023_2020. Das neue Normal. Weitere Tage
- GM

- 26. Nov. 2020
- 4 Min. Lesezeit
Sonntag, 09.11.2020
Meine Meisen sind gerade ordentlich düster drauf. Sie driften in die Gruftiszene ab, scheint mir. Suchen sich dunkle, tiefe Löcher. Meise Zappel ist gerade in einer hohen, schmalen, leider zerbrochenen Vase verschwunden. Warum ich kaputte Vasen in der Wohnung habe? Weil die kaputte Vase ein Relikt der kaputten Beziehung zu meinen verstorbenen Eltern ist und ich sie - immer noch - irgendwann kleben will. Meisen sind echte solche der Gattung 'Scheiß da nix, na foid da nix'. *Dein Ernst, Vogel? Weg fliegen ist nicht, wenn man Arm tief im Loch sitzt!* Ich sehe sie nicht mehr. Tief drin in der Röhre klopft es auf gebranntem Ton. Madame prüft die Statik? Höhlendisco für Meisen? Ich bin fasziniert und starre in das dunkle Loch. Da oben. Auf dem Regal. Technoparty inside. Hüpfhüpf, kleine Vogelkrallen patschen auf dem Ton. Es hallt aus dem Tunnel. Der Hall wird lauter. Und, da kommt er schon, der blaue Schöppel. Sitzt noch kurz auf der Terrasse vor der neuen Freizeitimmobilie und überlegt, ob sie kaufen soll. Ich versuche, das Objekt an die Frau zu bringen: Gefällt, die Dame? Ihre neue Wohnröhre wird die Männer blenden, glauben Sie mir. So dunkel smaragdgrün schillernd, wie das Objekt glasiert ist. Aber, Madame hört nicht zu. Sie hat schon die Vorgartenplanung im Kopf. Fliegt auf eine meiner Glasvasen, die neben ihrem neuen Grundstück stehen. Meine Erinnerungsvasen mit feinen Steinchen, feinstem Kies, gröbsten Sand aus den Pyrenäen.
Klong!
Bingbling!
Klock!
Werden die Steinchen kopfüber aus über Vogellänge Tiefe aus dem kaum drei Zentimeter messenden, schmalen Korpus herausgefischt, um sodann lautstark vor die neue Haustüre geworfen zu werden. Japanischer Dingdonggarten? Verstehe. Kleine Karrierefrau. Braucht was Repräsentatives. Was kommt als nächstes? Der Meisen SUV?
Und schon ist der Hausbau wieder Vergangenheit.
Unstetes Luder. Keine zwei Sekunden bei einer Sache bleiben kann sie. Schon muss sie wieder raus und nach Männern brüllen. Trotz Coronabeschränkungen. Eben eine 'scheiß da nix'.
Pieps, mein kleines Krüppelchen dagegen sucht meine Nähe und höppelt die ganze Zeit um mich auf der Couch herum .
...
Frrrrrrrrddd… etwas mehr als ein Lufthauch streicht an meiner Wange vorbei. Ich war wohl kurz im Land des Vergessens. Pieps propellert an mir vorbei und verschwindet im Käfig.
…
Oh, entschuldigt, ich war wohl kurz im Land der Meisen. Wohnungsbesichtigung mit Pieps. Pieps ist mehr so der Sicherheitsfanatiker was Wohnräume angeht. Martialisch ihr Geschmack. Sie hat seit einigen Tagen das mit einem Handtuch umwickelte Ablußrohr am Fleischerhaken bezogen. Das mit der griechischer Ziegenfellfüllung.
Dummerweise hat sie aber soeben beim Freigang die zusammengelegte Teppichrollenröhre auf dem Hundekennel entdeckt. Ist wohl angesteckt von der Hipsterbudensuche ihrer tyrannischen Kollegin.
Ich beobachte sie jetzt schon seit einigen Minuten. Das kleine Federtierchen mit seinem Hüpffuß. In der stahlgrauen Teppichrolle.
Hat einen Touch von Paradetribüne Kim Jon Ung, wenn sie da in ihrem martialischen James Bond Bunker aus Teppichgewebe, harten Knicken und Tonnen von Material sitzt und als winziger, golfballgroßer Kleks über die Kante nach unten auf ihre Gefolgschaft blickt.
Freitag, 27.11.2020
Weitere Tage nach dem Beginn des Endes einer Ära. Möglicherweise.
Bin verwirrt. So von der Grundidee her ist schusselig sein ja manchmal ganz nett, aber jetzt hab ich echt den Bock geschossen.
Die ganze Woche schon vergesse ich mein D3K2 zu nehmen. Da wird’s scheint bis Freitagabend mit der Hirnleistung auch nicht besser.
*Quod errat demunstrandum*, doktriniert gleich der Lateinklugscheißer aus meinem Langzeitgedächtnis. *Es scheint also wirklich etwas zu bewirken.* Wie er darauf kommt, werde ich gleich erklären.
Nun.
Ich wollt es nehmen. Gerade eben. Das D wie denken, Kind!!! Zwischen Fußteeherstellung und tausend unfertigen Aufgaben auf dem Schreibtisch. Wollt ich eben schnell... An dem Schreibtisch saß ich gerade noch. Aber dann begann es, mich zu frösteln. Naja, was soll ich sagen, …
Unwohlsein führt auch bei mir manchmal zu Verhaltensänderungen. Und diese war nachhaltig.
Gehen wir mal hinein in die Situation.
Ich stehe also auf und begebe mich in die Küche. Stelle den Wasserkocher auf. Greife die Plastikwanne, stelle sie auf die Anrichte. Das Wasser fängt schon an, gesprächig zu werden. Irgendwas fehlt.
Ja! Der Ingwer.
Wo ist der?
Im Küchenschrank.
Schrank auf, Packung raus. Dabei fällt mein Blick auf das vermaledeite Schachterl. Sofort knipst mein Hirn ein scharfes Bild auf meine Netzhaut. Das wird über meinen Sehnerv in mein Erinnerungsvermögen geschossen. Kinderleicht: Memorie. Flascherl - such - Flascherl. Die richtige Karte aufgedeckt, Verknüpfung läuft: Mensch, Mädl, jetzt hast die ganze Woche vergessen, dein Vitamin D zu nehmen! Der Ingwer noch in der Hand. Das Wasser meldet, es will den Sieder verlassen. Bitte.
Multitasking.
Ich?!
Bin keine typische Frau. Schon gar nicht, wenn so viele, offene Baustellen auf einmal hier schreien.
Was zuerst?
Ingwer einrollen, wegstellen.
Was zu zweit?
Brille weg von den Augen. Auf dem Kopf parken.
Drittens?
Fläschchen nehmen, Pipette raus, die offene Flasche verbleibt in der linken Hand. Unüberlegt. Dieser Vorgang. Irgendwas klemmt gedanklich, aber ich gehe drüber weg.
Ich beginne den Kopf zu neigen, um den Tropfen gelbes Gold auf meine Zunge zu träufeln.
Die Brille rutscht. Was macht der logische Menschenverstand, derweil der Kopf sich weiter neigt?
? ja?
Na klar, er hält die völlig überteuerte Brille fest und bewahrt sie vor dem Absturz.
Das brötchenleere Hirn neigt sich derweil weiter seinem Schicksal entgegen. Fokussiert auf den einen Tropfen Hirnschmalz.
Es pritschelt.
Ohr ruft Hirnzentrale:
"Tut! ..."
Pritschel …
"Tut! ..."
… Pritschel ...
Piep! Der Anrufbeantworter geht ran. Das linke Ohr meldet: „Du, … da pritschelt was. Glaube, das ist blödes Pritscheln. Da läuft was aus."
Aber in der Dienststelle ist schon Feierabend. Klar, Freitag, siebzehn Uhr vierzig, da arbeitet keiner mehr im Staatsdienst. Da wird der Stift um drei Uhr weg gelegt.
Die Pforte ist besetzt. Hat Notdienst. Aber, bis die sich ins Büro schaltet um den Anruf abzuhören und das Reserveaggregat Hirnleistung anschmeißt, ist die komplette Flasche sündteures D3K2 schon ölig über dem Küchenboden verteilt.
Hm. Das war jetzt die Kategorie Sinnfrei. War das.
Mit dem Putzlumpen in der Hand kommt mir der überfliegende Geistesblitz des Jahrhunderts: Ich könnte natürlich die Küche abdunkeln und für die nächsten zwölf Monate alle drei Tage an meinem Küchenboden nippen.
Ach ja, manchmal muss man mit Blödheit schon gesegnet sein.
Sonntag, 28.11.2020, abends. Hängematte.
Kopf ist leer.
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