026_2020. Das neue Normal. Weitere Tage
- GM

- 19. Dez. 2020
- 12 Min. Lesezeit
19.12.2020, angekommen im Volllockdown zwei Fake Flötzinger *Hey Flötzinger. Auch schon wieder unterwegs?* Das Flötzinger heute früh aus Hausnummer 8 kommt entgeht meinem Amok laufenden Gedankenkarussell völlig. Er biegt dort vorne, vor mir auf den Gehweg ein. Oben Stock geschluckt, unten stakst er in ziemlich großen, schwarzen Lederhalbschuhen den Charly Chaplinlatsch. *Du Storch*, schmunzle ich, *Bissl g’schaftig heut? Heyeyey… wer ist denn heute hinter dir her?* Sein Schritt erinnert mich an eine, in einen knielangen Röhrenrock gepresste Sekretärin aus den Fünfzigern. Sticks Stacks Sticks Stacks. Ungewohnte Hektik versprüht er heute.
Sam bleibt wieder einmal an irgendeinem Geruch hängen wie ein Block und dreht mich mit einem Ruck aus meinen Gedanken. Den irgendwie unstimmigen Flötzinger verliere ich somit aus meinem Blick. Eben noch bog er nach rechts ab, die Postwiese entlang. Ungewöhnlich zackig, hektisch und unbeschwingt sein Schritt heute. So kenne ich ihn nicht. Finde den Fehler Bilder, kennt ihr die noch? Oh hab ich die geliebt. Detektiv sein.
Endlich. Sammy hat fertig. Wir können.
Kaum wende ich mich wieder Richtung Postwiese, da kommt der unstimmige Flötzinger wieder zurück. Mitsamt seinem 'Finde den Fehler im Bild'. Immer noch hektisch. Was ist er denn heute so konfus? Dreht er jetzt auch durch? An der Straßenkreuzung zur Postwiese wirkt er kurz orientierungslos. Dann patscht er auf seinen ausgedrehten Plattfüßen, in seiner überweiten, überlangen Stoffhose Richtung Sammys Morgentoilette. Was ist das für eine eigenartige Hose. Die gesuchte Unstimmigkeit im Bild? Parker mit Pelz oben. Irgendwas passt nicht. Seltsames Bild.
Weg ist er.
Ich schüttle mich unbewusst: *Unstimmig heute.* Sam stoppt und lutscht sich an der nächsten Hundebotschaft fest. Ich laufe in Gedanken dem Bild hinterher. *Stimmt! Die Schlafmütze mit Bommel, die fehlt! Das passt nicht.*
Und da kommt er auch schon wieder. Quert vor mir die Straße. Knopf im Ohr. Unterhält sich. Das alleine sind zwei weitere Unstimmigkeiten. Erstens: Kommt wieder und wieder. Zweitens: Unterhält sich. Das Gesicht. Dreitagebart. Fehler Nummer drei und vier. Nein! Das ist nicht Flötzinger. Das ist der Kerl aus Hausnummer 8, der im Herbst seinem 500 Gramm Mastiff hinterher gehüpft ist. Die Arschbacke hoch und runter. Frappierend.
Abends, mit dem neuen Laptop auf dem Schoß Habe beschlossen, es ist Zeit, mal wieder Mensch zu werden. Die Flamme vor mir erstickt gerade in ihrem eigenen Wachs. Hinter mir Buddha Chillout Sound aus den Boxen.
Flamme retten oder schreiben?
Blau angelaufen sind zwei Drittel der Flamme. Das Feuer säuft ab. Nur der orangene Spitz des Dochtes hält weiter wacker ein winziges helles Licht.
Nein, jetzt muss ich eingreifen.
Ich greife nach der schönen dicken Kerze. Ein wunderschönes rundes Becken flüssigen Wachses hat sich gebildet. Fest umrahmt von einem ebenmäßigen, flachen Wall.
Symmetrie und Ruhe.
Dinge, die mir gerade guttun. Ordnung. Im Kleinen.
Ich greife die Kerze, um den Docht vom ihn erstickenden, heißen Wachs zu befreien. Nur die Berührung der Kerze lässt die Flamme wieder zu einem hellen, großen Licht erstrahlen. Never change... Ich ziehe mich zurück, um die Finger erneut über die smoothe Tastatur fliegen zu lassen. Langsam gewöhnen sie sich an den neuen Anschlag.
Als ich erneut aufblicke erstickt das beruhigende Licht schon wieder. Blau angelaufen bis unter die Spitze schreit es ungehört nach meiner Rettung. Ich greife erneut nach der Kerze. Erneut reicht allein meine Berührung, dem Licht neue Kraft zu verschaffen. Hell, fast grell leuchtet es. Aber diesmal werde ich die Flamme retten. Wohin mit dem, was zu viel ist?
Neben der Kerze steht eine multifunktionale Rolle Zellstoff. Lassen wir das so stehen, ok? Tempos waren nicht greifbar und ich wollte auf meine Couch. Und einen Räucherstäbchenhalter habe ich auch …. irgendwo. Wenn überhaupt noch. Drum. ... Ok, Mann. Bei mir steht gerade eine Klopapierrolle auf dem schiefen Couchtisch. So, jetzt wisst ihr's.
Weil ich jetzt räuchern will.
Ich muss nur vorsichtig sein. Meine gefiederten Geistwesen dort drüben in ihren Schlafhöhlen sind sehr sensibel gegen Räucherwerk aller Art. Mehr als drei Millimeter Räucherwerk wage ich nicht mehr zu entzünden. Und selbst dann habe ich Sorge, sie mit den Chakrabotschaften vom Land der süßen Träume ins Land jenseits des Regenbogens zu schicken. Ok … damals war es ein Räucherwerk der besonderen Art. Trotzdem. Das heute soll wohl eher die Eloquenz und Kommunikationsfähigkeit fördern. Den inneren Frieden geben. Wenn man an sowas glaubt. Mein Pieps glaubt dran. Der wäre mir vor zwei Jahren fast hops gegangen. Die Geschichte von Pieps und warum ich seit bestimmt zwei Jahren kein Räucherwerk mehr in der Wohnung verbrenne erzähle ich euch vielleicht am Ende noch. Muss ich erstmal die Beutel suchen. Ich weiß noch, es war spooky, aber die Ironie der Geschichte erschließt sich erst so richtig mit dem 'Klappentext' auf dem Räucherwerk. Und des weiß ich grad nimmer.
Huuuuhww. Au!
Mein Rücken schiebt wieder. Gleitzeit im Rücken. Sozusagen. Sammy hat Schaltwirbel. Da will ich nicht nachstehen. Ich dachte Gleitwirbel können dagegen halten. Rein sprachlich. Und passen tut's auch.
Die Mukke ist gut. Muss ich mir merken. Gefällt mir. Der Titel grad, Sugar ans spice, der ist – Verzeihung – bissl für’n Arsch jetzt. Was heißt eigentlich spice. Soll ich googlen? Hmpffff. Ach nein. Besser ein neuer Titel. Breath. Versprach mehr, der Titel. Aber so Frauengesäuselsingsang brauch ich genauso wenig jetzt. Nein, nicht. Eigentlich höre ich ohnehin am liebsten Instrumental. Macht mir meinen Flow, meine Gedankentrance nicht kaputt.
Huuuuhww. Au!
Mein Rücken wird es mir nicht danken fürchte ich. Mein Schreibtischberg an 'Du tu's' auch nicht. Aber ich gebe zu, ich genieße es gerade mal wieder hier zu sitzen.
In meiner geliebten Dancehose. Gemütlichhose. Ab heute offizielle Schreibhose. Biedersteinhose. Gönn dir was Hose.
Lass los Hose.
Ich atme ein. Ich atme aus. Habe heute mal wieder den körpereigenen Naturdrogenschrank geöffnet. Gestern abends schon. Heute Mittag gleich nochmal. Kommt man schnell wieder rein in den körpereigenen Kick-off. Selbsthypnose. Bewusstes Atmen. Wie auch immer. Runterfahren auf Null. Habe mir neue Drogen rausgenommen heute Mittag aus der Asservatenkammer. Die Dinger waren – meine ich – ziemlich gut. War paarmal richtig weg. Und seither kann sich mein Brustkorb wieder heben. Wo auch immer ich war, ich habe wohl die gesammelten Einkäufe meines Lebens aufs Kassenband gelegt und vorläufig liegen lassen. Keine Ahnung. War ja phasenweise nicht online. Nicht dabei. Jedenfalls ist mein Brust-Korb nicht mehr so überfrachtet. Lässt sich deutlich leichter heben.
Ja, Naturprallheit hat aber auch ihre Nebenwirkungen.
Das Zwerchfell hat vorläufig Freigang, mein Bauch fühlt sich dafür an wie aufkommende Magenschmerzen. Aufregung fühlt sich auch so an. Zuviel Sorgen auch. Manchmal aber eben auch, wenn die Wirbel sich zu sehr mit den Nerven beschäftigen, die eigentlich nur aus ihren Kanälchen austreten wollen. Grenzen dicht? Verbohrte Faszien, die nichts und niemand ohne Coronatest durchlassen? Ach was weiß denn ich. Jedenfalls muss ich mich jetzt gerade hinsetzen. In der Couch fletzen ist Bullshit grad.
Ich setze mich zurecht. Ein weiteres Kissen in den Rücken.
Oh, das fühlt sich besser an. Also. Beruhig dich du Katastrophenhuhn von Körper.
Ich vermute ja, die gesammelte Muskelschaft des Wirbelbereiches zwischen Brustwirbelsäule und runtergerobbtem Lendenwirbel-Steißbeinspalt hat sich während meiner 'Abstinenz' heute Mittag mit dem Betriebsrat zusammengetan. Nur, damit sie ihre verbissenen Vorsätze, die mir in den letzten zwei Wochen das Leben oft so taub gemacht haben endlich durchgesetzt bekommen. Ihre Gleitzeit wieder zu bekommen. Jetzt nutzen sie ihre zurückgewonnen fuking Gleitzeit alle zeitgleich. Da wird’s dann hie und da dünn an der Basis. Leidet dann das ganze Unternehmen.
So wie das heut Mittag gekracht hat da hinten drin ist einiges im Umbruch. Negativisten würden sagen 'im Argen'.
Hoooohhhhhh, saaag ma! Nu is gut!
Ich hab sowas von keine Lust, diesen wirbelnden Körpern da hinten nachzugeben. Und warum sie jetzt auch noch den Ischias ins Boot holen müssen … Als hätten wir alle zusammen im Lockdown zwei nicht schon genug mit dem durchdrehenden Kopf zu tun. Aber nein, er macht auch noch die Muskeln verrückt, bis sie starr, handlungsunfähig und krampfig an allem festhalten, was sie gerade um sich herum finden.
Was für ein Gejammer aus den Boxen! Chillout? Das ist doch niemals Chillout. Das ist aber eher Outgechillt. Hilfe! Ohne Witz, das ist doch eine Verarsche. Ein Sound wie Omas Kuckucksuhr an der Wand: Tick-Tack- Tic. Begleitet von einem eigenartig leiernden 'Karlson vom Dach kommt geflogen' Geräusch. Gekrönt vom weiblichen Durchschnittsstimmchen. Ein Gejammer! Hilfe! Und sie jault: «Sie ist einfach wunderbar mit Augen wie Perlen und lockigem Haar berührt sein Herz im Vorübergehen ...» Meine Fresse! Wenn mir einer sowas schreiben würde, ich würde eine Rolle rückwärts vom Restaurantstuhl machen und im geschmeidigen Skorpionwalk - ihn keine Sekunde aus dem Blick lassend - rückwärts zur Tür hinaus echsen. Modus Notwehr stets aktiviert. Statt der Rechnung käme der Scheidungsantrag noch vor dem Heiratsantrag.
Lasst mich raus aus diesem Horrorfilm!
Wer produziert denn so ein Gejaule? Selbstfinanziert? Selbstfinanziert! Sonnenklar.
Weg damit, bloß weg damit! Ich wende mich nach rechts hinten zum Ladegerät. Irgendwo hier muss mein Handy sein. Sie malträtiert meine Ohren weiter: « … er versucht zu sprechen…». *Naja, denk dir nichts Kerl! Bei dem Gejaule, da stockt wirklich jedem die Stimme.* Handykopf drücken. Bildschirm poppt auf. Wischen. Aus dem Lautsprecher bettelt das Durchschnittsstimmchen noch: «… nur eine Sekundhääääääää, eine Stunddhäääää, ein ganzes Leben laaaaaaaahhhhng» *Ne Alte, bei aller Liebe! Wirklich nicht!* Pfeil rechts. Drück! Weg!
*Zurück mit dir in deine digitale Welt aus tausend und einer Null!* Nächstes Lied.
Der Text hier vor mir auf dem Bildschirm erinnert mich mit der aktivierten Rechtschreibfunktion langsam an so einen thailändischen Hochgebirgsbus oder LKW. Die sehen auch oft so aus. Bunt. Von oben bis unten ein buntes Kunstwerk. Blau. Doppelt unterstrichen. Rote Ringel. Blau unterpunktet. Da muss es doch noch andere Fehler geben, die man machen kann, damit das hier noch bunter wird. *Kindskopf!* lach ich mich an.
Moment. Das Telefon klingelt. Kundin ruft an. Ich mag jetzt nicht. Darf ich doch, oder? Es ist Samstag abends. Muss ich immer helfen wollen? Nein.
Die Telefonmelodie will nicht enden. Meine Finger ruhen auf den Tasten. Die Wenns und Abers in meinem Kopf hüpfen zur Tafel, zücken die Kreide und fangen fleißig an Punkte zu sammeln. Einige Töne lang beobachte ich ihr Treiben. *Kinder, was soll ich noch tun mit euch, damit ihr endlich aufhört im Könnte, Würde und Wenn dieses Kopfes zu leben? Ja, die Anruferin könnte euch gefragt haben wollen, ob ihr ihren Hund nehmen könnt, weil sie jetzt beide positiv getestet sind. Und ja, es könnte sein, dass sie euch zutexten hätte wollen. Aber ihr werdet nach wie vor nie eine Antwort auf all eure Wenns und Abers erfahren, wenn ihr eure Tafel immer nur mit Eventualitäten vollschmiert, statt zu handeln.*
Was bin ich doch manchmal für ein Klugscheißkind. Da hinten. Aus der letzten Reihe!
Klären, was sie wollte, das kann ich auch später noch. Jetzt tippe ich hier erst einmal und versuche aus diesem Text einen bunten, tibetanischen Hochgebirgsbus zu machen. Der uns über diese beschissenen Berge trägt. Was fehlt denn noch? Grün. Und Gelb. Und Lila. Lila fehlt auch noch.
Daser8Minuten[GM1] asdfkaermi9 ui9e588 dfasdfasdfasdfasdfasdfddsaffdfdffffffff hm, asdf
Ich fürchte, Word ist nicht so kreativ wie ich. Das mit der bunten Bergziege wird nix. Nicht so, wie ich das wollte.
… Hunger. …
… Immer noch Hunger. Aber wenn ich jetzt aufstehe, ist vorbei mit Schreiben. …
Hunger.
Frau mit Stil Ich blicke auf, nach links, in meinen mannshohen Selbstkritikspiegel im Wohnzimmer. Mein stummer Trainingscoach. Fazit? Laptoplicht von unten ist nicht förderlich. Für nichts. Nein, ich erfreue mich durchaus nicht an dem, was sich hier den Weg ins Licht bahnt.
Meine Fresse! Hab ich derart böse Stirngrübelfalten?!
So ein kleines Hinterzimmer-Botoxspritzchen würde ich jetzt unter Umständen nicht ausschlagen, schießt es mir durch den Kopf. Das war eine Geschichte damals. Würde mir keiner glauben, wenn ich das erzähle. Frau von Herrn Imperium hatte einen Laden. Und einen Hund. Den sollte ich trainieren, damit er den glattgebügelten Damen der oberen Schichten nicht vor lauter Begrüßungsfreude regelmäßig hässlich rote Kratzer zufügt.
Ich steh da also im Laden und sehe mich um. Ja, wo können wir denn das Riesenvieh hin packen, damit die Damen ungestört ihrem Shoppingerlebnis nachgehen können. Im Idealfall ohne von so einem rustikalen Bauernköter im Schritt beschnüffelt zu werden?
Die Suche führt mich -unbedachtes Kind ich - in ein kleines Kabuff im hinteren Bereich des Ladens, derweil vorne meine Kundin, hier Chefin, mit wiederum einer ihrer Kundin spricht.
Beklemmend skurrile Atmosphäre hier. Eine Mischung aus privater Nachschminkecke, Kaffeeküche, Garderobe für Angestellte und ... Wo bin ich denn hier gelandet?! Das riecht ja schwer nach illegal hier. Am Fenster ein Behälter mit lauter benutzten Nadeln! Jesus christ! Und wo ist die schwarze Glasplatte? Salopp und unbekümmert wie ich gern bin in solchen Momenten, frage ich mit meinem furztrocken, schwarzen Humor die gerade etwas unentspannt wirkende Chefin: "Was spritzt ihr euch denn hier im Hinterstübchen? Sag besser nix, wenn ich dann den Laden hier mit den Füßen voraus verlassen müsste. Ich hab auch nix gesehen». Ich lache. Natürlich meine ich das nicht ernst. «Nein, nein!», beteuert sie. Sie wirkt ein wenig konfus. «Aber», sie greift mir mit ihren abgefahren langen Designerkrallen an den Arm. «Nein, aber … das muss jetzt auch nicht. Ich kenn eine (Anmerkung der Redaktion, Berufsgruppe wird gepixelt), die kommt einmal in der Woche für meine Kundinnen und … aber alles total hygienisch, also, die weiß schon was sie macht, aber … das muss nicht… gell?!» «Iiiiich hab nix gehört. Keine Sorge.», erwidere ich und lächle einseitig.
Ich fühle mich groß gerade. So viel Geld und ich habe das Ruder in der Hand. In dem Moment betritt die Freundin des Hauses, ihres Zeichens Berufsgruppe ungenannt ihre scheinbar nicht blütenreine Brötchenbäckerei. Das verdreckte Arbeitsklamotten tragende Trainerchen wird kurz gemustert. Nach einem krampfigen Versuch meiner Kundin mich als vertrauenswürdig vorzustellen, taxiert mich die junge, nach Geld strebende Dame irritiert. Ihr Bauchgefühl scheint ihr zuzuflüstern, sie möge sich doch kurz einmal zusammenreißen dieses androgyne Nichtweibchen nicht zu herablassend zu behandeln. Scheinbar habe ich hier soeben den Stauts eines potentiellen Whistleblower erlangt. *Arme Frau. Entspann dich. Du bist mir doch völlig wurscht. Toxt euch doch wo, mit wen und wann ihr wollt. Seid ja alle erwachsen.* Ich ziehe mich dezent in eine Ecke des Ladens zurück. Bin ja aber mal wieder ein gekonnt gesetzter Störfaktor in der Szene, grinse ich in mich hinein. Mein Regisseur wäre stolz auf mich. Er würde das als einen 'gekonnten Bruch' titulieren.
Kaum bin ich geparkt und mit Tarnkappe versehen, betritt die erste Glättungskundin die Mangelstube.
Sieht mich gar nicht.
Tarnkappe wirkt.
Es tockt an mir vorbei. Ratsch! Vorhang zu. Weg sind sie.
Alles, was sich jetzt abspielt ist
ein Lauschen zweier füreinander unsichtbarer Welten, die aufeinanderprallen.
Ich arbeite gelangweilt, still und leise ein wenig mit dem Hund und ärgere mich, wofür ich überhaupt her gekommen bin. Aber, das Leben sollte mir gleich erklären, wofür ich gekommen bin.
Drinnen wird wohl vorbereitet und ein wenig Smalltalk ausgetauscht. Ich bin ein dezenter Mensch und höre gut nicht, was die Damen so austauschen. Vielleicht interessiert es mich auch nicht. Dann aber. Die ungenannte Berufsgruppe spricht Frau Spritzeeins ein Kompliment aus. Zu ihrem schnuckldiwuck-Dollarzeichen-sechsstellig-farbigen Stradivaridesignerfummel. Ist mir gar nicht aufgefallen, des Teil, denk ich mir. Irgendwie blöd, wenn man so viel Geld ausgibt für etwas, in dem man dann nicht mal außergewöhnlich gut aussieht. Aber gut. Ich habe von dieser Welt eben einfach keinen blassen Schimmer.
Sie lamentieren noch ein wenig über die Klamotte, dann kommen sie auf das dramaturgisch wichtige Detail zu sprechen. «Habe dem Herrn Mein-persönlicher-Autoverkäufer extra gesagt, dass der ZXS-blaschlagmichtot», (Gedankeneinwurf aus dem heute: was weiß ich, was das damals für ein Coupe, Flitzer, Luxuswagen war), «dass der ZXS unbedingt Kalenderwoche blabla geliefert werden muss. Dann kam der, …. und das Interieur, ich sag Ihnen!!!! Die Farbe!!! Nein… also nein! Frau Berufsgruppe antwortet irgendetwas, das ich nicht verstehe. «Ja natürlich. Also das muss dann schon stimmig sein», Spritzeeins. «Was hat der denn für eine Farbe», die Berufsgruppe. «Schnuckldiwuck-Dollarzeichen-sechsstellig-farbig natürlich, das muss dann schon stimmig», die Spritzeeins. «Ich habe das Stradivarifummel auch noch in Wuckldischnock-Dollarzeichen-sechsstellig-farbig. Da haben wir gleich noch einen ZXY-ichbintotgeschlagen-Sportflitzer mit Niederunterirdischtiefplatinfelgen geordert. In Wuckldischnock-Dollarzeichen-sechsstellig-farbig.» *Vesteht sich*, ich. Für mich. Versteht sich.
Ich suche im meinem verschwiegenen Buttler Eck nach einem Designerfummelärmel um mir die Ohren auszuputzen. *Ja,* denk ich bei mir, *es gibt Menschen, die kaufen vielleicht mal einen Fummel in der Farbe ihres Autos. Es gibt aber auch Menschen, die kaufen eben Autos in der Farbe ihres Fummels. Kann man so machen.*
Geschichten, die das Leben nicht besser schreiben könnte. Schön, wenn sie wiederkehren.
Aber, ich sitze ja jetzt gefühlte zwölf Jahre später auf meiner Couch und frage mich, ob ich wohl noch einmal eine Kundin finde, die im Hinterzimmer Botoxt.
Übrigens recht pfiffig, die Idee.
Und, an dem Grund für die Botoxpartys sieht man auch, dass jede Existenzebene letztlich nach denselben Gesetzen funktioniert. Naja..., so bisschen zumindest. Was hat Botox mit B..Laden zu tun? Den Anfangsbuchstaben, ok. Und einen reichen Ehemann, der das Hobby 'Selbständigkeit' seiner Frau finanzieren soll. Damit er ihr nicht den Geldhahn abdreht, weil, der Schuppen lohnt sich ja nicht, wird halt der Umsatz in Kanülen auf der Fensterbank berechnet.
Zurück jetzt aber ins Heute.
Blick in den Spiegel.
Botox.
Ob ich das Ernst meine?
Ich weiß nicht. Ich glaube nicht. Wenn, dann würde ich, nein… ich würde nichts. Außerdem, Botox ist angeblich kein Weg sich zu entfalten. Sagt mein Küchenschlaubi. Links. Gleich neben dem Eingang. Weiße Schrift auf rosa Grund. Postkarte. Hast ja Recht, du mit deiner lebensweisen, vom Leben verwaisten, fettbeschichteten Patina.
Was dann?
Klare Entscheidung. Darüber auf der Stirn folgendes tätowieren lassen. Mit Pfeil auf die bösen Krater:
«Der Grund sind meine schlechten Augen, nicht meine schlechte Laune»
Hätte zumindest Stil.
…
Erneuter Blick in den Wohnzimmerspiegel. Wird nicht besser.
*Jetzt?* so der Clown.
Ich so: *Nein.*
Meine vom Leben gegerbten Hände legen das Laptop vom Schoß auf die Couch. Ich mag übrigens Hände, die Geschichten erzählen. Meine Füße, warm gepackt in die selbst gestrickten Socken einer lieben Seele, tragen mich Stufe um Stufe nach oben ins Dunkel der ersten Etage. Wende mich nach rechts um die Kurve. Noch vier Stufen.
Meine Hand fummelt auf der abgegriffenen Rauhfasertapete nach dem Lichtschalter. Klick. Licht. Der verstaubte Plastikkristallkronleuchter mit seinen drei noch funktionierenden Birnen erleuchtet das Bad. Badschrank auf. Da war doch mal ein Schälchen mit … Tatsache! Es gibt sogar noch Tattoofarbe. Jahre, Jahrzehnte alt. Farbtest? Ok Dicketest? Ok.
… Etwas später. Zurück im Wohnzimmer.
Auf der Couch?
Eine Frau mit Stil.
… Viel später. Immer noch Hunger. …
Corona FAKS Sitze gerade über den FAKS, oh Pardon den FAQS zum Lockdown zwei. Häufigste Fragen … da fehlt ganz klar die Frage Nummer 1. Warum braucht ihr Tage und Tage um eure scheiß Regeln aktualisiert ins Netz zu stellen, Regierung?! So, dass Menschen wie ich, die gerne mitarbeiten auch in der Lage wären ihren Kunden mal zu sagen, was sie jetzt noch dürfen. Im Idealfall mal, bevor die Kunden verloren sind. Hey, geht’s noch? Seit Mittwoch gilt Lockdown 2 aber die Liste der erlaubten und unerlaubten Tätigkeiten ist bis jetzt – Samstag abends 19:21 Uhr – auf Status 'in Bearbeitung'? Danke ihr Zipfel! Meine letzten Kunden sind dann mal weg. Wer hat euch eigentlich ins Hirn gekackt? Echt war. Selbst ungesunder Menschenverstand hätte mehr Logik! Hundeschulen, wahrscheinlich auch Einzeltrainings sind verboten. Aber Personal Training in Privaträumen ist erlaubt.
Daaaaaaaaa sind jetzt aber ein paar der Basisleitungen in der Logik so a winzig kleins bissal auf Kurzschluss geschaltet oder?
Echt!
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