top of page

018_2020. Anfahren. Von Null auf Normal. Tag 34 & 35

  • Autorenbild: GM
    GM
  • 18. Sept. 2020
  • 6 Min. Lesezeit

Tag 34, Tag sechsundzwanzig zuhause, Donnerstag

Von hundert auf Null in zwei Tagen

Grad ist es einfach Scheiße. Zweimal zehn Stunden Dauerbeschallung, körperliche Arbeit, sicherlich giftgeschwängerte Luft, ständige Reize, ständiges Genöle und Meckern der Kollegen. Nehme ich vielleicht doch alle Reize so in mich auf, dass mein Hirn irgendwann implodiert und die Nerven durchdrehen, weil sie die Reize nicht mehr geregelt bekommen? Habe ich meine Feinsinnigkeit vielleicht doch nicht wieder verloren, sondern nur wieder weggedrückt?


Bin wieder im Kuhstall. Nein ich bin nicht im Kuhstall. Der Laden ist nur in einem ehemaligen Kuhstall. Was geblieben ist, ist, dass rumgeschissen wird, Rindviecher und Hornochsen sich nix schenken und viel gebölkt wird. Ich habe wieder derartig üble Kopfschmerzen wie nach dem zweiten Tag in der Klinik nimmer.

Was machst du dann? Nach Wochen der Abwesenheit? Deine Kollegin einfach mal – auf zack – allein stehen lassen? Super schlechte Idee.

Noch schlechter, es nicht zu tun.

Tag eins ging ja noch so bis zwei Stunden vor Schluss. Dann fing es an mit 'Hallo, ich bin wieder da, dein Britzel im Gesicht'. Intuitiv habe ich mich aus dem Hin und Her vorne ums Büro raus gezogen und Dosen geräumt.

Was ist es? Was triggert mich? Den ganzen Tag drin zu sein? Die Probleme, die Zickereien unter den Kollegen? Wie soll ich jetzt mit dem neuen Begleiter umgehen?

Die tollen „Du musst wohl was ändern in deinem Leben“ Tipps. Ich hab sie echt gefressen. Besonders einfallsreich: "Du weißt ja schon länger, dass das nicht der Job ist, den du weiter machen kannst." *Ach ne, super. Dann zaubert mir mal den Job, den ich machen kann. Und bei dem ich genommen werde.* "Ich hör es ja schon daran, wie du reagierst, dass dich das stresst.“ *Ja, verdammt, weil deine tollen Ratschlägerbuchtipps so viel wert sind wie bröselnde Tapete ihr „Ich habe immer in meinem Job was gefunden“ Studierten.* "Und hast‘ne Lösung? Einen Job, den ich machen kann, der besser ist als der, den ich gerade habe? Ne? Ach, siehst'de! Ich nämlich auch nicht. Und stresst mich das jetzt weniger? Ach komisch, ne?! Irgendwie nämlich nicht. Also danke für deine neunmal klug geschissenen Stressworte. Manchmal ist Klappe halten einfach keine so schlechte Idee." Sorry, irgendwann reicht's dann mit dem klugen Dünnschiss und man muss reagieren. Spannend zu sehen, wie bei manchen dann langsam die Realität außerhalb ihres Tellerrandes zuschlägt.

Vielleicht hätte ich auch einfach noch keinen Sport machen sollen? Sport ist für das, was ich inzwischen mache ja ohnehin ein Witz. Vielleicht hätte ich die zwei Tage dann besser verputzt? Vielleicht, wenn nicht auch noch die Überwachungsterroristin von der anderen Filiale unbestimmt ausfallen würde und mir unbewusst klar wäre, dass mein 'Krank sein' für den Chef eine weitere Katastrophe ist?

Was soll ich jetzt machen? Mich als Physio ohne Ausbildung im Leistungssportlerbereich bewerben? Weil das etwas wäre, was mich wirklich interessieren würde? Oder in Canada auf der Ranch, um körperlich zu arbeiten? Nö? Natürlich nicht? Siehst‘de. Geht nämlich auch nicht. Mir‘ne Ausbildung ans Bein zaubern? Nö? Siehst’de geht nämlich auch nicht mal so eben, um Stress zu reduzieren. Zeitarbeit? Die beste Idee ever. Um da welchen Job zu bekommen? An der Maschine stehen den ganzen Tag. Genau. Daumen hoch. Suuuuuper Tipp. Bin genau ich.

Wisst ihr was, ihr 'HabmalgehörtWeisen', ihr 'DiktatWiederholungsTasten', ihr 'VielMeinungohneAhnungInhaber'. Ihr wollt mir alle helfen? Super!

Fangen wir mal damit an: Haltet doch alle einfach euren Mund, wenn ich euch nicht um Rat frage. Oder merkt wenigstens, wenn der Rat zum Schlag wird. Euer Tellerrand ist eben nicht meiner. Und meiner ist jetzt, hier, heute Stück für Stück in den Alltag zurück gehen. Nicht Klugmenschen beim Scheißen zuzusehen.


Tag 35, Tag siebenundzwanzig zuhause, Freitag

Gestern das vierundzwanzig Stunden Blutdruckgerät abgeliefert.

Freitagvormittag. Emailcheck. Betreff: Lust Blutdruck

Doktor Adlig, Doktor noch kein finaler Name hat geschrieben. Ich habe auf jeden Fall also keinen entgleisten Bluthochdruck. *Hm, dafür haben Sie einen entgleisten rechten Zeigefinger, Herr Doktor. Was bitte ist denn ein 'Lust Blutdruck'? Herzig. War Freud zu Besuch?*

Sechzehn Uhr irgendwas. Mein Handy meldet Mensch am Knie. Ich ziehe meinen Kommunikationspartner aus der Tasche. Der Dr. von und zu 'Lust-Blutdruck'. Schön, dass er anruft. „Müller?“ „Dr. Blutdruck hier.“ „Hallo, grüße Sie.“ „So, also ich habe Ihre Werte jetzt noch einmal ausführlicher ausgelesen. Soviel gleich, an einem entgleistem Bluthochdruck leiden Sie keinesfalls. Ihrer ist eher extrem niedrig.“ „Das heißt was?“ „Na ja, normal, gut, normal, ja, wäre im Schnitt hundertzwanzig bis hundertvierzig. Bei Ihnen ist er knapp unter hundert. Nachts geht er sogar auf vierzig runter teilweise?!“ Er wirkt ein wenig irritiert. Ungläubig. „UPS“, ich. „Nicht der Puls, Ok? der ist Ok. Aber der Blutdruck geht auf vierzig.

Dass auch mein Puls in letzter Zeit in normaler Aktion bei kurzen Pausen mal schwach an der Fünfzig kratzt, lässt mein internes Gesundheitsministerium lieber mal unerwähnt. Oder ist es die Sorge, dem Arzt wie ein Hypochonder vor zu kommen? Weil ich plötzlich so oft aufschlage und er nichts greifbares findet?

„Merken Sie das denn?“ „Na ja, also nachts natürlich nicht, da schlafe ich ja, aber tagsüber…“ Die Aussage war eigentlich schon falsch. Denn möglicherweise wache ich ja von dem niedrigen Blutdruck auf? Kommt mir in dem Moment aber nicht in den Sinn und er ist schon weiter. „Also beim Sitzen, Aufstehen, Hochkommen s… so was“, grätscht er in mein Denken. „Ja, in letzter Zeit schon öfter. Klar. Das hab ich aber schon hie und da mal gehabt. Selten aber gibt es.“ Ich höre für einen Moment nur die Fahrgeräusche seines Autos. Denk lauter Dr. Lust-Blutdruck, denk ich bei mir. „Muss ich mir das jetzt Sorgen machen wegen den vierzig?“, frage ich in sein lautes Rätseln. „Dass Sie mir nachts irgendwann wegkippen?“ „Ja. Wäre ja nicht der schlechteste Tod, aber ….“ Er muss kurz überschlagen, ob da gerade die richtigen Wellen rüber geschwappt sind durch seine Freisprechanlage. Männer telefonieren scheinbar gern mit mir beim Autofahren, fällt mir derweil auf. „Nachts? Nein. Das nicht. Für ihre Gefäße ist das eher gut, aber merken Sie es denn? Ich meine, wird Ihnen denn dann auch mal schwarz vor Augen?“ „Ne. Na ja schummrig schon, aber nicht so, dass mich um...“. Er springt mir schon wieder in den Satz; „Also solange Sie mir jetzt nicht auf der Straße … was weiß ich, sich bücken, um etwas aufzuheben und dann in den Armen eines Fremden wieder aufwachen…“. Reingrätschen kann mein innerer Witzbold auch ganz gut: „Wäre jetzt auch nicht so schlecht. Käme halt auf den Fremden an.“

Irgendwie läuft das hier. Schlauer bin ich am Ende aber auch nicht. Er scheinbar auch nicht. Auch eine Verbindung.

„Was ist denn mit Schilddrüse? Kann die so was auch machen?“. Er ist zwar ein offener Arzt aber bisschen die Bälle zuspielen muss man ihm trotzdem. „Sie sagen zwar immer ich sei jung, aber sooooo jung bin ich jetzt auch nimmer. Und ich hab einige Bekannte, die damit rum eiern. Oder verschlepptes Pfeiffersches? Angeblich hatte ich das mal, wurde von dem damals aufgesuchten Arzt allerdings als Simulant hingestellt, der nicht arbeiten will. Ich frage mich halt nur, warum ich mir jeden Scheiß einfange seit Jahren. Alle reiten immer alle auf der 'Du hast Stress Welle' rum. Ja, mag das seine dazu tun. Aber ich glaub nicht, dass ich mit Mitte zwanzig schon so viel Stress hatte. Und da ging das schon los. Eigentlich nach dem Pfeifferschen.“

Zugegeben, weniger konfus würde mich dieses Konglomerat an Steno Infos als Arzt auch nicht machen. Zumal, wenn ich eigentlich Auto fahre.

„Ich denke schon auch, dass das mit dem Gaba zam hängt, aber, des weglassen ist ja jetzt auch grad nicht die Super Idee“ werfe ich ein um das ganze wieder zu bremsen. „Nein, das möchte ich Ihnen im Moment jetzt auch ungern wegnehmen“. „Lieb von Ihnen.“ „Wie?“ „Nix, Blödsinn.“ „Also wir können schon mal Schilddrüse testen demnächst. So in ein, zwei Wochen. Ich glaube, da kommt nix raus aber…“ „Glaub ich auch nicht, würde es nur ungern verpassen, weil, wie gesagt, irgendwo muss der Schmarrn ja her kommen. Aber, das machen wir dann mal in ein, zwei Wochen. Ich wünsche Ihnen jetzt erst einmal einen schönen Feierabend und ein schönes Wochenende. Gute Fahrt noch.“ … „Danke. Und wenn Sie doch noch Unterstützung brauchen, melden Sie sich bitte jederzeit.“ „Mach ich.“

Ein richtiger Hausarzt. Vielleicht nehme ich nächstes Mal ein wenig Zimtöl mit und reibe seine Tastatur, seinen Stuhl damit ein, bevor er rein kommt. Dann wird das doch noch was mit der Überlagerung alter Erinnerungen in meinem Hirn.


Ich lege auf und denk mir: Vielleicht habe ich auch einfach ein sehr sozial engagiertes, weltoffenes Immunsystem, das Gäste beherbergt, die gewöhnlich in den höheren Altersetagen residieren. Oder Herr Blutdruck? Aber sag das mal einem Internisten, der kurz vor Wochenende eine nicht ganz unkritische, unglückliche Fehldiagnose fällt. Der gibt dann selbstverständlich Gas, wenn er ein Gewissen hat. Und das kann man diesem Arzt nicht abschreiben.


Ich weiß jetzt schon, dass ich in zwei Wochen nichts tun werde. Weil, beschließe ich, das ist einfach das Blabla, das ich seit Wochen reinpfeif. Und der Scheiß Virus. Und der sucht sich halt seine Reisezeiten und Ziele, wann wie und wo er will. Der schaut nicht in den Ausweis und sagt: *Oh, Sie sind noch nicht vollaltrig. Ich werd dann in paar Jahren wieder vorstellig.*

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
2020_Weihnachtszeit

Advent, kurz vor Weihnacht. Abends. Der Laternenmann Gerade gehe ich mit Sam noch eine kleine Abendrunde. Es ist kalt. Still. Zu still....

 
 
 

Kommentare


  • Facebook
  • Twitter
  • LinkedIn

©2022 MeinNameistnichtwichtig. Erstellt mit Wix.com

bottom of page