. „Du kannst auch da in meiner Pullikuhle Platz nehmen, Pieps“, ich wieder. Als könnte er mich verstehen. „Pfit“, ganz leise. Dann hüpft er von meiner Schulter auf meine fast waagerecht liegende Brust zu den Bändchen des Pullis. Hält sich daran fest und zupft an ihnen herum. Eine Weile. Derweil ich tippe.


Zeilen gehen ins Land.


Was spüre ich da eigentlich auf meinem Brustbein? Ich fühle mich ruhig. Ich lächle. Mir ist wohlig und warm. Als hüte ich einen kleinen Schatz auf meiner Herzen.

Ich löse meinen Blick vom Bildschirm, sehe durch meine Brille auf zwei halb geschlossene Knopfäuglein in einem dicken Federbällchen.

Pieps döst auf meinem Herzen. Ich kenne das Gefühl von Schwere auf meinem Brustbein. Aber diese Schwere entflammt ein Gefühl von Glück und Liebe in mir. Ich sehe auf die Uhr. Es sind inzwischen bestimmt fünfzig Minuten vergangen.


Glück muss nicht immer groß und laut sein.

Ein Herzschlag. Und sei er noch so klein. Woher jetzt diese Worte in meinem Kopf, die beschreiben, was ich gerade spüren darf? …. „Auf meinen Atemzügen heben und senken die Sterne sich….“. Rilke. Auf meinen Atemzügen hebt und senkt sich ein winziges Wesen. Ganz bei mir. So ganz Vertrauen.

Was bin ich ein glückliches Wesen, dieses kleine Wunder erleben zu dürfen.

*Danke mein kleiner Freund*, wende ich vorsichtig den Kopf zu ihm. Keine Nasenspitze von mir entfernt.

„Füt“, macht er ganz leise.

„Füt“, forme ich einen wispernden Laut mit meinen Lippen und Zähnen. Die winzigen Augen bewegen sich, er legt das Köpfchen ein wenig schief. Blickt mich aus einem müde blinzelnden schwarzen Punkt an, schnabelt ein paarmal, dann plustern seine Federn. Das Stecknadel großen Lid schließt sich wieder.


Ich halte still und atme ihn in den Schlaf.

Wie schwer so neun Gramm auf der Brust werden können, wenn sie loslassen.


Mein kleiner Schatz.


Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
2020_Weihnachtszeit

Advent, kurz vor Weihnacht. Abends. Der Laternenmann Gerade gehe ich mit Sam noch eine kleine Abendrunde. Es ist kalt. Still. Zu still....

 
 
 

Kommentare


  • Facebook
  • Twitter
  • LinkedIn

©2022 MeinNameistnichtwichtig. Erstellt mit Wix.com

bottom of page