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- GM

- 7. Nov. 2020
- 8 Min. Lesezeit
Samstag, 07.11.,
Ab ins grüne Land der Blumenkinder. Was tun in dieser Zeit, da sich die Welt auf den Kopf zu stellen scheint? Was tun gegen das Gefühl des Entwurzelt seins. Ohne Backuparme im Hintergrund die mich mal auffangen und wiegen?
Pragmatische Lösung? Habe mir eine Hängematte gekauft für fünf Euros. Auf Ebay. In Lindgrün. Wie meine Wand. Stelle gerade fest, dass mir noch ein Handseil fehlt, an dem ich mich immer wieder ins Schaukeln ziehen kann.
Laptop auf dem Schoß. Chillout Lounge trödelt im Hintergrund. Eines meiner liebsten Biedersteinlieder. Ich weiß jetzt nicht welches. Keines von den ganz melodramatischen. Gut so. Meine Hand greift wieder rechts nach unten, neben mir auf die Couch, um mich anzustoßen. Hihi. Schreiben im Schaukeln muss das Hirn auch erst einmal schaukeln. Läuft.
Die Endorphine im Hintergrund wirken. Seit langem huscht mir mal wieder ein ehrliches Lächeln über das Gesicht. Diesen Moment geht es mir gut. Wirklich gut. Mit mir. Die Hängematte wiegt von links nach rechts nach links nach… ich sollte mir die Chance lassen das, was in meinem Körper gerade passiert auch wahrzunehmen. Nicht weg zu tippen.
Ja, ich bin auf der Suche nach Drogen. Dem natürlichen Glückskick. Der Trance. Dem Beam me weg.
Körper, hilf mir. Wie war das? Wenn du Sinne ausschaltest werden die, die bleiben noch wacher? Noch stärker?
Ich schließe die Augen. Huiiii das ist wirklich intensiver. Die Matte schaukelt von rechts nach links. Statt zu atmen und es zuzulassen fange ich an, blind weiter zu schreiben: Derweoö ocj seotöocj woege scjaileöt ketut doe ;atte aicj mpcj vpr imd uir+cl- ;iötoemdprüjome----- oh, ja man muss schon mitgehen in diese Welt, in der anderes als die Augen wahrnehmen.
Blöd.
Weil ich bin jetzt wieder zurück in der Faktenwelt. Habe mich nicht fallen lassen in das Gefühl und vergessen, was mein augenfreies Ich zu Papier bringen wollte.
Die Welt um mich herum wankt inzwischen nur noch im Bereich der Einbildung oder der Hochsensiblen. Ich gehöre heute nicht zu diesen.
So stoße ich mich wieder ein wenig an, versuche die Finger im Hin und Her der Chilloutmatte wieder richtig auf der Tastatur zu positionieren und überlege, ob ich weiter verbuxelte Staben tüfteln will.
Ich könnte herausfinden, wer ich eben noch war. Bevor ich die Augenlider wieder aufgeschlagen habe. Meine linke Hand liegt nämlich immer noch mit dem kleinen Finger auf dem A. Nur rechts, da gab’s wohl einen Rechtsruck. Rutsch, Pardon. Um genau zu sein, eine Fingerbreite. In meinem Alphabet fehlt heute das H. Das U und das was auch immer. Das weißer Punkt eben, der mal ein Buchstabe war.
Vielleicht sollte ich mir mal einen weißen Lackstift holen und die Buchstaben auf der Tastatur nachmalen, bevor mir mit meinem Vergissmalschnellhirn eines Tages das Wissen um das Befinden des N’s verlustig gegangen ist.
*Hm... NÖ* so mein Hirn.
...
schaukel, schaukel
...
Buxstabeln verwechseln rückgängig machen heute? *HM... NÖ*. Ich glaub, ich hab heute keine Lust auf Defektiv spielen. Wird schon keine bahnbrechende Erkenntnis gewesen sein, die da durchs Wohnzimmer geschaukelt ist.
…
Es wird Zeit, das Kind zu schaukeln. …
*Mmmmmmm*, mein Befinden zieht eine unzufriedene Schnute, *glaub du hast dich heute schon wieder verkühlt.* *Scheibe*, denk ich, *da hast wahrscheinlich Recht, aber schön war’s mit ... äh… verflixt… wie heißt der? Glaub Alex.* Ja, war schön, eine Runde mit ihm spazieren zu wandern. Angenehm normaler Typ. Kein UgaugaGorilla.
Gutso.
Was ist dass denn mit diesem 'Gutso' in meinem Hirn heut. Dauert kommt *Gutso*. Hab ich jetzt einen Coach engagiert der mein Hirn programmieren soll? Der hockt jetzt im Server meines Erlebnishirns und beklickert mich oder was jetzt? Gutso, Leckerli?
Na Prost. Angekommen im Fremdbestimmt.
…
Es schaukelt sich schon wieder aus. …
Muss feststellen, es fehlt bei meiner Singlelösung für free endorphins halt doch wieder die zweite Hälfe. Jemand, der einen wieder anschubst. So, wie's zu Kindertagen war. Es schaukelt sich irgendwie zu schnell aus. Ich muss zu schnell wieder für mich selbst sorgen.
Meine Hand greift nach unten auf die Couch.
Oje! Life, das Lied des Abschieds. Der Tanz der fallenden Blätter. Diese Klänge, diese Schwingungen gehören jetzt nicht in diese Szene. Und das Handy liegt aber so was von genau hinter mir.
Määäähhhnoo, jetzt gibt es ein Gefühlsmix, den ich nie wollte. Vielleicht sollte ich einfach hinter mich greifen oder aus der Matte aufstehen.
Um zu sondieren, wo das kleine schwarze liegt, wende ich den Kopf nach links, sehe erst mich im Spiegel und dann mein neu erworbenes Uralt-Spinningbike mit seinen stylisch roten Leckerbändern.
Hm…, wäre ich Vikie würde ich mir jetzt die Nase reiben, aber seit Corona ist das ja ein NoGo. Probieren wir es ohne den geistigen Kickstarter weiter mit der kreativen Ader. Wie komme ich an mein Handy? Wie schaukel ich mich selbst? Hm…., die Leine vom Sammy dran hängen und dann könnt ich mich … bequemer immer wieder selbst anziehen. Das Bike müsste etwas schwerer sein als ich und so von meinem Schwerpunktgefühl her würde ich sagen, wenn ich vorsichtig bin, werfe ich das Ding auch nicht um.
Außerdem habe ich mich verkühlt. Fix. Mist. Glaub ich steh besser auf und mach mir noch einen heißen Ingwer.
Ich liege immer noch. Wiege mich und hab einfach kein Bock.
Warum verkühlt man sich eigentlich? Was macht einen denn dann krank in dem Fall? Das zu kalt gewesen kann ja nicht krank machen. Und das zu kalt ist ja auch nicht immer gleichbedeutend mit Viren oder Bakterien oder? Könnt ich googlen. Wär interessant.
*Googlen! Blödsinn. Ferngesteuerter Mensch du. Googlen. Wie wär’s, wenn du mal zwei Sekunden auf mich hörst, Menschenkind?*
*Wer spricht*, fragt es mich.
*Dein Körper, du Torfi.*
*Danke. Darum musst mich nicht Torfi nennen du immerkranke Kackbratze. Aber stimmt. Dich hab ich ja auch noch. Dann sprich.*
Tee, schießt es mir durch den Kopf. Tee ist nie verkehrt. Sollte nur nicht auf mir landen. Und viel schlafen zur Abwechselung mal. Und ich brauch andere Lieder. Ich mach mir die emotionale Aufladung der Biedersteinlieder grad kaputt. Die gehören zum gefühlsintensiven, aber positiven, kraftvollen Abschied. Zum Aufbruch. Nicht hier in die Hängematte.
Also aufstehen.
Los.
Sichern. Vorher.
Laptop rechts auf die Couch, Füße über die Kante klappen und plopp, fluppt die Gudrun aus dem grünen Land hervor.
Bin dann mal eben weg. Ab in die Küche. Bis gleich.
…
Zurück im grünen Land der Blumenkinder. Irgendwie unbequemer als zuvor. Aber, wieder drin. Habe mich entschieden, die Loungemusik weiter laufen zu lassen. Tee mit Blütenpollen, wertvoller Gesundheitsnektar ist auch in greifbarer Nähe. Aber, irgendwie liegt es sich wie Klappmatratze hier drin grad. Komisch. Vorher hatte ich mehr Fingerfreiheit. War gemütlicher.
Mattenpositionsanalysecheck: Was war anders? Mein linkes Bein lag mehr in der Matte, meine Bauchspeckerlfalten waren weniger merkbar und mir hat es das Laptop nicht so in die Miniaturwampe geschoben. Laptop wieder runter? Ne, bitte nicht.
Ich stemme die Hände in die Matte, versuche das Laptop auf dem Tablett auszubalancieren und rutsche in der Matte nach oben. Besser so.
Schreibtest: Nein, das ist es immer noch nicht. Vielleicht muss ich mehr nach links rücken. Nein. Das war es auch nicht.
Die Füße beide ausstrecken über der Faszienrolle? Besser.
Ich hab mich – Gottverreckter Mist – echt wieder verkühlt. Die Lösung? Nicht darauf fokussieren. Na dann, Unterbewusstsein, probieren wir das mal bis morgen.
Äh, ja.
Ich wollte eigentlich an meinen selbstgemachten Ingwer-Pollentee ran. Aber der befindet sich jetzt ein Stockwerk tiefer, auf der Ebene 'Arm zu kurz'.
Hm….? Erstmal das Manuskript sichern vor weiteren, akrobatischen Übungen. Ich strecke die Hand nach rechts. Der Regisseur der Szene meldet sich zu Wort: *Schreib vielleicht kurz noch auf, was du gerade denkst, während du dich so weit über den Rand streckst. Bevor du mitsamt deinem Laptop einen eingeschwungenen Hängemattenrittberger hinlegst.* Bilder im Kopf. Ich muss schmunzeln.
Nun muss ich aber wirklich an mein Gesundheitsgetränk heran. Mein linker Daumen sichert das Laptop auf dem Tablett, indem er fest von oben darauf drückt. Mein kleiner Finger hakt sich zur Gesamtkörpersicherung in der Hängematte ein und ich tariere den Schwerpunkt zwischen ausstreckendem rechten Arm und dem sich weit über seinen Mattenrand lehnenden Oberkörper Millimeter für Millimeter aus. Mein Mittelfinger erreicht als erstes den Tassenrand und bringt das farbenfrohe Gelbgetränk in der Tasse in leichte Schieflage. *Verschone meine graue Couch, Nektar, ich bitte dich.* Um ein Haar wär‘s soweit!
Ich lasse die Tasse noch einmal davon kommen, tariere mich über der Stoffkante noch einmal präziser aus und versuche es erneut.
Diesmal gelingt es dem fingernden Stinkerfinger, die Tasse ohne Zwischenfälle so weit in Schräglage zu bringen, dass der Diensthabende im motorischen Cortex den Daumen aufs Spielfeld schicken kann: Griff! Ziel! Der Rand ist in festen Fingern. Jetzt muss das Gut nur noch gehoben und näher am Geschehen geparkt werden. Auch das gelingt. Mission erfolgreich.
… Zeit geht ins Land.
…
Warum kommt denn schon wieder das Abschiedslied? Mein Steißbein fragt schon vorsichtig an, ob ich das mit dieser Hängematte wirklich so ernst meine. Zoster Senior mischt sich ein und gibt bekannt, auch er habe dazu etwas zu sagen.
*Wisst ihr was, ihr beiden?! Ihr könnt mich mal am Arsch lecken. Ich komme euch genau einen Hinternrutscher entgegen. Aber erst, erst, wenn ich einen Schluck Blütenpollen mit Ingwer in die Matte geholt habe.*
… Schlucke.
…
So ein Mist. Jetzt liegt das Handy aber wirklich haargenau hinter mir. Egal wie ich meine Arme verrenke, ob seitlich oder über Kopf. Mir fehlt immer genau der Faktor 'Azk'. Arm zu kurz.
Ich beginne, die Matte immer mehr ins Schaukeln zu bringen. Mein Plan wäre für den Moment, ausreichend Schwung zu bekommen, um mit einem gezielten Griff den Bordcomputer zu erwischen. Mehrmals taucht der schwarze Androide vor meinem Auge auf. Nie wage ich den Zugriff. Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist. Lass den Schmarrn Mädl, denk ich bei mir. Das Display is eh schon gebrochen. Und selbst, wenn du es erwischt, dann haut es dir die Tageslichtstehlampe beim zurück schaukeln unter Garantie aus den Händen.
Die Vernunft kann sich durchsetzen. Planänderung. Etwas langes muss her, um das Handy mehr nach rechts zu schieben. Ich schau unter mich. Das längste, was da liegt ist ein Strohhalm. Und, wie sollte es anders sein auf Faktorlänge Azk liegt eine Plastikbierflasche. Ein nicht aufgeräumtes Relikt aus der Tricktrainingrunde der Hunde. Meine Augen suchen nach einer anderen Lösung. Dann bleiben meine Augen an meinem neuen Singlespielzeug kleben. Nein, also... wirklich. Nein. Das ist so ein Kopfboy, so ein Kraulmirdenkopfdrahtspinnenpielzeug für einsame Köpfe. Hehe.
Während ich so über meinem McGiver Plan brüte, beginnt mein Körper in der Ansitzverpackung aus Decke und Skiunterwäsche zu braten. Der heiße Ingwer zeigt Wirkung.
Ich nehme noch einen Schluck.
Buäääää! Es schüttelt mich, verzieht mir das Gesicht. So wirklich lecker sind Blütenpollen nicht.
Dann unterbricht die Musik für einen fast unmerkbaren Moment. Ein klares Zeichen für: Sie haben eine Nachricht erhalten. Nun muss ich aber an mein Handy.
Wie komm ich jetzt an diesen seltsamen Schneebesen ran? Denn, auch der ist wieder die Faktorlänge zu weit weg. Ein Seil! Das auf der Couch liegt. Der genialste aller genialen McGiver Pläne wird in meiner Vorstellung plastisch: Mit dem Seil den Kopfboy angeln und mit seinen langen Fingern dann das Handy von der Ballustrade hinter mir auf die Couch schubsen und dann könnt ich ….
Übrigens. Ich koche immer noch. Und spiele Couch(w)girl. Grins.
Allerdings nicht sehr erfolgreich bisher.
Haaaaaaaheuljammerwimmer….
Ein Wurf und die Spinne dreht sich von sicherer Couchlage Richtung Absturz. Nichts von wegen in meine Richtung. Wurf zwei, sie dreht sich zurück. Die blöde Bierflasche, die mit ihr zusammenlehnt kämpft um ihren Verbündeten und hält den Boy am Griff fest. Wurf drei. Ganz vorsichtig. Das Seil rutscht ab, die Kracke rutscht die Couchecke hinunter.
Neeiiiiiin!
… und verfängt sich im Kabel des Laptops.
Das ist mal wieder Gudrun live, denk ich grinsend. Aber, hey, da komm ich sogar hin, wenn mich ein wenig aufrichte. Ich strecke mich, das Laptop rutscht, im selben Moment greift meine rechte Hand nach den Boy und versucht, das kippende Gesamtkonstrukt zeitgleich vor dem Absturz zu bewahren.
Fazit: Boy save!
Ich liege unentspannt schief. Aber egal.
Position sichern. Handy holen.
Aus der Matte aussteigen.
Ins Bett gehen.
Hätt ich jetzt theoretisch auch gleich machen können. Hätt ich aber weniger Spaß gehabt.
Bin müde. Guad Nacht.
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