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- GM

- 21. Okt. 2020
- 4 Min. Lesezeit
Sonntag 25.10., nach Zeit Umstellung Gehe noch ohne Hunde raus. Brauch das jetzt. Ruhe. Für mich.
An der Arschbacke.
Ein beschwerlicher Aufstieg ist es bis zum letzten Sonnenfleck unter der goldgelben, alten Buche dort oben am Hang.
Ich bin in den Fängen der Sorgen und des Alltags.
Schreibe schon lange nicht mehr.
Habe Puls wie eine Oma. Pumpe. Sorge, der Virus bricht schon wieder aus. Sorge wegen der Arbeit. Weil so viel hintenrum, weil so viel unklar scheint. Sorge, dass alles wieder runter gefahren wird. Sorge, was werden wird.
Die viel gerühmte, mir nachgesagte Resilienz geht mir langsam flöten.
Sitze an der Arschbacke.
Bin am Arsch sozusagen.
Hehe. Ironie geht noch.
Das ist gut.
Ach so, die Arschbacke ist eine Senke zwischen zwei Anhöhen bei uns hier. Eigentlich müsste das hier Arschritze heißen. Wobei. Stimmt. Ich sitz jetzt auf der Backe der Ritze. … Versautes Gauting.
Derweil ich meinen rhetorischen Ergüssen folge. Grins. Wortspielerei.
Stille.
...
„Säijahünfläandefadehaaaank…“ Stimmen aus dem Off.
Was ist das denn für eine eigenartige Sprache, die da die Ritze hoch kriecht? Noch sehe ich niemand. Aber in meinem Kopf zeichnet sich das Bild von norwegischen Fjorden, bunten Holzhütten und viel Riedgras das sich im Winde wiegt. Wolken ziehen am endlosen Himmel entlang, die Weiten der Hochebenen wechseln mit endlosen Landschaften.
Dann tauchen sie tatsächlich auf. Fjäll Reven vom Scheitel bis zur Sohle. Das Paar zieht unter mir vorbei und mit ihm meine Gedanken.
Überall sind Pärchen unterwegs, denke ich. Und könnte mich gleich watschen. Was für ein undankbares Wesen ich bin. Der eigenartige Kauz, der Besitzer des Hundes bei mir daheim. Dem geht es wirklich dreckig. Was will ich eigentlich? Ich bin leidlich gesund, habe zwei leidliche Beine, sitze hier in der Sonne unter zwei wundeschönen, alten, knorrigen Buchen, und kann mich satt sehen. Farben tanken für den Winter. Der silberne Stamm, das orangegelbgoldene Laub leuchtet in den letzten Strahlen der Sonne. Die Buchen haben ordentlich Eckern geworfen in den letzten Jahren. Sie haben sich eine große Schar junger Sprösslinge zu ihren Füßen gezogen. Ein dichter, gelbgoldener Teppich zu ihren Füßen. Das ganze Land ist in ein Rosaorangelila getaucht, das jede Seele verzaubert und mitnimmt ins Pippi Langstrumpf Land.
Das was?
Oh, vielleicht erzähle ich euch irgendwann einmal von meiner Reise ins Pippi Langstrumpf Land. Lang ist es her.
... Die Stille ist zurück.
Zeit zieht ins Land.
...
Navi in der Landschaft Aus der Ritze tönt eine digitale Dame „Leicht/ rechts/ abbiegen“, dann erscheinen zwei Frauen. Eine vorne weg, der Arm ein verlängernder Selfiestick, die Nase vertieft ins Handydisplay navigiert sie links, rechts, richtet sich aus. Bleibt stehen. Der Arm mit Handy wie eine Kompassnadel ausgerichtet. Sie blickt sich um. Derweil die zweite von hinten aufläuft.
Sie gehen drei Meter vor, steuern links, um hundertachzig Grad zurück. Bleiben stehen.
Zwei läuft auf Eins auf. Eins richtet sich aus, dreht um.
Ein etwas konfuses Theaterstück dort unten. In der Ritze. Navigieren mit der Wanderapp, zu Fuß. Mitten im Niemandsland. Hat etwas skurriles.
Der verbissene Mountainbiker schnaubt seine inzwischen vierte Runde an ihnen vorbei. Sind wir schon wieder im Logdownmodus? Scheint fast. Ich bin neidisch. Mir fehlt es, mich auspowern zu können.
Irgendwo ein Husten. Voll viele, die hier rumhusten.
... Dann wird es wieder still. ...
Kopfkino Sitze weiter da. Hänge den Gedanken nach. Irgendwas stört meinen Frieden. *Alte, hör auf zu quitschen! So affig.* Mir ist schlagartig klar, es handelt sich hier um einen Hund, der hier bequitscht wird. Aber die Frequenz und die Taktung ist tödlich für meinen geduldigsten Nerv. *Quitsche, kommst du dir kein Tick doof vor? Eltern? Bringt ihr euren Schratzn bitte mal zwei Umdrehungen runter?* Ich bin grad minder tolerant. „Moiiiiibistisiiiisisbiiisbuziiifeiiiiiiiiinnnniiih!!!“, von unten. Irgendwo. Da unten. Aus den unsichtbaren Tiefen der Ritze. Hilfe!!!
Dann taucht sie auf. Um die Dreißig, tippe ich. Dicker Schal. Leggings. Schwänzchen. Also Pferdeschwänzen mein ich. Die typsiche 0815Muschi von heute. Niedlich halt. Einheitsbrei. Dass die Kerle heute ihre Mädels überhaupt noch auseinanderhalten können, denk ich bei mir. Dann dreht sie sich um und fängt wieder an zu flöten.
Ich
lache
mich krank!!!!!
Auf der Bildfläche links im Bild erscheint eine Hand. Zeigefinger und Daumen wie eine Pinzette gespitzt, eine winzige Leine haltend, am ausgestreckten Arm. Darunter propellert ein wutzlig kleines Bündel schwarzes Fell durch den Urwald niedergetrampelter Grashalme, die den Zwerg um Stockwerke überragen. Immer im Kreis. So weit das Leinchen eben reicht. Das ganze wird gefolgt von einem weißen Sneacker-/Sandaletten-/, einem undefinierbaren Schühchen an einem kakifarbenen Collegehöschen. Ihr wisst schon, diese komisch hässlichen Hosen, die unten eng anliegen um zu zeigen, dass ursprünglich mal ein schmaler Körper vorhanden war, nach oben lassen sie aber viel Raum zur Expansion der Körperfülle. Breitarschproduzentenhose. Unsexy, egal von wem getragen. Schwabbelhintern. JusoSUVFahrergeldarschhose… ich weiß nicht, wie ich dieses Hässlichkeit an Kleidungsstück sonst noch betiteln soll.
Zurück auf die Leinwand.
Es hüpft also das Bein ins Bild. Knie hoch, Füßchen vor! Dann hüpft der Rest hinterher. Immer im Kreis den zweihundert Gramm Nuttenfiffifußhupe hinterher, als hätte er eine ausgewachsenen Bullmastiff an der Leine.
Ein wenig mehr Männlichkeit bitte, Kerl! Ein Nü wenigstens.
Ich trau meinen Augen nicht! Was für ein Film reifes Schauspiel dort unten. Der Kerl, auch kurz vor den Dreißgern hüpft – Original Otto Walkes – überall dorthin, wo das kleine 200 Gramm Teil hinflummt. Aus meiner Warte will es dem unerträglichen Gequitsche seiner verzückten, frisch gebackenen Besitzerin entkommen.
Helikoptereltern beim Üben, scheißt es mir in den Kopf. Nicht nett.
Ah Wohltat. Jetzt geht es gerade aus. Stille. Für genau zwei Sekunden. Dann seilt sie sich wieder ab nach vorne, dreht sich in zehn Meter Entfernung um und bringt das arme Tierchen wieder zum Durchdrehen. Das muss aber auch gruslig sein. Stell dir mal vor, du bist so winzig. Gerade hier auf Marsland gelandet und überall in dem Urwald aus grünen Halmen, fängt sich der Schall ihrer Quitsche.
Es geht weiter.
Sie juchzt und jodelt.
Der Kerl wieder dem schwarzen Floh hinterher, als müsste er beim Eierlauf gewinnen.
Hey, ich amüsier mich. Herrlich.
Bitte, nicht aufhören.
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