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025_2020. Das neue Normal. Weitere Tage

  • Autorenbild: GM
    GM
  • 18. Dez. 2020
  • 5 Min. Lesezeit

18.12.2020, zwei Tage schon im nächsten Volllockdown


Flötzinger, formaly known as Der Laternenmann Downknock. Downlock. Lockdown. Knockdown. Fühlt sich langsam alles gleich an. Die Straßen sind leer. Es ist abends. Nicht Nacht. Aber dunkel. Innen und außen. Wir sind auf dem Rückweg. Wir, das sind Sammy, mein Karmaprojekt, Flohsack und Milbenschleuder. Sammy. Der Hund. Der Hund aus dem Brand. Der Hund meines ehemaligen Kunden. Eine lange Geschichte. Vielleicht hätte ich davon berichten sollen. Aber es kam mir bisher falsch vor aus dem Leid zweier Wesen möglicherweise Profit oder Bekanntheit zu schlagen. Wer nichts sagt, kann nicht zu viel verraten. Und, was von all dem jemals für öffentliche Augen, für öffentliche Ohren bestimmt sein soll ist ja nicht meine Entscheidung. Also. Sammy ist ein Hund. Ein ohnehin schwieriger Hund, jetzt noch dazu schwer traumatisiert. Von wo auch immer zu mir geschickt. Als mein Lehrmeister.

Letzte Woche war ganz schlimm. Ein Rückfall auf fast Null seit Tag x, da Sammy zu mir kam. Darum sind wir vermehrt wieder abends im Dunkeln unterwegs. Heute geht ganz gut.

Sammy zögert sich neben mir die Hauptstraße entlang. Alles Geister. Die Lichter der Autos. Eine Energie, die ich nicht fassen kann verfolgt ihn in den letzten Tagen. Auch jetzt. Er blickt sich ständig um. Nach oben. «Sammy. Ach, welche Geister folgen dir? Welche Streiche spielt dir dein Hirn?» Manchmal wünschte ich, ich könnte mehr als nur ansatzweise Spüren. Sehen. *Sammy, ich erkenne sie nicht. Die Geister, die dich plagen.* Trotzdem, wir sind schon wieder auf dem aufsteigenden Ast. Ich muss nur umsichtig sein. Ein Mann kommt von vorne den schmalen Gehweg entlang. Schnell. Ruhe ausstrahlen, eine Ausflucht zur Seite suchen, Gesicht zu der Person positionieren und ihm Körperkontakt geben. Geht. Er sackt ein wenig in sich, der buschige Schwanz verschwindet fast in der Kontur seiner Hinterhand, aber… es geht. Das hatten wir schon viel dramatischer diese Woche. Von hinten auflaufen darf im Moment niemand. Das ist anstrengend. Die Augen immer und überall. Die Ohren einer Fledermaus. Antennen eines Echolots in jede Perspektive des Raums. Entspanntes Spazieren gehen ist anders. Und wehe, mich verlässt die innere Ruhe, wehe ich gerade aus dem inneren Lot. Sofort bricht er zusammen. «Wie soll ich dir Lot sein Sammy, wenn ich doch schon strauchle.» Mir wird wieder einmal klar, wie viel von meiner Kraft, von meiner Energie in dieses Tier fließen muss. Fluch und Segen zugleich. Das Karma hat mir eine Aufgabe gegeben. Und das ist nur indirekt dieser Hund. Es ist die Aufgabe, eine untrügbare, eine ehrliche Klarheit über meinen innersten Stand zu erlangen.

Sam, der englische Energiestaubsauger? Nur, wenn ich es zulasse. Mich nicht aufrichte. Hängen bleibe. Mir selbst den Stecker ziehe.


Wir sind inzwischen einige Meter weiter. Im Trott. Es ist so still seit dieser Woche. So wenig Menschen auf der Straße. Mein Blick fällt auf die Neubauten neben der alten Druckerei. Dort hinten, dort, wo es jetzt hinunter geht in die moderne Tiefgarage, dort ging es – damals hinein in die Messiwerkstatt. Hätte M. gesagt. M. wie meine Vergangenheit. M. wie Mann. Ihr habt ja schonmal von ihm gelesen. Meine Vergangenheit, die dort immer zu finden war. Arbeitend. Eingezeckt. Untergemietet. Ja, diese alte, runtergekommene Autowerkstatt mit dem blonden Hünen, der immer auf 200 Touren lief, das war ein Teil von mir. Ein sehr großer Teil von mir. Wie oft bin ich dort hinter gegangen, an den parkenden Wägen entlang, den Rostlauben und Werkstattleichen. Wie oft war Freude, wie oft aber auch das Gefühl von klein, abhängig, beäugt dabei.

Nicht mehr da die Vergangenheit. Komisches Gefühl.


Ich laufe weiter. Als liefe ich vor den Bildern in meinem Inneren davon. Vor zu viel Realität die mich auf dieser Phantasiereise bis dort hinten wieder einholen könnte. Zuviel Fühlen. Meine best trainierte Überlebensstrategie für solche Fälle? Wegrennen.


Mein Handy pingt. Kundin schickt Bilder von ihren Kindern mit Hund aus dem tiefsten Schnee der Berge. Ein Stück heile Welt im Dunkeln. Auf der Flucht vor zu viel Fühlen. Nur, dieses heile Welt war genau das Gefühl, das ich mit ihm, M., dem Menschen, dem blonden Hünen erleben durfte. Ja Himmel! Reiß dich zam! Jammertal du. Nimm einfach an, was war und schau, was kommen wird. Kann ja nicht wahr sein. Manchmal muss man sich eben selbst in den Arsch treten.


Schritte. Angehaltene Luft. Du kannst atmen, Mädl. Ich atme.


Bin wieder hier. Im Jetzt.

Es ist dämmrig. Fast dunkel. Laufe noch immer. Die Straße entlang. Sammy folgt. Verfolgt von seinen eigenen Geistern.


Weit vor mir schröddelt ein Schiebebügelwagen. Gezogen von einem undefinierbar alten, undefinierbar männlichen Wesen. Der Lauf. Mir ungewohnt vertraut. Unstimmigkeit in meinem Kopf. Eigenartige Szene.

Mein Gefühl wandert auf der Bordsteinkante der Emotionen. Oben Mitgefühl, unten Fremdschämen. Mitgefühl? Weil dieser Mensch sich mühen muss irgendetwas schweres zu ziehen? Gewöhnlich nehmen Bewohner dieses Ortes in solchen Fällen den dicken SUV aus der Garage. So laufen wir eine kurze Ewigkeit hintereinander her. Er, keine zwanzig Meter vor mir auf der anderen Straßenseite, stellt unbeholfen und mühsam das Wägelchen mit der schweren, klappernden Last gerade zum Bordstein. Das Ding hakt und bockt. Er wirkt wacklig. Dann verharrt er wartend am Straßenrand. Möchte er zur Polizei? Ist er der berühmte Irre, der seine Zahnbürste hinter sich herzieht? Was fährt denn er da spazieren? Das Fremdschämen zieht mich auf den Asphalt. Auch ich wende mich um, die vorbei fahrenden Autos abzuwarten.


Er wechselt vor mir die Straßenseite. Jetzt erkenne ich ihn. Es ist der Laternenmann aus der zwei. Eigenartiger Kauz. Das letzte Auto fährt an mir vorbei. Dann betrete auch ich die Fahrbahn. Den Blick stets bei ihm. Wie damals. Vergangene Weihnacht. … Vergangene Weihnacht…, da war was... denk ich und in Gedanken zu ihm: *Hey du, da vorn?! Bist du mein Geist meiner vergangenen Weihnachten?*


Ich sehe ihn und sehe mich. In dieser neuen Zeit auf mich alleine gestellt. Ich habe Achtung vor dem, was er tut. Mag er aus dem Haus der Irren sein, mag er ein komischer Kauz sein. Aber er hat einen Schatz, den nicht viele verstehen.

Ich verstehe ihn. Wir sind uns ähnlich.

Nur er, er ist mutiger. Oder verrückter.

… gehört das nicht zusammen?


Er ist pragmatisch. Er tut, was er tut. Klar, was machst du, wenn du allein bist und eine Kiste Getränke nachhause bringen willst? Ohne Auto. Ohne Freunde mit SUV? *Du bist ein interessanter Kauz, Kauz. Respekt. Mit einer Sackkarre wärst du schon etwas weniger auffällig unterwegs.* *Vielleicht geht’s ihm ja einfach völlig am Arsch vorbei, ob er auffällt. Darüber schon einmal nachgedacht?* der Rebell in mir erklärt sich – gegen mich – solidarisch mit ihm.


Sam und ich haben das schröddelnde Gespann fast erreicht. Schnell geht das nicht da vorne. Es wirkt ein wenig mühsam und vorsichtig. Als müsse er darauf achten, dass nichts zu Bruch geht. Unbeholfen das Bild.

Die Karre rot, der Kasten rot. Darauf in weißer Schrift: Flötzinger.

Verstehe. *Hallo Flötzinger. Dieses Jahr keine Laterne? Andere Weihnacht? Bist du dies Jahr mein einsamer Flötzinger, der Weihnacht in seinem Wohnblock mit Bier ersäuft?* rufe ich ihm im Stillen zu. Dann biegt er ab. Zum Eingang. *Prost, Flötzinger! Schöne einsame Weihnacht, Flötzinger. Bin dabei, Flötzinger. Da drüben. Schau, Flötzinger! Gegenüber von dir. Zweiter Stock, Flötzinger*, in Gedanken. Dann biegen auch wir ab. Nach Hause. Sam und ich.

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