017_2020. Anfahren. Von Null auf Normal. Tag 30
- GM

- 17. Sept. 2020
- 6 Min. Lesezeit
Tag 30, Tag zweiundzwanzig zuhause, Samstag
Neun Gramm pure Emotion Soll ich jetzt enttäuscht sein?
Draußen regnet es. Ich sitze hier mit meiner Kuscheldecke über den Füßen auf meiner Couch und schreibe. Trancebase FM dröhnt. Die Meise bekommt Freigang. Bin ja da und kann aufpassen, dass sie es nicht übertreibt.
Die Meise? Ja, ich habe eine Meise. Hat jeder? Stimmt, aber ich kann meine herzeigen. Enormer Vorteil, um in dieser Welt gut durch zu kommen. Die meisten haben keine und sind bocklangweilig. Können alles nur erwachsen sehen. Oder eben es piept dauerhaft bei ihnen. Das wirkt dann auf die Umwelt auch manchmal …, na sagen wir eigenartig. Denn so echte Vollmeisen geben nie Ruhe. Die sind von früh bis spät in Bewegung. Und du wirst sie nicht übersehen oder überhören können. Wenn eine Meise sich bemerkbar macht, dann bist du nur noch ihr ausführendes Organ. Blöd für den, bei dem das Biest in seinem Hirn rumturnt. Immer.
Schon saupraktisch, dem eigenen Vogel körperunabhängigen Freigang mit Persilschein zum Rumspinnen geben zu können. Ich muss meine auch nicht immer mitnehmen. Auch sehr praktisch. Und ich kann mich entspannt zurück lehnen, mich daran erfreuen, welche Clownerei ihr immer wieder einfällt.
Ich hatte ehrlich gesagt gehofft, mein kleines Krüppelchen würde heute wieder zuerst auf dem Bildschirm des Laptops Platz nehmen. Die misslungenen, orthographisch katastrophalen Textphasen mit Kacksträhnen markieren. Gehofft, sie würde, wenn sie ihre Arbeitszeit als Lektor abgeleistet hat, wie früher auf meinem Pulli Platz nehmen. Aber heute braucht sie wohl meinen Schutz nicht so. Ich flöte schon die ganze Zeit nach drüben. Sie sitzt, besser sie hält sich gerade auf dem Lenker meines Indoor Balance Bikes. Und guckt die ganze Zeit zu mir.
Vielleicht mag sie ja den treibenden Bass nicht? Ich stelle wieder um auf Ibiza Chillout Sound.
„Na komm her Pieps. Komm. Komm. Komm Pieps. Pffff Zzzz“, spitze ich die Lippen und flöte wie ein Zuckermäuschen. So gar nicht meins. Aber diese neun Gramm Scheißer machen aus mein Herz einfach Germknödel mit gaaaanz viel fließender Butter.
Ohhhh! Jetzt ist es auf die Couchkissen gefluppt und höppelt mit seinem einen Beinchen immer näher. Absicht oder Fuß, dein niedliches Gehöppel? Hmmm, Madame muss sich erst noch schön machen für mich, bevor sie näher kommt. Och, … doch nicht. Wieder weg gehüpft. Ja so ist das mit Vögeln. Die kommen und gehen, wann sie es wollen.
Pieps kreiselt wieder auf dem äußersten Sofakissen herum. Wenn das Fahrwerk einseitig kaputt ist, dann zieht die Karosserie eben. So. Ärschle gespitzt. Scheißerchen hin gelegt. „Ohhh“, quitscht es aus mir, „was für ein großes Scheißerchen du mir da wieder auf die Kissen packst. Ohhhh, aber so ein dicker. Ich bin ja begeistert“. Bin ich natürlich nicht. Aber, Ironie liest man so schlecht. Trotzdem, das war ja der halbe Vogel - gefühlt.
Flöte den wackeligen Zwerg näher: „Schatziiiii, Spaziiileeeeeinn.“ Oh, wie schön. Jetzt kommt er tatsächlich näher. Ich bin grad wie so ein sitzender Glückskeks. Für mich gibt es - vielleicht sollte ich aktuell einfügen, grins - emotional kaum etwas schöneres, als wenn dieses Mini Winztierchen sich mir nähert. „Fiep“, macht es. Oh, mein Glück. Es nimmt Kontakt auf.
Es kommt auf den Kissen näher. Stück für Stück. Bis es fast Nase an Nase mit mir sitzt. Schaut mich von oben bis unten an, schöppelt den neu erstrahlten blauen Schopf. Ich bin mir sicher, das hieß eben soviel wie: „Ne, die Alte ist mir bissl zu quitschig heute“. Schöppelt und flattert mit seinem demolierten Flügel auf den Bildschirm.
Fazit: Auch kein Plätzchen heute. Zu schief. Da hilft auch mein Flöten nix. Es hüpft mit einem harten Pfopp auf den Couchtisch und auf diesem mit weiteren, etwas weniger harten Pfopp Pfopp Pfopp zu meinem schönen, neuen, dickbauchigen Ginglas. Nein, ich trink um die Uhrzeit keinen Gin. Wasser. Wenigstens den Schein eines echten Schriftstellers wahren. Pieps will baden. "Fiep! Fiep! Fiep!" Das ist ihr winzig kleiner Laut, den sie in solchen Momenten von sich gibt. Bedeutet soviel wie "Badezeit! Badezeit! Badezeit!" Schon interessant, wie man mit der Zeit intuitiv die Sprache lernt.
„Nein“, schüttle ich den Kopf. „Nein Pieps. Das geht jetzt echt nicht, da ertrinkst du mir drin mit deinen nicht fettenden Federn und deinem Beinchen.“ „Fiep?“ kommt die Antwort vom Rand des Glases. "Nein, wirklich nicht!“ Das Köpfchen wendet sich einmal mit dem linken, dann mit dem rechten Auge und einem schiefen Blick von unten zu mir… Pfopp Pfopp Pfopp hüpft der Zwerg wieder weg von der bauchigen Badewanne. Sag doch, nur raus lassen, wenn ich die Bruchpilotin vor weiteren Katastrophen bewahren kann. „Danke Pieps“, ich.
Albern mit einem Vogel zu reden? Mit seinem Vogel zu reden? Finde ich nicht. Wir meinen immer, nur weil unser Hirn besonders groß ist wäre mehr drin, als in so einer winzigen Kidneybohne. Ich glaube, wir vertun uns da sauber.
Pieps ist auf meiner Fußspitze gelandet. Hihihiiiiii, das kitzelt immer ein wenig. Noch während ich das schreibe, propellert sie zum Käfig. Keine Ahnung, warum sie gerade wieder nicht lautlos fliegen kann. Beim Abstürzen den Flügel verletzt? Geschwächt? Ach Knirpsi, wie alt bist du jetzt schon?
Alt, so viel ist sicher.
Betreutes Baden Der zweite im Bunde, der Jungspund mit der Gefiederstörung ist heute wieder auf Alarm gebürstet, aber Hallo! Und sieht schon wieder das gefundene Mobbingopfer in meinem kleinen Herzblatt. Mein Pieps schreit irgendwo unten an der Badeschüssel Zeter und Mordeo.
„Hey du Krawallbruder“, herrsche ich nach drüben, lege das Laptop ab. Drüben herrscht einen Moment Zankstillstand. Ich schlage die Decke zur Seite, stehe auf und geh schnellen Schrittes zum Käfig. Krawallbruder weiß schon, was es geschlagen hat und verpisst sich nach draußen.
„Machen wir heute halt mal wieder betreutes Baden, gell, Pieps.“ Pieps sitzt am Rand der Badewanne. Ein Abflussrohstöpsel verkehrt herum. Ideale Größe, schöner Rand, um Halt zu finden. Pieps schaut mich an. „Fiep?“, was wohl so viel heißt wie, „ich würd dann gern Baden. Fiep.“ „Mach nur“, sag ich, „ich pass auf dich auf. Kannst ganz in Ruhe Baden.“ Pieps ist eine Gesellschaftsbaderin. Am liebsten in der Küche im Abtropfwasser, während ich den Abwasch mache. Oder früher im Temoskannendeckel auf meinem Schreibtisch, derweil ich Affen kodiert habe. Auch heute wache ich über ihr Bad und beobachte sie. „Fiep“, Schnabel ins Wasser und ordentlich Spritzer verteilen im Käfig. Ein Hüpfer weiter, noch ein Hüpfer, ein Schnäbelchen voll Wasser, verteilen. *Hach, was macht das Spaß. Gell Pieps?* „Fieps.“ Weiter am Rand entlang hüpfen und Balance halten mit dem einen Fuß. Schnäbelchen voll, … Hups! Komm mir nicht aus dem Gleichgewicht, Pieps. Fast wärst unfreiwillig baden gegangen. Ach, der Kopf soll weiter rein vom Rand aus? Ist zu tief? Verstehe. Vielleicht besorge ich dir doch mal einen niedrigeren Rand. Wobei, ich überlege, am liebsten hat sie eigentlich immer im engen, kleinen Termosbecherdeckel gebadet. Aber, da war sie auch noch jünger denk ich vor mich hin und beobachte das lustige Wasserspiel.
Sie hüpft zweimal um den Wannenrand und spritzt ordentlich rum. „Badewassertemperatur nicht genehm?“ frage ich sie. „Fieps“. Sie sieht mich an. „Oder ist heute Katzenwäsche? Zu kalt für ein Vollbad, stimmt‘s?“ „Fiep.“ Sie peilt einen Ast an und fliegt vom Wannenrand. Mein Zwerg.
Später.
Ich sitze wieder auf der Couch. Laptop auf dem Schoß. Und schreibe. Frrsrrrrrrrrrr. Da kommt der Propeller. Landet am weitesten Ende des Kissens, an dem ich mich gerade anlehne.
„Ja hallooo mein Schaaatz.“
Ich rede fast wie ein netter Gollom, nur ohne den besessen irren Touch in der Stimme. Schon ein klitzeklein wenig gaga, wenn mich einer hier so sitzen und diese halbe Kiwi anföten sieht.
Pieps hüpft näher, bleibt ein paar Testsekunden lang direkt neben meiner Schulter sitzen und hüpft mir dann auf dieselbe.
Oh kleines Glück. Wer darf das schon erleben.
„Schön, dass du mich besuchst. Schaust bissl, was ich über dich schreibe, ob das alles in Ordnung ist, oder?“ Das Knopfauge schaut zu mir, blinzelt.
„ Fins“, sie.
„Ok“, ich.
Wenig später juckt es wohl. Zwei drei Positionierungshüpfer, ein vom Kissen gedämpfter Satz zurück neben mich. Auch wenn ich es schon über Jahre beobachten darf, ich genieße es. Denn so nah bei mir, das gab es noch nie. Ich sehe meiner Meise zu, wie sie sich putzt. Geschickt macht sie das mit dem Krüppelfüßchen. Und verrenken kann sich der Winzling. Bis zwischen die Schulterblätter kommt sie kurz, dann verliert sie wieder die Balance. Wieder und wieder. Zieht ein Daunenfederchen heraus und wirft es in den Abgrund vor dem Kissen. Das Federchen dreht sich sanft, sinkt und rollt in weichen Bewegungen wie ein federleichter Stein den Abhang hinunter. Halswirbelartrose darfst als alter Vogel aber auch nicht kriegen, denk ich mir.
Und über all dem Glück sind die Schmerzen verschwunden. Sie waren wieder da. Ganz leicht. Die Feuer auf dem Wangenknochen. Das zuckende Auge. Die Messerstiche im Kopf.
Vielleicht war es ein wenig viel heute. Drei Stunden hintereinander draußen. Reden. Sonne, Kühle. Angestrengt sein. Auf die Kunden eingehen. Der heftige Wind der mir eine Stunde ins Gesicht gepeitscht ist und mich zum Brüllen gezwungen hat.
Die Sonne kommt raus. Wie schön. Glaube ich muss gleich noch einmal nach draußen. Aber dafür müsste der Krawallbruder erst einmal den Käfig verlassen.
Solange wollen wir meinem Untermieter noch Aufmerksamkeit schenken. Eigentlich habe ich ihm gekündigt. Eigentlich war ich mir sicher, wenn ich meinem Untermieter kündige, dann geht der und bleibt weg. Aber, ich muss wohl noch ein wenig lernen.
Gabablabla ist seit heute um die Hälfte reduziert. Finde ich auch einen leicht krassen Sprung. Aber gut.
Ich fühle einen Moment in mich hinein. Ich bin körperlich angestrengt. Auch wenn ich nur hier sitze. Die Brille auf der Nase seit drei Stunden. Vormittags über vier Stunden draußen. Nur kurz gedöst. Der Kopf, er drückt.
Ok, Körper. Versprochen. Wir finden eine Lösung, mit der wir beide arbeiten können.
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