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014_2020. Anfahren. Von Null auf Normal. Tag 28

  • Autorenbild: GM
    GM
  • 14. Okt. 2020
  • 8 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 5. März 2022

Tag 28, Tag zwanzig zuhause, Donnerstag

Auf den Straßen Ich bin irgendwo dazwischen.

Nicht mehr hier, die euch schreibt aus der Blase der Langsamkeit, der Achtsamkeit, der Beobachtung.

Rausgenommen aus der realen Zeit.


Auch nicht in der Zeit der normalen Menschen. Normal. Warum eigentlich 'normal'. Was ist das, 'normal'?

Aus meinem Trödeln wird Laufen.

Der Druck kommt zurück. Woher er kommt? Ich weiß es nicht. Er kommt einfach wieder zurück. Hätte ich ihn erkennen können, woher er kommt, ich wäre ihm ausgewichen. Der Druck, was flüstert er mir zu? *Erledige, verantworte, kümmere dich. Du kannst nicht einfach so durch die Straßen schlendern, wie ein Kind die Dinge bestaunend. Du bist gerade in unserer Welt. Du hast zu tun und du tust gerade. Du warst einkaufen, du bist jetzt dabei die Einkäufe nach hause zu tragen. Da wird nicht geschlendert, keine sinnlosen Umwege gelaufen. Erledige! Mach! Tu!*


Und während ich so denke, spüre ich den Griff um meinen Hals. Wie er sich schließt. Langsam, ganz langsam. Hinterfotzig. Listig. Unbemerkt. Normal eben. Tu was, nichts bist du schon. Nur wer schafft, kommt auch zu etwas.

Dass man die Zeit zwischen Schaffen und Schaffen, die Wege von Tun zu Tun mit einfach 'da sein' füllen kann, das gibt es für diesen Griff nicht. Du musst, schreit der Griff, und wenn’s nur so aussieht. Für mich musst du - zumindest - so aussehen, als ob du tust.

In mir sträubt sich alles. Halte schon wieder die Luft an. Lege den Panzer an.


Ok, ich verstehe. Noch nie war mir so bewusst, so klar, wie jetzt und hier, was gerade passiert. Mein achtjähriges Ich stemmt die Beine in den Boden, drückt den Kinderbauch raus, verschränkt darüber die Arme. Aber gleich so, dass nicht mal mehr ein Nichts dazwischen passt. Dieses gekreuzte Bollwerk an Verweigerung landet mit einem tief an die Brust gezogenen Kinn und einem derart tötenden Blick auf den Rippen, dass keine Bewegung mehr möglich ist.

*Und wenn ich nun mal gerade nichts zu tun habe und hier laufe, dann kann ich auch hier laufen und nichts zu tun haben. Und ob die Einkäufe zwei Minuten früher oder später nach hause geschafft werden, das wird den Einkäufen sowas von Wurscht sein! Und auch den potentiellen Kunden, die irgendwo in den verstopften Pipelines um meinen Wohnort auf Rettung ihrer verkorksten Hundeerziehungsversuche warten. Die noch nicht mal wissen, dass es mich gibt. Die noch nicht mal 'Hier' geschrien haben. Punkt!* das Kind. Recht hat es eigentlich.

Und legt gleich noch zwei Schippen drauf: *Schnauze, Erwachsene. Ja vielleicht muss ich, aber jetzt bin ich hier und ich werde mich nicht mehr einsperren und zusammenfalten, nur weil MUSS noch Platz hätte.

Und ja, ich könnt. Ich könnt aber jetzt auch nicht. Weil heute ist noch einmal ein schöner Tag. Richtig warm. Und ich laufe jetzt hier. Ich könnte also auch einfach mal ganz langsam gehen und auf meine Art zu laufen achten. Ich trample nämlich schon wieder.* Gesagt, getan. Achtsamkeit zurück gewonnen und aus dem Teerboden der Brücke wird Holz. Der Autolärm der wartenden Fahrzeuge kann den Fluss, der unter der Brücke fließt nicht mehr übertönen. Das Schnurren des Motorrads, das Einlegen des Gangs, klack… mmmmaaaahhh, schön. Musik in meinen Ohren. Die Lust auf mein eigenes. Wieder da.

Ich gehe, ich sehe mich um.

Zurück in meiner Blase. Mitten im Trubel der sichtbaren Welt.


Der Quotenmiesbacher Der Quotenmiesbacher, 'da Hoizbua' fährt gerade in seinem kleinen, kompakten Understatementjeep auf mich zu. Forstschild in der Windschutzscheibe. Pflicht. Haken dran. Meine SchubladenbeSauftragte arbeitet, grinse ich in für mich. *Gäht’s ins Hoiz Bua? So is recht. Dua g’scheid schaffa.* ein Blick zu ihm, durch die Windschutzscheibe. Sesamstraße. Waldorf in meinem linken Auge zu Statler. Der schaugt aus'm rechtn aussa: *Da Bua… Kannt i ned mit Gwissheid sogn, dass da Bua ins Hoiz fahrt, I dad mi wundern. Z‘Minga fahrt er.... gibt's da no so fui Hoiz?* Statler: *Ah geh weida Nochbar. Kapierst's no ned, wia des heit so lafft? Z’Minga foad a, s’Hoiz vor da Hittn mitnehma. Eh kloar. Statler zwinkert sich fast as Filzauge raus, bis am braven Waldorf as Groscherl foid.


I mag mei Leientheater. Da Quotenmiesbacher eben. Da Hoizbua. Da Bergobaradler. Lange Hoar, an dickn Wollpulli. Grinse: Erwischt! Ich würde ja niemals in Klischees denken. Neeeeheeeeein. Ich doch nicht.

Und weg ist er. Richtung z’Minga.




Kindermund Ich bin immer noch auf der Brücke. Ich überhole immer noch. Meine Entschleunigung ist also noch nicht perfekt. Überhole eine Mutter mit zwei, auf Minirädern rumeiernden Kids. Vier, fünf würde ich schätzen. Bin da schlecht. Echt schlecht. Wie eine Glucke versucht die Mutter die zwei von der Straße abzuschirmen. So ganz wohl ist mir bei dem Anblick nicht. Ich eiere an den Kids vorbei. Die Kids eiern kreuz und quer. Fahren hin wo sie hinsehen. Brückengeländer, Straße, geradeaus, Straße, Bordstein, Fluss. … Eijeijei!


„Mama“, der eine Sprössling. Mit dem Vorderrad halb im Brückengländer hängend, stellt er die Füße ab, fällt gegen das Geländer. Die eine Hand hält den Lenker weiter fest, die andere fingert nach irgendwo unten. Dorthin, wo das Wasser unter die alte Mühle läuft.

„DOS Kackos!“ Dos was? Kackos?! Ich wende meinen Blick nach unten ins Wasser. Ah… Kackos! Ja Kackos sind das auch. Sehr schön, grinse ich. Enten. Zwei. Aber Kackos? Euer Ernst? Die Viecher heißen bei euch ernsthaft Kackos? Oder waren das doch eher Gatos oder Gaggos? Alles würde passen.

Die Kackos schwimmen davon, ich bin vorbei. Weg hier. Das stresst mich schon beim zusehen, der Fahrradakt auf der Brücke.


Wandere nach Hause. Mittel entschleunigt würde ich sagen. Aber meine Eltern mit ihren 'du musst, das können andere, nicht wir Gebeten' haben mich immer noch am Schlawickel.

Für wen der Blumenstrauß ist, den ich da gekauft habe? Für mich.

Warum ich mir einen Blumenstrauß kaufe? Gegenfrage: Wer sonst, wenn nicht ich? Achselzuck. Und außerdem.


Weil ich es mir wert bin.

Was der gekostet hat? Leckt mich doch am Arsch, Eltern!




Couch, abends Die Zeit strafft sich. _ _ _

Die Musik hat sich verändert. Trancebase Radio. Der Bass wummert mir an den Hinterkopf. Ich … DUSCH DSCH DSCH DSCH DSCH DUSCH DSCH DSCH DSCH DSCH … im Halbsekundentakt von hinten … Ich wollte eigentlich weiter berichten von mir und meinem Unterbewohner auf Zeit. Der Bass hetzt mich.

Ein ruhiger Part. Klavier, Streicher, versöhnende Klänge. Frieden für einen Moment.

Ich nutze den Moment, wache auf.


Was passiert hier so?

Die Fliegen werden mehr. Ich hätte das Mistvieh damals ein zweites Mal erschlagen sollen. Oder habe ich mit dem Erschlagen der einen eine Botschaft ins Universum geschickt und jetzt schwirrt dort oben irgendwo ein gemeines Stubenfliegen-Klon-Uvo?

_ _ _ Der Bass. DUSCH DSCH DSCH DSCH DSCH DSCH DSCH

Verdächtig. Selbst, wenn ich mich bei so schönem Wetter wie heute – zwanzig Grad, Sonne, kühler Wind – noch einmal in Minimalmontur auf den Balkon lege um mich zu besamen, ... (ÄÄÄHMM vorsichtiger Einwurf der Redaktion: Würden Sie bitte Ihre automatische Rechtschreibverschlimmbesserung ausschalten?!)

*Wie meinen*, ich. *LESEN!!!!!!* die Redaktion. Leicht verärgert.



Moment

Ach so. Ups. Grins. Nein, auf dem Balkon besame ich nicht. Das tue ich ohnehin nicht. A weil ich eine Frau bin und B weil mir das Ypsilongegenüber fehlt.


Noch einmal von vorne.

… Verdächtig. Selbst, wenn ich mich bei so schönem Wetter wie heute – zwanzig Grad, Sonne, kühler Wind – noch einmal in Minimalmontur auf den Balkon lege um mich zu beamen, spüre ich eine Fliege, die über meine Haut wandert. Gerade eben patrouilliert auch schon wieder eine den Rand meines Bildschirms entlang. Ich sehe schon vor mir, wie der Dopplerwopper dort oben im All schon wieder eine Armada ausspuckt. Lucke auf, in Formation wird geflogen, Richtung G.'s home.

Fazit? Erschlagt niemals eine Fliege.


Sonst passiert hier gerade nicht mehr viel. Golm bedient weiter Schmerzmomente. Versteckt sich im Nirwana meiner Haut, um wenig später wieder als Fettwanst auf meinen Nerven rumzurutschen. Wenn ich nur wüsste, wer er ist und wovon er sich ernährt. Was ihn schier zum Platzen und dann wieder zum sich selbst verschlucken bringt. Wieder in die Klinik? Wieder einen Tag dran hängen und durch die Stadt eiern? Nur, weil die mich gesehen haben? Und? Ich glaube irgendwie nicht, dass ich von denen eine vernünftige Antwort bekommen werde. Dr. Arschloch wird sich benehmen wie Dr. Tati der Bohrstecher. Wenn ich ihn überhaupt zu Gesicht bekomme. Wahrscheinlich wird er ohnehin nicht anwesend sein. Und die Assis? Die werden Dr. Google fragen. Das kann ich auch. Irgendwie fühlt sich das Unternehmen nicht erfolgversprechend an.

Hey, ich sitz hier wie Tante Erna zum Achzigsten. Gut, Tante Erna hatte ich nie und wenn ich sie gehabt hätte, dann hätte Tante Erna zum Achzigsten zwar einen Blumenstrauß vor sich auf dem Tisch stehen... Sie säße wahrscheinlich auch auf dem Sofa. Vielleicht hätte sie auch ein Blutdruckgerät um, aber wahrscheinlich nicht um die Hand. Und keine Pulsuhr mit Brustgurt. Oder? Wie hat man denn damals heraus gefunden, ob Tante Erna nun zu ihren nachträglichen , auf bis zu über sechs Wochen Haltbarkeit hoch gezüchteten Hybrid-Geburtstagsröschen auch noch ein körperliches Herzproblemchen bekommen hätte. Vermutlich gar nicht. Vermutlich hätte man Tante Erna irgendwann mit der Glückwunschkarte ihrer 'vierUhrTanzteeRunde" in der Hand gefunden. Aber sicherlich wäre Tante Erna nicht 24Stunden überwacht und verkabelt mit einem Laptop auf dem Schoß dagesessen und hätte Trance Base gehört.


_ _ _

Der Bass. DUSCH DSCH DSCH DSCH DSCH DSCH DSCH - - - Mein Fuß DSCHt mit. Mein Kopf DSCHt nach vorne, Kinn vor, zurück. …DSCH… Die Zunge, der Kehlkopf alle wollen mitmachen …DUSCH DSCH DSCH DSCH DSCH DSCH DSCH… jetzt kommt Bewegung in die Sache! Der Kopf links - rechts, die Augen auf dem Bildschirm, die Finger versuchen mit zu tippen der Oberkörper kommt dazu … Eeeeeeesss geeeeeehhhht looooooosssss… DUSCH DSCH DSCH DSCH DSCH DSCH DSCH… Schllllllllllagzeeeeeuggggggggggg Trrrrrrrrrrrrrrrrrrr zieht nach obäääääännnnnnn…DUSCH DSCH DSCH DSCH DSCH DSCH DSCH…Geiiiiiiiiiiil…Flowwwww…..


_ _ _ - - - - - - - - - _ _ _ - - - - - - - _


Wo waren wir? Tante Erna. Stimmt. Aber Wurscht eigentlich. Bin halt gerade mit Notizblock, Blutdruckarmband und Pulsometer unterwegs, um dem Doc OH.das.tut.mir.leid.dass.ich.sie.da.falsch.behandelt.habe morgen eventuell sagen zu können, wann es mir wie wann geht.


_ _ _ - - - - - - - - - _ _ _ - - - - - - - _AAAAAABEEEER EEEES IIIIS MIR EGAAAAAAL… Die Musik treibt … und AAAAAAAnnnnnnnn….Schlllllllllllllllllllllllllag DUSCH DUSCH DUSCH DISCH!!!


Ich glaube, ich berichte später. Ich mach mir was zu essen. Bin grad nicht in der Stimmung Bilder in Köpfe zu malen. Bin aufgepeitscht. Meine Bilder ……. ICH GLAUBBBBBBBB… mir kommt heut der Pinsel aus…. YESSSSSS_ _ _ - - - - - - - - - _ _ _ - - weg is'er. Jemand da draußen, der einen geeigneten Pinsel hat und mir vorbeibringen würde? Geliehen reicht? …

Muhahhahaha, welch Wortwitz. Da ist sie wieder, die 'Sexy Feger G.' die es gar nicht gibt. Schon gibt. Nicht gibt. Da ist sie trotzdeeeEEEEM kurzMAAAAL. Das ist die verdDUSCHSCHUDSCHUte MusIIIIIk. Die lässt mich nicht schreIIIIIIIBEEEEN…

.._



Ah… Wohltat. Runterkommen. Sannnfte Kläänge … Pulsometerchiillllllllll.

Ich atme durch.


Cool. Mir geht’s grad gut. Mir geht’s grad zuhausegut. Kopf lehnt an der Wand zur Büroetage. Da wo die Bassbox steht. Ich tippe gechillt in den Rechner was gerade so durch die Standleitung zu den Fingern flutscht.

Atme durch.

Spüre wieder die Enge auf dem Sternum.

Das Herz meldet sich.

Vielleicht muss ich noch mal zum Osteopath , dem Sternummeister. Vielleicht sitzt da irgendwer drunter, der raus will wie damals. Ich fühle kurz mal. Aber stimmt, es fühlt sich an, als ob ich da jemanden ängstlich gefangen halte, der gegen die Tür trommelt und schreit: Lass mich raus!


... Stille Zeit. Fliegt vorbei. ...




So. Jetzt hat mich der Tippitoppimann raus gebracht, weil er mir eine Whatsapp geschickt hat mit einem Rollentrainer, den er hat für mich. Und, weil er gefragt hat, was ich mir gefangen hab und wer mir mit dem Knie so geholfen hat und und und. Cool. Wenn ich ihm jetzt nicht zu viel gelabert hab, dann bekomm ich den vielleicht geliehen. Den Rollentrainer, versteht sich.

Ich mag den Kerl. Eine Wanderratte hat er in der Hose, und er ist irgendwie…ja, keine Ahnung. Irgendwie halt, auf eine gewisse Weise einfach? Ich weiß es nicht. Ich komme seit Jahren nicht so wirklich ins Gespräch mit ihm. A Bamberger Hörnsche is’er. Und ein Gott auf der Enduro. Wenn der fährt. Ein Augenschmaus. Ein Ballett. Traum. Zum Dahinschmelzen.

So Musik Screenshot gemacht, damit sie wieder find und Musik aus. Des ist Abends nix mehr für alte Frauen wie mich. Puscht zu sehr. Kann Tante Erna ja nimmer schlafen drauf.



Später auf dem Balkon. Im Dunkeln Thymian schneiden mit der messerscharfen Rosenschere, das ist Extremsport für Zosterrekonvaleszente. Wenn du mit den Fingern das Kraut tastest, ein paar Stengel zusammen nimmst, sie hältst und mit dem Zeigefinger spürst, wie weit die Schere öffnet, die Schneide mit dem Finger an den Ansatz des Stengels bringst…. und drückst. Knack…. Das hätte dein Finger sein können. Adrenalin für Kleinbäcker. Nervenkitzel beim Kochen.

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