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002_2020. Ausgebremst. Von Null auf gleich. Tag 3, Montag

  • Autorenbild: GM
    GM
  • 3. Sept. 2020
  • 12 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 1. März 2022

Tag 3, Montag

Patientenzimmer Ich habe eine sehr liebe, junge, hochschwangere Mama zweier Jungs als Zimmernachbarin bekommen. Drangsaliert von irgendeinem Auswuchs der Schwangerschaft, der sie ekelt und nun auch plagt. Der soll entfernt werden und löst bei den AIPlern Stürme der Neugier aus. “Darf ich noch mal sehn?!“ … Darf ich?“ Grad, dass er nicht eintaucht in ihre Hand.

Ich bekomme das ganze ja nur von meiner Bettkante aus mit und sehe weder, was da so 'eklig' ist, noch wo genau. Nur, dass es gutartig ist. Na, denk ich, des ist doch schon was!

Als der Tross sich wieder hinter dem fahrbaren Lesepult sammelt um den Rückzug anzutreten, wird meine Neugier dann doch zu groß. Ich warte, bis der letzte Dackel sicher seinen Schwanz aus dem Türspalt gezogen hat. Die Tür fällt ins Schloss.

„Warum behalten die dich jetzt, wenn das doch nur ein lokaler Eingriff ist? Sitzt des so blöd, oder warum?“ “Weiß ich auch nicht“, erwidert Anja und hält mir, die Handfläche zu mir, ihre ausgesteckte Hand entgegen. „Des sitzt halt da am Gelenk. Angeblich kann das nachbluten.“ Lokalisation? Eindeutig. Mittelfinger auf dem Gelenk zwischen Phalanx proximalis und media. “Vielleicht, weil man des immer bewegt.“ Sie krümmt die Finger einmal. Ich grinse. “Naja“, sage ich, „pragmatisch gesehen, wäre dieses Problem leicht zu lösen.“ Ich hebe ihr meinen ausgestreckten Mittelfinger, aber diesmal Handrücken zu ihr, entgegen. “Braucht man ja nur so zu fixieren. Dann kannst dich gleich mal ungestraft austoben und allen, die dich nerven...“ Dabei zeige ich noch einmal meinen Mittelfinger. Sie stutzt. Der klassische Stinkefinger vor ihrem inneren Auge muss erst noch emotional ausdifferenziert werden. Realität und Empfinden hatten soeben einen Frontalcrash. Dann findet sie aber die Satzzeichensetzung in der vertrockneten Melodie meiner Stimme, sieht das einseitige Grinsen. Das Eis war gebrochen. Seither hatten wir viel Spaß. Mehr als genug davon.


Die Blutdrucktruppe Wie immer ohne Klopfen. Somit nie Zeit, sich zum Mundschutz zu retten. Sie, 'U25, weiblich, Blutdrucktrupp' betraten das Zimmer. Auch in weiß. Man kann Ärzte, Praktikanten, Schwestern, Schwesterschülerinnen und AIPler hier nur grob, sehr grob an der Länge der Oberbekleidung und am vermutlichen Alter unterscheiden. Ich gehe davon aus, der Blutdrucktrupp mit seinem g‘schlamperten Tante Emma Einkaufskörbchenwagerl auf vier Rollen besteht an diesem Tag aus zwei sehr jungen, schnatternden Schwesternküken.

Die Tür fliegt also auf und ein konfuses Mädl mit braunen, zusammengefassten Haaren steuert schnurstracks auf die Kugel neben mir zu.

Ich muss dem folgenden Geschehen voraus schicken, dass meine Nachbarin vor nicht einmal fünf Minuten von unserem gechillten Medizinpraktikanten über Stuhlgang, Gewicht und sonstige Vitalwerte ausgefragt worden war. Von ihm und ich meine mich zu entsinnen auch den Ärzten ausreichend ge-blutdruckt wurde. Also ich möchte behaupten, diesbezüglich war sie aktuell vorbildlich und engmaschig versorgt.

Ich wiederhole mich, aber, unsere Schnatterchens übersehen mich heute völlig und steuern auf die Kugel zu. Schnatterchen Nr.1., die das wild durcheinander gewürfelte Angebotskörbchen aus Blutdruckmanschette, Fieberthermometer, Desinfektionsmittel, Stofftupfer, Papiertüchern, Schere und 'Hast‘de nicht gesehen' fest im Griff hat. “Frau M.?“

Ich muss gestehen, ich nehme in diesem Moment im Kinosessel Platz. Roter Samt federt meine Arschbacken ab. Pop! Popcorn. Bfuuuu, ok, hätt ich jetzt nicht gebraucht, Popcorn. Aber, gehört wohl zur Requisite einer Kinoszene. Ich staune mich in die Szene ein.

Es herrschen große Augen dort drüben. Und Irritation. Nicht nur seitens meiner Bettnachbarin, die wohl noch nie das lustige Treiben so eines Krankenhauses erlebt hat. “Äh.., ich wurde....“, stammelt sie.

„Nehmen Sie doch einfach mit meiner Wenigkeit Vorlieb“, werfe ich von hinter ein. Aber... habt ihr schon mal mit den Protagonisten auf der Kinoleinwand gesprochen? Seht ihr. Ich bekomme auch keine Reaktion. Es ist, als wäre ich physisch nicht vorhanden in diesem Raum.

„Äh..., ich wurde eigentlich... schon wieder? ...Die haben bei mir doch gerade Blutdruck? ...Schon wieder? Warum? Stimmt was nicht oder ist das normal?“. A. ist reichlich verunsichert. “Ach so?“, das Küken. „Sind Sie gar nicht Frau M.?"

Ich versuche noch einmal ins Drehbuch einzugreifen. Etwas lauter diesmal. “Toben Sie sich doch einfach an mir aus!“. Ich hebe meinen Arm als Blutdruckdummy. Das Küken und ihre Gefolgschaft dreht sich um. Ich bin gecastet. “Ach, oh!“, kuckt sie und hüpft neckisch-peinlich, wie Küken eben hüpfen, wenn sie bei einem Unachtsamkeitsfehler erwischt werden, zu mir herüber. Gefolgt von dem verbraucht scheppernden Einkaufskörbchen für Magersüchtige, das ihre Kollegin, Schnatterchen Nr.2 geistesanwesend übernommen hat.

Sie legt mir gackernd die Blutdruckmanschette an, entschuldigt sich vielmals.

“Kann schon passieren. Nach drei Tagen kennt man sich nicht zwingend“, schmunzle ich süffisant zurück. „Hm …“, sie weiß nichts zu erwidern und pumpt weiter. Lässt ab, pumpt, lässt ab, pumpt und beide starren gebannt auf ihre digitale Lehrkraft. 100 zu 50. Es wird einfach nicht mehr. Konfus gräbt sie in ihrem fahrbaren Handtäschchen. “Wo ist denn...?“ Letztlich zieht sie ein Papiertuch heraus. Faltet es. Es folgt ein ähnlicher Fummelvorgang am eigenen Körper. Meinen Kopf auf der Hand abgelegt beobachte ich das Geschehen. Ah ein Stift! Gefunden!Jetzt die Werte aufschreiben. Aaaah..., folge ich dem Film vor mir. “Interessantes Dokumentationsmaterial benutzen Sie hier.“ Ich kann einfach nicht anders. Sie, völlig aus der Konzentration gerissen. Denn natürlich will der Stift nicht, das Display allerdings schon. Die Zahlen darauf gehen so schnell wie sie kamen. Dann noch so unerwartete Querschläger vom Patienten. Nicht nett von mir. Wir könnten jetzt einen ersten Stresstest für künftige Schwestern machen… Ich würd so gern. Halte mich aber zurück. Schnatterchen Nr.1 ist koordinativ-emotional gerade ohnehin am Verarbeitungslimit. War aber auch gemein von mir. Küken müssen schwarzen Humor erst lernen. Die verzögerte Reaktion kommt doch noch. “Wie?“ “Na, weil Sie auf eine Serviette schreiben.“ “Ah so, ja besser als nachher die falschen Werte.“ Pragmatisch, das Kind. Dann laut: “Stimmt. Nur nicht die Nase putzen jetzt!“ “Wie?“ Ich lasse das lieber. Sonst implodiert mir das Köpfchen noch. Sauerei. Nicht hier.

Schrabbeldiklapper … Tür auf, Tür zu. Nu war‘n se wech!


Meine Nachbarin sitzt breit grinsend und fortlaufend irritiert auf ihrem Bett. Kann nicht recht fassen, wo sie hier gelandet ist. “Willkommen im Wahnsinn“ , zwinkere ich ihr zu. “Mach mir keine Angst“, sagt sie. “Nein, alles gut. Ich blödl doch nur rum.“

Das ewige hin und her, das Gerede, Gerumpel, Türen auf, Türen zu, verlagert sich eine Zeit lang auf den Gang. Ganz schön was los, heute.

„Is hier eigentlich immer so viel los? Weil dauernd einer rein kommt?“ “Ne“, sag ich, „eigentlich hast hier echt dei Ruh“. Kaum gesagt, fliegt erneut die Tür auf.

Wenn Blicke mehr als Worte sind. “Eigentlich!“ lachen wir.



Sind sie von der Störungsstelle? Herein kommt eine untersetzte, brillentragende, leicht krumme Dame mittleren Alters. Mit einem Klemmbrett unter dem Arm betritt sie den Raum. “Guten Tag.“ Das geht an uns beide. „Frau M.?“ “Ja.“ "Amtsschimmel mein Name.“ Namen echt. Die Drogen. “Ich bin von der Verwaltung.“ Ah, denk ich mir, ja, erkennbar anders als alles zweibeinige bisher. Speichern! Oben rot, unten weiß ist gleich Amtsschimmel. “Ich muss mit Ihnen noch ein paar Dokumente ausfüllen.“ Sie erklärt mir eines nach dem anderen und reicht es mir zur Unterschrift.

“Sie können mir praktisch alles zum unterschreiben hinlegen, ich seh eh nix“, frotzl ich. Schon wieder Irritation. Diesmal auf Verwaltungsebene. Ja Himmel Herrgott!? Ist das hier denn so eine humorfreie Zone? Da kommt das Lächeln. War wohl ein wenig ungewohnt, dass ein Rotgesicht zu Witzen aufgelegt ist. Krank ist schließlich krank, nicht witzig.

Sie reicht mir weitere Dokumente. Das, was da inhaltlich zu meinen, durchs Hirn wabernden grauen Nebelschwaden durchdringt, kommt mir von Samstagnachmittag irgendwie unverrückbar bekannt vor. “Kocht hier eigentlich jeder seine eigene Suppe?“ frag ich. „Das alles hab ich bei Einweisung schon mit der Ärztin ausgefüllt. Mein ich.“ Ich hätte diesen kompetenzübergreifenden Vorstoß niemals gewagt, wenn nicht – nachweislich – bei mir und bei meiner Zimmergenossin heute schon mehr als x mal Doppelungen der Fragen und Behandlungswünsche aufgekommen wären. Die Dame vom Amt sollte meine Befürchtungen gleich untermauern. “Ach so. Na ich hol mir immer lieber meine eigenen Dokumente, da weiß ich, dass ich sie hab.“ Passt ins Bild. 2:0 Zwischenstand im Spiel Informationsfluss. Es spielen Chaos gegen Vertrauen. „Gewaltige Sickergruben, ich verstehe“, ich. Laut. Sie: Irritation. Ich: gewöhne mich hier langsam an diese Reaktion.

Ihr müsst wissen, meine Fernsehkarte geht nicht. Bürokratisches. Hab was falsch eingegeben, jetzt bin ich seit Samstag ohne Standleitung und ohne Verblödungsmöglichkeiten.

„Da müssen Sie jetzt leider bis Montag warten.“ Die Schwester am Samstag. Christliche Arbeitszeiten haben die Damen und Herren von der Störungsstelle. Montag bis Donnerstag, acht Uhr früh bis zwölf Uhr mittags, Freitag nur bis dreizehn Uhr.

Fazit meines Anrufs Montag früh war: „Oh, das ist jetzt schwierig. Das hatte ich auch noch nicht.“ Meine Fresse, dacht ich, ich bin ja gern anders, aber bei der falschen Benutzung von Fernsehkarten… Muss ich jetzt nicht wirklich… besonders sein. Der von der Störungsstelle: „Da müssten Sie zu der Kassenstelle gegenüber vom Empfang gehen. Die sind aber nur von acht Uhr bis zehn Uhr da. Da müssen Sie sich beeilen.“ Spitze! Zu der Zeit werde ich an der Nadel hängen und auf die Museumsführung warten, die jeden Tag irgendwann zwischen neun Uhr und dann halt auftaucht. Das konnte ich nicht verpassen. Unser einzige Draht zu was haben Sie, was tun wir und wann kommen Sie raus. Den konnte ich nicht mit nicht funktionierenden Fernsehkarten boykottieren. Ich entschied mich, mich ja schon an den Zustand ohne Glotze gewöhnt zu haben. Verblöden ging hier auch ohne. Jetzt aber, Montagvormittag, steht meine potentielle Quicktestlösung für dieses Problem vor mir. "Ich bin für die bürokratische Seite zuständig." Das war ihre Aussage. Bürokratie ist für mich alles, was mich regulär nervt. Also, ran an die Wurscht.

„HA! Dann sind Sie ja vielleicht auch für Störungen zuständig?!“

Sie nimmt gerade das letzte Formular an sich, schaut mich völlig konsterniert an und ringt nach einem seidenen Faden, mit dem Sie sich in meine Hirnwindungen rein verstehen könnte. Störungen? Störung... Psychologe... knallfarbene Haremshose... eigenartige Kommunikation... Störung... Psychiatrie… Ich lese in ihrem Gesicht wie in einem offenen Buch. “Also...Störungen, ... Nich, was Sie jetzt denken“, gestikuliere ich. „Mein Hirn echt, diese Drogen!“ Sie nimmt das Klemmbrett enger und hält sich am Bettrahmen ein. “Neeeee! Nicht was Sie jetzt denken!“ Ich verdreh das Auge und mach eine Fratze. „Ne, nich die Art Störung!“ Meine Zimmernachbarin rollt sich inzwischen auf ihrem Bett, das Kissen zwischen die Zähne gestopft. “Ja fix!!!!!“ Ich suche nach Worten und fuchtle, schnippe dabei mit dem Finger, damit der Bibliothekar in meinem Hirn mal in die Hufe kommt. “Na, na, ...Fernsehstörungsstellendings mein ich!“ Das war ganz klar einer der Momente, wo Gabapentin das Regiment übernimmt. Ihre Augen wachsen weiter. Eine Irre! Eindeutig! “Ja zefix! ....“, ich. Sie fängt an, leicht ungläubig zu lachen. Ich: „Ne, nich 'Sind sie Sie von der Telekom?!' ...“ Jetzt ist Land unter! “Der war jetzt eeeeeecht gut“, prustet der Amtsschimmel heraus und hält sich krümmend am Bett. Es dauert noch ein paar, von Lachsalven unterbrochene Anläufe, dann haben wir es geklärt. Sie hat mit dem Kassenautomat nix am Hut und ich bitte auch nicht um eine Rücküberführung nach Haar. Die Tür schließt sich von außen.

„Ich wusst gar nicht, dass es so lustig is im Krankenhaus!“ schnieft Anja und wischt sich die Lachtränen von der Backe.


Die Essensbesauftragte “Wart bis die Essensbesauftragte kommt.“ “Weeeer?“ Schon wieder geht’s los, dass sie krumm auf dem Bett liegt. „Weeer bitte?! Was bitte ist eine Essensbesauftragte?!“ Meine Zunge steht zu diesem Zeitpunkt eindeutig unter der Führung von Gabablabla. Verstehe nicht ganz, was jetzt grad so lustig ist. “Ja, da kommt halt eine, bei der du dein Essen für einen Tag im Voraus bestellst.“ “Ah so?!“ fragt Anja. Wieder schlagartig nüchtern. “Die isssecht lieb, aber ...“, ich will nicht zu viel verraten. Geht auch gar nicht, merk ich gerade. Ich lalle ja.

Ich gebe zu, im Nachhinein ist die Erklärung, dass eine BeSauftragte kommt, und man bei der Essen bestellen kann, auch nicht Phase für einen Krankenhausfrischling.

Einatmen, ausatmen. Sammeln. “Du musst wissen,“ erkläre ich ihr, „ich esse nicht zu Mittag. Und diese Frau“, – ich vermeide den Ausdruck Beauftragte ganz bewusst – , „ist der Überzeugung, ich MÜSSE Vegetarier sein. Wart ab!“

Nun habe ich ja schon zwei Tage Kämpfe mit der untersetzten, fürsorglichen Essensbeauftragten hinter mir. Ich gehe der guten Frau einfach nicht in ihren Kopf. Das hatte sie noch nie! Der Fall steht bestimmt auch nicht in ihrem Ausbildungsplan. Vegetarierin, die sich mittags ums Verrecken nicht von ihr verwöhnen lassen will. Für sie ergibt sich daraus ein doppeltes Problem.

Minuten nur gehen ins Land. Wir haben Montag.


Die Tür fliegt auf. Ein Windstoß fegt durchs Zimmer. “Guuuuutän Taaaag alläärseits“, strahlt sie in den Raum, sucht nach einem Stuhl, legt das Tablet vor sich auf und zückt den Stift. „Wir machän glaich“, winkt sie zu mir und widmet sich meiner Zimmernachbarin. “Wir beställen. Is für morgän. Sie heute beställän.“ “Aber ich weiß noch nicht, ob ich morgen noch da bin“, Anja.

Die Tatsache, dass auch diese Äußerung ihrer üblichen Arbeitsroutine widerspricht wird von dem Anblick der knallrunden Kugel in der Mitte der kleinen Anja hinweg gefegt.

„Ohhhhhhhh, mhhhhhh!“ Der Mensch gewordene Bemutterungstrieb war völlig aus dem Häuschen. „Mamaaaaaa, .. du! Wiiie langgä noch?!“ „Zweiunddreißigste Woche.“, antwortete Anja. „Ohhhhhhh“, der nächste Ausbruch von Entzücken. Unsere BeSauftragte streicht über ihren eigenen Bauch, derweil die Herzalaugen auf Anja's Kugel mitwanderten. Hase, dein Bauch kommt aber nicht von …, denke ich im Stillen.

„Du muuust Ässan für zwaiii!“ Endlich ein Opfer, das gefüttert werden muss. „Drei“, wirft Anja ein. „Waaaaaaaaaaaaaas Sie sagään?!?!?! Drrrraiiiii? Sie zwaiiii? ZwillinGä Sie bekommen? Mädchen oder Buba?“ „Zwei Jungs.“ „Waaaaaaaaaassss?! Aaach meine Gooooott.“ Sie schlägt vor Entzücken die Hände vor dem Munde zusammen. Würde der Coronaabstand sie nicht zwingen, ich bin mir absolut sicher, sie würde Anja's Bauch okkupieren und streicheln bis er durchgewetzt ist. „Ähh…“, Anja startet einen weiteren, kleinen, fast hoffnungslosen Versuch. „Ich weiß aber gar nicht, ob ich morgen noch da bin.“ Au waia! Der Fleisch gewordene Bemutterungstrieb zeigt erste Anzeichen von Stress. “Wir jetzt bestellen! Wenn nicht…“, fuchtelt sie mit den Händen Richtung Fenster „… aber wann doch..“. Sie fuchtelt wieder mit den Händen. Diesmal Richtung Bett. „ … dann kein Ässan.“ Nein! Das geht mal gar nicht! Ihre Schützlinge werden keinesfalls an Hunger sterben. Anja fügt sich. “Morgän“. Bestellt. Haken dran. “Miittaag“. Bestellt. Haken dran. “Abänd“. Haken. Ein Blick. „Dankää“. Ein breites, zufriedenes Lächeln.

Dann wendet sie sich zu mir.

„Frustuuuck?“ “Käse, keine Marmelade, ein Vollkornbrötchen, bitte,“ “Keine Marmeladä? Warruuuum?“ “Weil.“ “Aber Kakaaaoo?“ “Nein, danke.“ “Niiiccccht?....Aber Jogurt?!“ “Neinnn, danke.“ “Aaauch nicht? Nuuurr Brötchään, Käse?...“ Enttäuschung und Unglauben spricht aus ihr. “Ooooh mein Gooottt. Nicccht so sträng sain mit siiich! Aber dann viiierrr Käsä, niiiich zwaiiii?!“ “Na von mir aus.“. schmunzle ich. Zufriedenheit macht sich breit. Für den Moment. Schützling verhungert nicht schon beim Frühstück. Haken.

„Miiitttag?“ Ich sehe, wie Anja da hinten auf ihrem Bett zu grinsen beginnt. “Immer noch nicht.“ Jetzt gerät der Stuhl unter unserer Essensmatrone ins Wanken. Ihr Weltbild gerät Tag um Tag ins Wanken. Im Geiste winke ich ihr zu, grinse teuflisch und denke, Willkommen in 'Und täglich grüßt das Murmeltier.'

Sie fängt sich. “Ah, Sie Vegetaria. Iccch weiß.“ Dann wendet sie sich wieder dem Tablet zu und sucht. Ich weiß nicht wonach, denn ich habe ja die Frage mit Immer noch nicht für meinen Geschmack allumfassend geklärt. Sie aber startet auf ein Neues. „Wir nehman..." Irgendwie ist die Botschaft noch nicht angekommen. Und, wer bitte hat ihr denn den hartnäckigen Floh ins Ohr gesetzt, ich sei Vegetarier??

Ich bin zu Scherzen aufgelegt. Sie ist so niedlich, wenn ihre Essensroutinen gecrashed werden. Entscheide mich, die Aufklärung über Vegetarier oder nicht erst einmal für mich zu behalten.

„Nein,...“, antworte ich auf jeden Ihrer Vorschläge. „Auch nicht, danke.“ Sie sieht mich an. Fragend. “Aber was dann, Sie Vegetaria?!“ Verzweifelt sucht sie nach der Mahlzeit, die für mich erfunden wurde. Kein Käsa, kein Flaiiisch, kein Milchprodukta. Schwierig. Ich warte, bis sie von ihrem Tablet wieder hoch sieht und wiederhole im Chor mit Anja: “GAR NICHTS!“ Erstarren. Langsam erscheint das Deja vue an Gestern und die Tage davor. Ah, das war die Vegetarierin ohne Mittag. “Kein Miittaag...“ Sie schüttelt den Kopf. “Aber Abänd?“. Ihre Hoffnung springt mir schier ins Gesicht.


„Ja. Eine Vollkornsemmel und vier Hinterschinken, nicht zwei.“

Das war jetzt zu viel. Vier Hinterschinken fochten in ihrem Frontalhirn einen sichtbar harten Kampf contra Vegetarier. Nain! Wie jetzt?! Schinkan kein Flaisch? Vegetaria ässan Schinkan? Fisch auch? In den Gefechtspausen sieht sie mich hilflos an. Von oben bis unten. Seufzt und sagt radebrechend: “Ich denka, ich machen den Job schon fuuunfzehn Jahr, und ich so was ich hab noch niiicccht gehabt. Ich waren sicher, Sie Vegetaria. Und kein Miittaag...wiiiirklich?!?!?.. kaaain Miittaag????!“ “Kein V e g e t a r i e r“, akzentuiere ich überdeutlich und lächle sie dabei, den Kopf langsam von links nach rechts wiegend, an. „Und k e i n Mittag“. Die Arme. Jetzt tut sie mir fast leid. “Also, ich wiederholen! Frustuck.“ Sie setzt noch einmal einen geistigen Haken. „Miittaag .... Miittaag... wo wir haben....“ “Wir haben nicht !“ versuche ich es. Wiederum langsam den Kopf hin und her drehend um zu vermitteln. “Aaaach, ja!“ Sie langt sich an den Kopf. „Sie mich machen ganz verruuckt. Kein Miittaag?!?!?!!“

Geistiger Frieden kehrt zurück. „Abänd. Vier Schinkan. Kein Butter.“

Der nächste Fütterungsversuch. „Wenigstens ein Jogurt?“ „Zu gesund.“, lächle ich geduldig zurück. „Haaaach!“ Entrüstung. „Ein Obst wenigstäns?“ “Nein, danke. Immer noch zu gesund“. Meine Antwort, seit ich hier bin. Tag für Tag. Sie gibt auf. “Naa guut. Auf Widersähn. Dann wir sehen später.“ Die Tür schließt sich.

Was bleibt ist eine sichtlich amüsierte, breit grinsende Zwillingsmama. “Das hat sie jetzt total überfordert.“ “Ja“, lache ich. „Das überfordert sie seit drei Tagen. Aber süß is sie trotzdem.“


Willkommen im ganz normalen Wahnsinn.


Patientenzimmer, gegen abends Sitze gerade mit einer Armee von Wasserflaschen unter mir auf dem Tisch auf dem Fensterbrett und komme zur Ruhe. Lasst mich berichten, was heute geschah.

Carla und die rote Frau Heute durfte ich den kleinen Max aus Max und Moritz kennen lernen. Sie heißt Carla. Ein dreijähriges Mädl. Zuckersüß und bildhübsch. Ein charismatisches Mädchen. Anders als, aber trotzdem so intensiv wie ihre Mama, Nina. Sie sind heute im Zimmer neben mir eingezogen.

Auffällig wackelig kommt die Kleine mir, an der Hand ihrer Mutter auf dem Flur entgegen. Ich bin inzwischen schon gut in Kriegsbemalung. Auch rund um das Auge. Martialisches Rot. Dazu die knallig neon coralfarbene Dancehose. Maske natürlich. Die kleine „Max“ mit den hochstehenden, blonden Haaren und den tiefen Augenringen bleibt, als sie mich sieht, auf dem Flur stehen und mustert mich verschüchtert mit ihren großen Augen. „Mama?“, flüstert sie hinter ihrem, auf die Zahnlücke zwischen den Schneidezähnen gelegten Zeigefinger hervor, „warum hat die Frau sich so rot angemalt?“ Was antwortest du da? Ich sehe an Carla's Hals und im Gesicht ebenfalls rote Stellen. Schwächer. Nicht gemalt. Das arme kleine Ding. Neurodermitis. Bevor es der Mama peinlich werden kann, antwortet ich Carla: „Das kann ich dir sagen. Weil das nicht jeder kann. Weil das was ganz besonderes ist so rot zu sein.“ „Hallo!“, schmunzle ich hinter meiner Maske der Mutter zu. Sie wirkt dankbar und überrascht zu gleich. „Hallo!“ versuche ich Carla anzulachen. Mit Maske. Schwierig. „Genau. Das ist was, das kann nicht jeder“ wiederholt die Mutter.

„Du bist im Zimmer neben uns, gell?“ „Ja“ nicke ich. „Hallo, ich bin Nina. Das ist Carla.“, sagt Nina. „Ich bin G. Willkommen hier“, antworte ich. „Wir sehen uns bestimmt noch. Ich muss jetzt mal kurz für kleine Mädchen“, deute ich. „Ja bestimmt. Schönen Abend noch“. Ich versuche zu Carla freundlich zu sein und winke. Nina winkt und sieht auf ihre Kleine, die ihre Zahnlücke festhält und mich weiterhin unverwandt ansieht.

Eigenartig wankend geht Carla an Ninas Hand an mir vorbei. Richtung Zimmer.


Nachts, im Zimmer neben mir Nachts, zwischen Mitternacht und ein Uhr muss es sein, fängt Carla im Nachbarszimmer an zu schreien und zu brüllen. Gefühlt Stunden. Oh mein Gott, was ist wohl los mit diesem Kind? Alpträume? Sind Ärzte oder Schwestern drin? Schmerzen? Heimweh?

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