004_2020. Ausgebremst. Von Null auch gleich. Tag 5, Mittwoch
- GM

- 5. Sept. 2020
- 6 Min. Lesezeit
Tag 5, Mittwoch
Patientenzimmer, irgendwann abends Sitze im Bett und lasse heute mal die Zeit warten. Bis die Erlebnisse von heute meine Seele eingeholt haben. Lasst mich zurück gehen und erinnern, was heute Vormittag noch geschah.
Ich kann eigentlich nicht viel zu dieser Frau sagen. Ich darf es eigentlich gar nicht. Die Tür ging auf, an diesem Mittwochvormittag, und sie rollte in mein Leben. Punkt.
Mehr ist fast nicht zu sagen.
Die Neue Die Tür geht auf, an diesem Mittwochvormittag und sie tritt in mein Zimmer. Eine Selbstverständlichkeit in Person. Ja, sie tritt. Natürlich rollt sie, aber keine Frage. Es ist klar, dass sie eigentlich laufen würde. Wenn sie könnte. Und darum ist sie hier. Mein Blick fällt auf ein Hightechbein in einem türkisen Turnschuh. Liegt es an ihm, dass sie, gefühlt, ins Zimmer tritt? Nein.
Wer ist sie? Ergraute, kurze Locken. Eigentlich ein sehr junges Gesicht, aber dahinter steht vieles geschrieben. Hübsche Frau. Ich bekomme nicht zu fassen, welche Persönlichkeit dahinter steckt. Optisch ist sie eigentlich ein sehr lieblicher, glatter Typ. Ovales Gesicht, aber nicht hager. Und trotzdem. …
Wenn ich sie glaube gleich greifen zu können, fällt der Vorhang zu und steht wie ein Schleier. Da ist eine Wand. Eine Strenge. In meiner Welt nenne ich solche Menschen 'erwachsen'. Hart gegen sich selbst, klar, strukturiert. Ein laufender Kopf.
Nmmmmmmmh… nein. Sie kommt rollend und läuft. Sie wirkt humorlos und hat Witz. Zumindest von meinem Tellerrand aus.
Sie kommt. Sie richtet sich ein. Ups, stimmt, da gibt es auch ein Mann. Der trägt die Tasche, stellt sie aufs Bett. Sie bewegen sich, schauen, reden. Ich ziehe meine Aufmerksamkeit für wenige Minuten zurück.
Privatsphäre wahren.
Es gelingt mir nicht all zu lang. Buntes Treiben, da drüben. Egal, wo er mitdenkend, führsorgend, Raum schaffend helfen will, die Antwort ist „Das geht schon!“. Sie packt an, dass ich mich frage, wie man rein von den physikalischen Kräften her mit einem Rolli so agieren kann. Tische schieben mit einer Hand? Im Rolli. Der Name sagt ja, das Ding rollt. Hallo?! Sie ist so was von kein Opfer. Sie ist einfach.
*Die sitzt doch noch nicht lang im Rollstuhl!* konstatiert der innere Beobachter auf meiner Schulter. Trotzdem schiebt und dreht sie das Teil in einer Geschwindigkeit und Professionalität, ...ich muss ihr zusehen.
Der eine Stumpf im Hightechfuß. Der zweite Fuß? Vermutlich zuhause. Scheiße, denk ich. Die hat jetzt bitte nicht irgendein verficktes Problem mit dem Stumpf und ist deshalb in den Rolli gezwungen?! Die gehört da nicht rein. Die gehört auf ihre Füße.
Ob wir warm werden? Oder wird sie mich bald in drei Worten an die Zimmerwand stellen?
Sie räumt aus, sie räumt ein. Hin und her geht es.
Dann fällt ihr ein Zettel runter.
Einen Teufel werde ich tun und los springen. Im Leben nicht.
Nicht bei dieser Frau!
Das ist eine Kämpferin. Wenn diese Frau Hilfe will, sagt sie das. So beobachte ich von meinem Bett aus, wie sie neben dem Blatt parkt, die Bremse einlegt und sich nach dem Blatt bückt.
Oh krass! Die ist sogar an den Fingern amputiert! Nur das erste Glied aller Finger hat sie noch. Natürlich frage ich mich in dem Moment, wie sie wohl das Blatt aufnehmen will. Wie kann ich mich auch so blöd fragen?! So, wie man eben ein Blatt eben aufnimmt. Mit den Fingern. Wie sonst?! an mich selbst.
Diese Frau hat kein Handicap. Ich bin nicht im Stande, sie als eine Person wahrzunehmen, die im Rollstuhl sitzt. Es gibt Aufgaben, keine Grenzen, richtig? stelle ich still für mich, diese, eine ungehörte Frage an sie.
Inzwischen ist sie fertig. Alles wo es hin gehört. Der Mann ist schon eine Weile weg.
In zwei Wendungen steht der Rolli passend neben dem Bett und eh ich mich versehe ist sie drin. Sitzt darin und spielt mit ihrem Handy.
Natürlich unterhalten wir uns auch. Bei ihr um den heißen Brei zu reden, ist Käsekacke. Also wird frühzeitig geklärt, warum sie hier ist. Auch mein brennendes Interesse, so eine Prothese mal genauer anzusehen. Kein Thema. Alles völlig normal.
Ab und an flammt in ihrem Gesicht, in ihren Worten etwas Wildes auf. Eine unkonventionelle Seite. Wo ist diese zweite, und wer?
Patientenzimmer, nachmittags Sitze gerade auf meinem Krankenhausbett, spüre die Wand, höre die Laute, die von draußen zu uns dringen. Ich rieche den Raum.
Das Bett von ihr ist den ganzen Tag leer. Provokationstest für Antibiotika, die sie jetzt dringend braucht. Und ich sitze jetzt hier und spüre diese Frau.
Was für eine Frau.
Sie hat einen Touch von Lisa. Ihr kennt Lisa nicht. Leute, ich sage euch, ich lerne so tolle Frauen kennen. Lisa. Auch vor ihr kann ich nur still den Hut ziehen. Sie fährt unsoftes Softenduro. Aber eigentlich wurscht, was sie fährt. Sie fährt. Das ist der Punkt. Andere Menschen, die sind wie sie, würden nichts fahren. Mehr über sie zu erzählen steht mir nicht zu. Nur soviel: Kaum einer würde, aber sie, sie fährt. Weil sie lebt. Weil echte Motorradbräute sich einfach nicht aufhalten lassen vom Leben. Sie nehmen es mit und leben es. Lisa ist viel „kracherter“ als Julia. Julia, das ist die Frau, die eben nicht im Rolli sitzt. Sie stehen in der gleichen Kraft da, aber Lisa „brüllt“ eben bayrisch. Julia ist distanzierter. Herzlich, freundlich, menschlich. Aber trocken. Mit spürbaren Grenzen, von denen ich nicht weiß, ob sie als Person dort endet oder dort die Schwelle zu der eigentlichen Julia anfängt.
Während ich mich mit ihr unterhalte über das, was sie im letzten Jahr bis heute durchgestanden hat, sucht mein innerer Greifarm nach der Kante, nach dem Fünkchen emotionaler Schwäche an ihr. Nach den kleinen Lücken in diesem strengen Rahmen. Ich würde sie beruflich gern in einer sehr kopflastigen, leitenden, bürokratischen Position ablegen. Einfarbig. Gedeckt. Mag sogar stimmen.
Aber ich spüre, da ist etwas, das ein anderes Feuer hat. Farbe. Kräftige Farbe. Das emotional ist. Wild wie ihr Haar.
Ich kann euch, ich will euch gar nicht zu viel berichten von Julia. Ich würde euch gerne sagen: Lest ihren Blog. Aber, solange sie mir nicht erlaubt, sie in vollem Namen zu nennen, kann ich das leider nicht. Ihr solltet ihn ohnehin nur lesen, wenn ihr wirkliche Nackenschläge des Lebens aushalten könnt. Ich kann es – momentan – noch nicht. Das, was ich gerade von ihr kennen lernen darf, ist Futter genug für mich. Ich hoffe, ihr könnt sie irgendwann kennen lernen, wenn ich diesen Text ändern darf. Nicht nur, um euer Leben schätzen zu lernen und das Jammern aufzuhören. Lest, weil ihr unter Garantie ungläubig sein werdet. Vielleicht wird es euch gehen wie mir, hier, mit ihr. Vielleicht aber lernt ihr auch nur wichtiges zum Thema Sepsis, was keiner von uns weiß.
Wenn ich ihr zuhöre, wühlen in mir völlig gegenläufige Emotionen und Kräfte. Es geht zu wie im Staatsgefängnis. Aufsperren, rauslassen, in Zellen schieben, wegsperren. Ein permanentes Schlüsselrasseln und Türen knallen. Die meisten der Insassen sind weggeschlossen. Ich bin emotional noch zu klein um sie frei zu lassen, scheint.
Julia berichtet. Sie spricht und spricht. Ich suche zu verstehen, wie und wann ein Mensch diese Chance und Weisheit haben kann, in seinem Schicksal so dermaßen abzubiegen. Diesen Weg zu gehen, mit einer so immensen Kraft.
„Lebend komm ich aus der Nummer eh nimmer raus“.
Bei dem Satz muss ich erst einmal die Pausentaste drücken. Es dauert, bis ich die Worte aufhole. Dann, erst dann beginnt das Verstehen.
Lebend kommst du aus der Nummer eh nicht mehr raus. Wie recht sie hat. Worauf also warten.
Sie spricht derweil weiter. Wann Julia, denke ich, bist DU einmal schwach? Oder ist es das, was DU weggesperrt hast? Kann dir irgend jemand, da ein schwacher Moment bei dir anklopft… kann dann irgend jemand zu dir vor dringen? Ich mag das Gefühl nicht, das sich vor mir aufstellt. Ich mag auch nicht die altkluge, lieblich harte Ausstrahlung dieses Gefühls. Mach dich weg, du blöde Realität! Ich werde das beklemmende Gefühl nicht los. Ich weiß doch die Antwort. Nein, verdammt! Ich will das nicht wissen! Aber, es ist so. Immer wieder. In solch einer Lebenssituation kann man die Stärke letztlich wohl nur aus sich selbst holen. Hilfe, ja, die kann helfen. Menschen, die wissen wovon du sprichst, das kann helfen. Aber die Kraft, die kann dir keiner ausleihen. Vielleicht, ganz vielleicht, mutmaße ich, habe in Ansätzen verstanden, wie sie schwache Momente erlebt. Verstehen heißt aber lange noch nicht, die trockene Erkenntnis auch nur im Ansatz verstoffwechseln zu können.
Ja, das ist Julia. Ich werde nie wissen, wie die Welt von Julia sich lebt, anfühlt, wirkt.
Hoffe ich.
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